Entlassung während Corona:"Im Knast war alles besser"

Ehemaliger Gefangener Michael Beer.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis brauchte Ralf Weeg (Name geändert) lange, bis er als Ex-Häftling seine Wohnung in München bekam.

(Foto: Florian Peljak)

So hart die Zeit im Gefängnis sein mag - manchem entlassenen Straftäter ging es besser, als er noch in einer Zelle eingesperrt war. Corona macht den Neustart draußen noch schwieriger als in normalen Zeiten.

Von Nele Karsten und Ruben Schaar

Ralf Weeg wurde zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns entlassen. Es ging alles ganz schnell an diesem Tag im März 2020: Im Gericht wurde das Urteil gegen ihn verkündet, nach 14 Monaten Untersuchungshaft in Stadelheim durfte er gehen. Er sei unvorbereitet gewesen, berichtet Ralf Weeg (Name geändert).

Seine Schwester nahm ihn mit zu sich nach Hause, seine Wohnung hatte Weeg wegen der Haft verloren, den Job schon davor. "Ich wurde von jetzt auf gleich ohne Geld und ohne eine Bleibe entlassen", sagt er. Wegen Corona waren die Ämter geschlossen, ein halbes Jahr lang blieb er bei seiner Schwester. "Ich hatte Glück, aber nicht jeder hat eine Familie, die hinter einem steht."

Wie es ist, nach der Entlassung niemanden zu haben, weiß Wolfgang Bürs (Name geändert). Er ist 81 Jahre alt und saß neuneinhalb Jahre wegen versuchten Mordes in der JVA Straubing. Als er im Januar entlassen wurde, habe er im T-Shirt bei eisiger Kälte vor dem Gefängnis gestanden. Deutschland befand sich mitten im zweiten Lockdown. Er fuhr zum Münchner Hauptbahnhof. "Dann stand ich da, ohne Handy, aber wo kaufen? Alles war zu. Ohne ist man ja total aufgeschmissen. Und wo kriege ich Schuhe her? Wo krieg ich das, wo krieg ich jenes?" Die Kleider- und Essensausgabestellen waren geschlossen, Ämter nur telefonisch zu erreichen.

Mit seinem letzten Ersparten habe er sich in einem billigen Hotel eingemietet. Dort habe er nicht mal Kaffee kochen können, also sei er rausgegangen, trotz Pandemie: "Ich habe immer draußen gegessen, auf die Hand und im Stehen. Ich bin zwar für mein Alter noch fit, aber meinen Beinen geht es schlecht."

Der 81-Jährige hatte fast kein Geld. Eine Bewährungshelferin nahm sich seiner an und vermittelte Bürs eine Unterkunft in einem Hostel in Schwabing, das im Lockdown als Unterkunft für Wohnungslose dient. Seit Februar wohne er dort in einem Doppelzimmer, er teile es sich mit wechselnden Mitbewohnern, erzählt er. Die Leute gingen ein und aus, Privatsphäre habe er keine, und Abstand halten sei auch nicht möglich. "Mein erster Mitbewohner hat mir nach zwei Tagen eine Frau vorgestellt, die hat dann seelenruhig mit im Zimmer geschlafen. Jetzt wohnt ein anderer hier, der hat nichts, nicht mal ein Stück Seife zum Waschen." Er habe Angst vor einer Ansteckung. "Die meisten Leute laufen ohne Maske herum, und ich weiß ja nicht, ob mein Mitbewohner gesund ist. Der kann sich ja nicht waschen."

"Corona schmeißt mich total aus dem Plan"

Ralf Weeg, der in Stadelheim gesessen hatte, hat mittlerweile über einen Freund eine eigene Wohnung gefunden. Über die Ämter sei nichts zu machen gewesen, sagt er. Die Telefone überlastet, die Kommunikation mit den Behörden schwerfällig. Seit einem Jahr fühle er sich "wie auf der Wartebank", sagt Weeg. Er ist gelernter Dreher, einen Job habe er bis heute nicht. Weegs größte Sorge ist seine Heroinsucht. Er habe bei mehreren Therapiestellen angefragt, bisher aber keinen Platz bekommen, jede Absage sei mit der Pandemie begründet worden.

Weeg hofft, dass Corona bald eingedämmt ist und er seine Therapie beginnen kann, aber sonderlich optimistisch ist er nicht. "Corona schmeißt mich total aus dem Plan, den ich hatte. Ich hatte vor, sofort, wenn ich rauskomme, eine Therapie anzufangen und mein Leben wieder zu leben, so wie es früher mal war. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass ich bisher den Drogen so weit standgehalten habe. Weil ich ja den ganzen Tag zu Hause bin und nichts machen kann."

Dem 81-jährigen Bürs fehlt genau das. Ein Zuhause, Privatsphäre, die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Die Bewährungshilfe gab ihm eine Liste möglicher Unterkünfte, bisher habe er aber nur Absagen kassiert. Man wolle niemanden in seinem Alter, keine Verbrecher, und außerdem sei Pandemie. "Im Knast war alles besser", sagt Bürs. "Da hatte ich meine Einzelzelle mit eigener Toilette, alles war wunderbar."

© SZ vom 20.03.2021/lfr
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