Corona-Forschung660 Milliliter Blut als Waffe gegen das Virus

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Hilfe per Blutspende? Daran forscht Martin Hildebrandt am Klinikum Großhadern.
Hilfe per Blutspende? Daran forscht Martin Hildebrandt am Klinikum Großhadern. Stephan Rumpf
  • Das Klinikum der LMU hat Menschen, die eine Covid-19-Infektion überstanden haben, zur Blutspende gebeten.
  • Die vermutlich darin enthaltenen Antikörper gegen das Virus könnten schwer Erkrankten helfen.
  • Spenden dürfen nur Menschen, die älter als 18 Jahre und jünger als 60 Jahre sind.

Von Stephan Handel

Knapp 1400 Münchner haben, so der Stand am Dienstagnachmittag, die Corona-Infektion durchlitten und gelten mittlerweile als geheilt. Sie können nun Gutes tun, wenn nicht sogar Menschenleben retten: Das Klinikum der LMU bittet sie um eine Blutspende. Die vermutlich darin enthaltenen Antikörper gegen das Virus könnten schwer Erkrankten helfen. 660 Milliliter Blut werden den Freiwilligen abgenommen. Daraus werden dann alle nicht erwünschten, nicht benötigten Bestandteile mittels einer Zentrifuge herausgefiltert: Blutplättchen, Thrombozythen, Leukozythen. Übrig bleibt das reine Blutplasma - mit den hoffentlich vorhandenen Antikörpern, die das Virus angreifen.

Dieses so genannte Rekonvaleszenten-Plasma ist kein zugelassenes Medikament im Sinne des Arzneimittelgesetzes; allerdings sieht dieses eine "Ausnahme für Krisenzeiten" von den strengen Zulassungsverfahren vor - und in einer Krise befindet sich das Land, die Welt ohne Frage. "Wir segeln sozusagen unter der Flagge Notstand", sagt Martin Hildebrandt, stellvertretender Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin am Klinikum Großhadern.

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Deshalb hat die Aufsichtsbehörde, die Regierung von Oberbayern, die Erlaubnis zur Gewinnung und Verwendung des Plasmas erteilt. Als Spender kommt infrage, wer mehrere Kriterien erfüllt: Es muss eine Covid-19-Infektion positiv bestätigt worden sein, also ein Testergebnis nach dem bekannten Rachenabstrich vorliegen, das die Ansteckung nachweist. Sodann muss der Tester mindestens seit 14 Tagen symptomfrei sein - und mindestens ein negativer Testabstrich muss die Viren-Freiheit nachweisen. Außerdem sollen die Spender nicht jünger als 18 und nicht älter als 60 Jahre sein.

"Wir glauben", sagt Martin Hildebrandt, "dass wir mit dem Plasma schwer erkrankten Patienten eine zusätzliche immunologische Waffe geben können". Eingesetzt werden soll das Mittel bei Patienten, deren Zustand sich trotz Beatmung verschlechtert und bei denen die herkömmlichen Virostatika nicht oder nicht ausreichend wirken. "Es ist zugegebenermaßen ein Schuss Verzweiflung dabei", sagt Hildebrandt. "Wir haben ja sonst nichts."

Das Prinzip ist das einer Impfung. Auch dabei werden ja, bei der so genannten Passiv-Immunisierung, Antikörper injiziert, während bei der Aktiv-Immunisierung geringe Dosen des Krankheitserregers selbst geben werden, um das Immunsystem des Menschen zur Gegenwehr zu animieren. Wegen der Neuartigkeit des Corona-Virus und seiner aggressiven Ausbreitung bleibt keine Zeit, die Wirksamkeit der Plasma-Methode in langwierigen Studien auszuprobieren und zu verifizieren.

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Umso wichtiger ist es, alle Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, die bei Bluttransfusionen notwendig sind. Dazu gehört, dass der Spender unmittelbar vor der Probe auf die gängigen Infektionskrankheiten untersucht wird, also HIV, Hepatitis, Syphilis, um nur drei zu nennen. Das gespendete Plasma wird ebenfalls noch einmal untersucht: Auch bei sauberster Arbeit passiert es gelegentlich, dass Leukozyten des Spenders, also Zellen seiner Immunabwehr, sozusagen "durchrutschen". Sie könnten sich dann nach der Transfusion gegen den Körper des Empfängers richten. Und schließlich müssen auch die Blutgruppen von Spender und Empfänger zusammenpassen. "Wir müssen beide gründlich untersuchen, um zu sehen, welcher Patient jeweils den größten Nutzen haben könnte", sagt Martin Hildebrandt.

Im Klinikum Großhadern könnten theoretisch 50 bis 60 Spender pro Woche verarztet werden. Das würde jedoch bedeuten, dass alle anderen Blutprodukte, die für andere Patienten benötigt werden, von anderen Anbietern besorgt werden müssen. Die jeweils gespendeten 660 Millilitern werden zur Gabe an die Erkrankten in drei Portionen aufgeteilt - wie viel insgesamt benötigt wird, kann noch niemand sagen, weil die Erfahrungswerte fehlen und erst in und mit der Behandlung gewonnen werden müssen. Ein Kontaktformular für potenzielle Spender findet sich auf der Website des Klinikums unter lmu-klinikum.de. Auch das Plasmazentrum in der Dachauer Straße, ein Ableger der Heidelberger Firma Biomex, sammelt Rekonvaleszenten-Plasma, Infos dazu unter pz-muenchen.de

© SZ vom 08.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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