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Coronavirus in München:Volle Tüten vor der Tür

Jonathan Petersen kauft am Elisabethmarkt für eine Frau aus seinem Viertel ein. Gesehen hat er sie noch aber nie - den Einkaufszettel bekommt er übers Telefon.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Initiative "Butterfly Effect" vermittelt Freiwillige, die vor allem für ältere Menschen in ihrem Viertel die Einkäufe erledigen. 250 überwiegend junge Helfer haben sich gemeldet.

Von Linus Freymark

Ein paar Karotten, eine Packung Tomaten, ein Bund Petersilie - wo ist die Petersilie? Jonathan Petersen geht noch einmal durch die Gemüseabteilung. Da ist sie. Es dauert manchmal ein bisschen, bis er die Sachen, die auf seiner Liste stehen, gefunden hat. Er ist erst zum zweiten Mal in diesem Edeka-Markt an der Nordendstraße.

Rund 250 vorrangig junge Leute in München haben sich wie der 21-jährige Pädagogik-Student bei der Initiative "Butterfly Effect"gemeldet, um ältere Menschen oder andere Hilfsbedürftige in der Corona-Krise zu unterstützen. Hauptsächlich erledigen sie Besorgungen, kaufen Lebensmittel, holen Medikamente aus der Apotheke. Alle Dienstleistungen sind kostenlos. Weil die Hilfe so unbürokratisch wie möglich sein soll, haben die Ehrenamtlichen ihre Zuständigkeiten nach Stadtteilen aufgeteilt: Meldet sich jemand aus Schwabing, der Hilfe benötigt, wird die Anfrage an jemanden aus diesem Viertel weitergeleitet.

Koordiniert werden die Aufgaben über Whatsapp-Gruppen. Wie genau die Zusammenarbeit dann abläuft, besprechen Helfer und Hilfesuchende direkt. Jonathan Petersen etwa hat die Frau, für die er nun einmal pro Woche einkaufen geht, noch nie gesehen: Wenn sie etwas braucht, meldet sie sich telefonisch und gibt ihm ihren Einkaufszettel durch. Vor dem Gang zum Supermarkt holt er das Geld ab, das ihm die Frau vor die Tür legt. Auch die Einkäufe stellt Petersen vor der Tür ab, Kassenzettel und Wechselgeld legt er dazu. "Wegen Corona haben wir das so geregelt", sagt Petersen. Das Ansteckungsrisiko soll so gering wie möglich bleiben. Beim Einkaufen trägt Petersen stets Mundschutz und Einweghandschuhe.

Entstanden sei die Idee für das Projekt vor etwa vier Wochen, erzählt Initiator Fadi Mansour. "Das Virus zwingt uns zusammenzuarbeiten", sagt er. Der 31-Jährige promoviert in Ökonomie; zuerst hat er ein paar Kommilitonen gefragt, ob sie mitmachen wollen. Nebenbei hat er Flyer verteilt und Aushänge mit seiner Handynummer in Läden aufgehängt. Viele haben sich daraufhin gemeldet, die helfen wollten, die meisten Studenten, aber es sind auch Juristen dabei, Betriebswirte, IT-ler. Inzwischen sind es fast mehr Menschen, die helfen wollen, als jene, die Hilfe suchen. "Wir müssen die Menschen noch mehr erreichen", sagt Mansour. Deshalb hängen sie weiter Flyer aus, machen Werbung über Social Media. Wer Hilfe braucht oder selbst helfen möchte, kann sich telefonisch unter 0152 276 380 52 melden, Infos gibt es auch im Internet unter the-butterflyeffect.de

Manchmal melden sich auch Menschen, die gerne Hilfe in Anspruch nehmen würden, aber sich nicht sicher sind, ob sie das dürfen - auf den Flyern stehe doch "für Senioren". "Das Angebot ist für alle", betont Mansour. In Zeiten wie diesen müsse die Gesellschaft zusammenhalten, die Freiwilligen von "Butterfly Effect" wollen mit der Einkaufshilfe ihren Beitrag leisten. So wie Jonathan Petersen, der seine Liste abgearbeitet hat und nun die Einkäufe vor die Tür seiner Klientin stellt.

Kreativ in der Krise: Die SZ stellt jeden Tag eine neue Idee vor, die das Leben in Corona-Zeiten erleichtern soll.

© SZ vom 08.04.2020/tah
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