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Schulabschluss in Zeiten von Corona:"Wir werden vergessen"

Schüler sprechen über ihr Abschlussjahr Lilly Schickel

Lilli Schickel wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die Belange der FOS-Schülerinnen und Schüler.

(Foto: Catherina Hess)

Lilli Schickel besucht die Abschlussklasse einer Fachoberschule. Sie findet, in den Diskussionen über Schule während Corona werde viel zu häufig nur auf die Gymnasien geschaut - und hofft, bald geimpft zu werden.

Kolumne von Lilli Schickel

Die ersten zwei Wochen Wechselunterricht liegen nun hinter mir. Es hat erstaunlich gut geklappt. Aber wir sind auch nur sechs Leute in der Abschlussklasse. Das ist das große Privileg von unserer staatlich anerkannten Privatschule. Ich bin froh, dass ich nicht auf einer öffentlichen Schule das Drama mit dem Videounterricht, dem schlechten Wlan und all dem mitbekommen muss. Im Gegensatz zu anderen Schulen sind wir bei uns gut aufgestellt.

Es ist schon schön, die Freunde wieder zu sehen und mit ihnen zu ratschen. Aber die Ansteckungsgefahr schwingt halt immer mit. Ich muss kurz nach 7 Uhr aus dem Haus, weil ich etwa 45 Minuten bis zur Schule brauche. Die meisten FOS-Schüler müssen lange Schulwege in Kauf nehmen. Die Fachoberschulen liegen selten im Sprengel so wie ein Gymnasium oder eine Realschule. Man hat leider keine große Auswahl. Ich muss mit der U-Bahn vom Osten in den Norden Münchens. Ich hatte nicht erwartet, dass morgens im Moment so viele Menschen unterwegs sind. So richtig wohl fühle ich mich unter so vielen Menschen trotz Maske nicht.

Am ersten Präsenztag war auch gleich der Fahrstuhl an meiner U-Bahnstation außer Betrieb. Das ist leider oft so. Mit einem Kinderwagen kommt man zur Not auch über die Rolltreppe zu den Gleisen, mit meinem Elektrorollstuhl aber nicht. Also bin ich schnell zur nächsten Haltestelle, und schon waren zehn Minuten weg. Um 8.15 Uhr geht der Unterricht bei uns los. Ich war trotzdem noch rechtzeitig in der Schule.

Ich hoffe so sehr, dass ich wegen meiner Muskelatrophie als Einzelfall anerkannt und bald geimpft werde. Schüler sind ein Risiko für die Lehrer, und die sind natürlich auch ein Risiko für uns. Ich kann nicht ganz verstehen, warum man den nicht so beliebten Impfstoff von Astra Zeneca nicht an all diejenigen vergibt, die ihn haben möchten. Junge Leute sind doch viel impfbereiter.

Im Moment organisieren FOS-Schüler immer wieder Demos. Wir werden nämlich schlichtweg vergessen. Es wird immer nur auf die Gymnasien geschaut. Dabei haben wir nach der 13. Klasse auch die Hochschulreife. Wir müssen aber mehr Abschlussprüfungen schreiben. Eine kleine Veränderung hat es immerhin gerade gegeben, ob sie besser ist, weiß ich aber nicht: Statt Kurzarbeiten kann man jetzt die Note über eine gleichwertige Projektarbeit bekommen. Ich denke, dass ist letztlich genauso anstrengend. Aber wenigstens frei in der Zeiteinteilung. Eigentlich müssten die Politiker doch aus der Erfahrung vom vergangenen Jahr wissen, wie es läuft. Aber es läuft nicht richtig, weil sie sich verhalten wie am ersten Tag der Krise.

Allen ist klar, dass in Bayern das schwerste Abitur geschrieben wird. Muss denn das immer so bleiben? Ich würde gerne alle Politiker mal einladen, eine Woche Schule mitzuerleben.

Im Wechsel schreiben Schülerinnen und Schüler verschiedener Schultypen: Maya Grombach, Theresia-Gerhardinger-Mädchenrealschule; Bara Chayah, Mittelschule Toni-Pfülf-Straße; Niklas Krofta, Klenze-Gymnasium; Lilli Schickel und Yannick Andricek, FOS an der Barlachstraße.

© SZ vom 27.02.2021/lfr
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