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Corona-Krise bremst Kauflust:Volle Lager, leere Kassen

Einkaufen in München zur Zeit der Corona-Krise, 2020

Von Kauflust keine Spur: Die Händler in der Münchner Innenstadt verzeichnen wegen der Corona-Pandemie massive Umsatzeinbußen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Den Einzelhändlern in München fehlen Einnahmen von mehr als einer Milliarde Euro. Für viele ist das Weihnachtsgeschäft die letzte Hoffnung, um eine Pleite zu verhindern.

Von Christian Rost

Dieser Sommer geht auch für die Einzelhändler in München in die Geschichte ein. Das Coronavirus hat ihnen beispiellose Umsatzeinbußen beschert und so tiefe Löcher in die Bilanzen gerissen, dass sich manche Geschäftstreibende nicht mehr davon erholen werden. Die befürchtete große Pleitewelle droht in München noch nicht - die Hoffnung ruht auf dem Weihnachtsgeschäft. Den Umsatzeinbruch bislang schätzt der Handelsverband Bayern aber schon auf ein Minus von zehn bis 15 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. Das sind mindestens 1,1 Milliarden Euro allein im Handel in der Landeshauptstadt.

Einzelne Branchen profitierten 2020 davon, dass die Menschen zu Hause bleiben mussten oder sich aus Sorge vor der Ansteckungsgefahr nicht auf die Straßen trauten. Sie deckten sich vorsorglich mit Lebensmitteln oder Drogerieartikeln ein und orderten verstärkt bei Onlinehändlern, deren Umsätze zweistellig wuchsen. Zuwächse verbuchten neben den Supermärkten und Drogeriemärkten auch Baumärkte und Einrichtungshäuser, weil daheimgebliebene Urlauber ihr Ferienbudget in die eigene Wohnung oder das Haus investierten. Oder die Fahrradgeschäfte: Wochenlange Lieferzeiten selbst für einen gewöhnlichen Schlauch gab es plötzlich. Der klassische Handel von Textilien oder Schuhen bekam die Corona-Folgen indes mit voller Wucht zu spüren. "Der Sommer war eine einzige Herausforderung", wie Wolfgang Fischer, der Geschäftsführer des Münchner Stadtmarketingverbands City-Partner sagt.

Am Wochenende zum Bummeln aus dem Umland nach München fahren, vor einem Theater- oder Konzertbesuch durch die Straßen streifen und zum Essen gehen oder - etwas rustikaler - vor einem Fußballspiel in der Arena noch zum Aufwärmen ins Wirtshaus: Das alles fiel heuer aus. "Die Kundenfrequenz in der Innenstadt wird in diesem Jahr um 20 Prozent unter der des Vorjahres liegen", prognostiziert Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Nach wie vor habe man das Normalniveau längst nicht erreicht. Und er stellt auch offen die Frage, ob es jemals wieder so ein Niveau geben wird für den Handel in den großen Städten, weil selbst Kunden, denen das Internet bislang fremd war, in der Krise den Online-Einkauf kennen und schätzen gelernt hätten.

Freilich: An manchen Tagen sieht es in der Münchner Innenstadt schon wieder so aus, als wäre das Virus nie dagewesen. Die Fußgängerzone füllt sich vormittags wie gewohnt, und die Läden werben fleißig mit Rabatten. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, weil "die Lager voll sind, die Ware raus muss und viele Betriebe in eine finanzielle Schieflage geraten sind", wie Ohlmann sagt. "Rabatte ohne Ende" gebe es. Allerdings sei die Lust am Einkaufen verschwunden. "Mit Maske macht das einfach keinen Spaß", sagt der Verbandssprecher, da würden auch die Mehrwertsteuersenkung und der Kinderbonus des Bundes für Familien nichts helfen. Die Senkung der Mehrwertsteuer mache sich beim Konsumverhalten "höchstens in homöopathischen Dosen bemerkbar".

Auch die Stadt München versuchte mit ihren vergleichbar bescheidenen Mitteln, den Geschäftstreibenden durch die Pandemie zu helfen. Mieten und Pachten für kommunale Immobilien und die Gewerbesteuer wurden gestundet, für die Wirte Freischankflächen erweitert und quasi als Ersatz für das ausgefallene Oktoberfest der stadtweite "Sommer in der Stadt" initiiert.

Doch bei aller Kreativität seitens des Rathauses blieben die Bemühungen unter den Möglichkeiten, wie Wolfgang Fischer findet: Der "Sommer in der Stadt" habe den Innenstadtgeschäftsleuten "gar nichts gebracht". Anwohner in der Umgebung der Festplätze sowie die Schausteller profitierten davon. Überregionales Publikum sei aber nicht angelockt worden. Sonderaktionen wie verkaufsoffene Sonntage hätten sich die Münchner Händler gewünscht, um ihr Geschäft wieder anzukurbeln, doch in diesem Punkt habe sich die Stadt nicht durchringen können. Wie beim Thema Freischankflächen fordert Fischer mehr Flexibilität, gerade in Zeiten wie diesen: "Das muss auch im Winter möglich sein."

Besonders fehlt den Münchner Händlern im Krisenjahr das internationale Publikum. München war bis zum Corona-Ausbruch laut City-Partner stets die deutsche Großstadt mit dem höchsten Anteil an Gästen aus dem Ausland von etwa 50 Prozent. In Hamburg belaufe sich der Anteil an Gästen aus dem Inland auf 80 Prozent, da sei man vom Einbruch des Tourismusgeschäfts daher nicht so stark betroffen. In München wirkte sich die Absage von Messen, der Einbruch des Reisegeschäfts und des Flugbetriebs entsprechend stark aus - die Wiesn-Absage noch gar nicht eingerechnet: Im Juli kamen aus dem nichteuropäischen Ausland rund 9000 Gäste an die Isar. Im Juli 2019 waren es 200 000. Die kaufkräftigen US-Amerikaner, Japaner, Chinesen und die arabischen Besucher, die sich in den Münchner Kliniken behandeln lassen, werden nicht nur von den Souvenirhändlern schmerzlich vermisst.

Nun ruht die Hoffnung auf dem Weihnachtgeschäft, das offiziell am 1. November beginnt und wetterbedingt schon in den vergangenen Jahren kein Hit für den Handel war. "Das Christkind kommt auch in diesem Jahr, wenn auch mit Maske", wie Bernd Ohlmann den Umständen entsprechend sarkastisch anmerkt. "Volle Geschäfte werden wir auch in diesem Jahr nicht haben", da bleibt er realistisch, und er appelliert an die Kommunen, Weihnachtsmärkte wenigstens in abgespeckter Form zuzulassen: "Lieber wenige Lebkuchenstände als gar keine", sagt Ohlmann und betont, dass in München der Handel 20 Prozent des Jahresumsatzes in der Vorweihnachtszeit mache. Er hofft dann auf eine signifikante Auswirkung der Mehrwertsteuersenkung beim Kauf von Geschenken, wenn teurere Artikel nachgefragt würden. Falls Weihnachten nicht die erhoffte Erholung für den Handel bringe und auch noch ein zweiter Lockdown drohe, "dann kreist endgültig der Pleitegeier über der Stadt".

© SZ vom 15.09.2020/kafe

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