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Friedhöfe:"Das hat manche wachgerüttelt"

Seit Corona beschäftigen sich mehr Münchner mit dem Tod - Bestatter verzeichnen einen gestiegenen Beratungsbedarf.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Pandemie denken viele Münchner offenbar zum ersten Mal über ihren eigenen Tod nach - der Beratungsbedarf sei jedenfalls gestiegen, sagen Bestatter. Weil immer mehr Menschen eine Urnenbeisetzung wählen, baut die Stadt ein neues Krematorium.

Von Julian Hans

Der technische Fortschritt macht auch vor den Friedhöfen nicht halt. Dort, wo der Mensch die letzte Ruhe finden soll, pustet an einem nasskalten Nachmittag im Oktober ein Laubbläser goldene Blätter von einem frisch aufgeschütteten Grabhügel. Allerheiligen steht vor der Tür, und wenn am Sonntag Angehörige über die vom Regen aufgeweichten Wege auf dem Ostfriedhof stapfen, dann sollen die Gräber schön ordentlich aussehen. Der Herbst macht den Gärtnern diese Aufgabe gerade nicht leicht.

Man muss nicht katholisch sein und man muss auch nicht auf Allerheiligen warten, um in diesem Jahr über den Tod nachzudenken. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die Bestatter viel zu tun. Nicht, weil so viel mehr Menschen sterben. "Die Zahl der aktuellen Sterbefälle ist unabhängig von Corona relativ gleich geblieben", teilt das Referat für Umwelt und Gesundheit (RGU) mit, dem auch das Friedhofsamt zugeordnet ist. Stark gestiegen ist der Beratungsbedarf der Münchner. Und der Wunsch, für den Fall der Fälle die letzten Dinge zu Lebzeiten zu regeln.

"Wir merken in den Gesprächen, dass sich die Menschen mehr mit dem eigenen Tod auseinandersetzen", sagt Karl Albert Denk, der ein Bestattungsunternehmen mit fünf Niederlassungen in München und im Umland führt. Schon seit Jahren beobachtet er einen Trend, dass immer mehr Menschen die eigene Beisetzung mit einem Vorsorgevertrag regeln wollen. Sie wünschen sich Klarheit über ihren letzten Weg und wollen ihre Familie im Trauerfall nicht mit Organisationsfragen belasten.

In der Pandemie haben offenbar viele zum ersten Mal den eigenen Tod in Gedanken durchgespielt. "Das hat manche wachgerüttelt", sagt Denk. Was etwa, wenn Angehörige wegen der Reisebeschränkungen nicht einfach kommen können, um meine Bestattung zu organisieren?

Derzeit müssten sich Interessierte ungefähr drei Wochen gedulden, sagt Denk, etwa so lange wie bei einem Zahnarzttermin. Die Möglichkeit, schon vorweg online oder per Post einen Fragebogen mit den wichtigsten Angaben auszufüllen, beschleunige dafür die Beratung sehr. Im Gespräch müssen dann nur noch Details und besondere Wünsche geklärt werden.

Ein neues Krematorium am Ostfriedhof soll neuen Abschiedsritualen Rechnung tragen - und den neuesten Umweltstandards.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Andrang auf Vorsorgeverträge hat die Städtische Bestattung München an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. "Wegen der Corona-Krise kommt es aufgrund Leitungsüberlastung immer wieder auch zu längeren Ausfällen der telefonischen Erreichbarkeit", heißt es auf der Website des kommunalen Unternehmens. Die Zahl der Anfragen rund um die Vorsorgeverträge habe sich seit Beginn der Corona-Pandemie von etwa 20 bis 30 Anfragen pro Tag auf 30 bis 40 Anfragen erhöht, teilt das RGU mit. "Dies betrifft dabei keineswegs nur den Abschluss neuer Vorsorgeverträge, sondern beinhaltet auch die Abänderung bereits bestehender".

Laubbläser an den Gräbern und Vorsorgeberatung per Internet sind nur bescheidene technische Neuerungen

Krematorium am Ostfriedhof in München, 2019

Trauer ist universal, die Abschiedsrituale haben sich gewandelt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Dazu kommt, dass aus Gründen des Infektionsschutzes persönliche Beratungen nur sehr eingeschränkt stattfinden können. Auf Beratung am Telefon müssen Kunden der Städtischen Bestattung laut RGU etwa zwei Wochen warten. Auch sie bieten an, Informationsmaterial und einen Fragebogen vorab per Post oder E-Mail zuzuschicken.

Laubbläser an den Gräbern und Vorsorgeberatung per Internet sind indes nur bescheidene technische Neuerungen auf Münchens Friedhöfen im Vergleich zu einem Großprojekt, das Anfang Oktober nach jahrelanger Planung in Angriff genommen wurde. Vom neuen Krematorium, das 2022 seine Arbeit aufnehmen soll, ist zwar noch nicht viel zu sehen. Aber ein weißer Bauzaun markiert seit einigen Wochen das Gelände neben dem alten Krematorium auf dem Ostfriedhof, und ein Bagger wartet mit gesenkter Schaufel darauf, dass er mit den Erdarbeiten beginnen kann.

Nach fast vier Jahrzehnten im Betrieb ist das alte Krematorium schon länger nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Das neue soll effizienter und umweltfreundlicher arbeiten. Einäscherungen sollen für die Hinterbliebenen transparenter werden und für die Mitarbeiter weniger aufwendig.

11000 Einäscherungen

können jährlich im neuen Krematorium auf dem Ostfriedhof stattfinden. Und das mit drei Öfen statt bisher mit fünf, mit nur halb so viel Energie und in kürzerer Zeit. Anfang des Monats hat der Bau neben der denkmalgeschützten Trauerhalle begonnen. Wenn alles nach Plan verläuft, startet der Betrieb Mitte 2022.

Die Anforderungen des Bundesemissionsschutzgesetzes sind mittlerweile so hoch, das die Umweltanlage den größten Posten ausmacht: Abluftfilter und Anlagen zur Rückgewinnung von Energie sind teurer als die Ofentechnik oder das Gebäude selbst. Mit den modernen Öfen wird die Dauer einer Einäscherung um mehr als ein Drittel verkürzt; statt heute fünf Öfen genügen dann drei, um mehr als 11 000 Einäscherungen im Jahr durchzuführen. Der Gasverbrauch für die Befeuerung wird um die Hälfte reduziert. Die Abwärme wird durch eine Absorptionskältemaschine zu großen Teilen wieder nutzbar gemacht. Dank dieser Optimierungen spare die neue Anlage mindestens 50 Prozent Strom ein, teilt das RGU mit.

So wie das Umweltbewusstsein in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist, hat sich auch die Trauerkultur gewandelt. Als die heut denkmalgeschützte Trauerhalle 1929 eingeweiht wurde, lehnte die katholische Kirche Einäscherungen noch ab. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Akzeptanz steil gestiegen, heute werden mehr als 70 Prozent aller Verstorbenen verbrannt. Verstorbene werden heutzutage nur noch selten zu Hause aufgebahrt. Das neue Krematorium soll daher mehr Gelegenheiten bieten, um in Ruhe Abschied nehmen zu können. Dazu gehören sechs Aufbahrungsbereiche und ein Verabschiedungsraum, der individuell gestaltet und bis zu 24 Stunden lang gebucht werden kann. Wenn sie es wünschen, können Angehörige dabei sein, wenn der Sarg in die Brennkammer eingefahren wird.

Es sei "ein großer Wunsch der Angehörigen, bei diesem Prozess dabei zu sein", sagt der Bestatter Karl Albert Denk. Deshalb gibt er seit Jahren dem Krematorium in Mainburg den Vorzug. Die privat betriebene Anlage bietet schon heute die Möglichkeit, der Einfahrt des Sarges in die Brennkammer beizuwohnen. Dass sie außerdem die höchsten Anforderungen an den Umweltschutz erfülle, sei für die Kundinnen und Kunden immer wichtiger, hat Denk beobachtet.

Die private Konkurrenz ist groß. In Traunstein, Rottal am Inn, Kissing gibt es ebenfalls moderne Einäscherungsanlagen. Im Sommer beantragte ein privater Investor den Bau eines Krematoriums für 3000 Einäscherungen im Jahr in Hochmutting bei Oberschleißheim. Wegen der guten Verkehrsanbindung wäre das für viele Bestatter in den umliegenden Gemeinden interessant. Dass die Stadt München nun auf dem Ostfriedhof auch noch ein eigenes neues Krematorium baut, sehen die privaten kritisch.

Immerhin hat die Konkurrenz die technische Entwicklung und die Orientierung an den Wünschen der Kunden in den vergangenen Jahrzehnten vorangetrieben. In modernen Krematorien wird der Prozess der Einäscherung per Kamera überwacht; das gibt Angehörigen zusätzliche Sicherheit, dass es zu keiner Verwechslung kommt und sie hinterher auch wirklich die Asche ihres Verstorbenen in der Urne überreicht bekommen.

In Frankreich sei es inzwischen üblich, dass Krematorien auch einen Videostream anbieten, berichtet Denk. Schließlich leben Angehörige oft über den ganzen Globus verteilt; sie sind im Leben per Internet miteinander vernetzt, warum sollten sie sich nicht auch virtuell auf dem letzten Weg begleiten?

© SZ vom 31.10.2020/lfr
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