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Corona-Maßnahmen:Verwirrung bis Verärgerung ums Alkoholverbot

Wasser statt Bier: Ab 23 Uhr gilt am Gärtnerplatz und den anderen Hot Spots der Stadt ein Alkoholverbot.

(Foto: Catherina Hess)

Die neuen nächtlichen Regeln an den sogenannten Hotspots werden zwar hingenommen - glücklich ist damit aber kaum jemand. Wirte warnen vor den Nebenwirkungen der Regelung.

Von Philipp Crone

Zwei Stunden, bevor es Ärger gibt, stehen drei junge Männer am Reichenbachkiosk und überlegen, was sie jetzt machen sollen. Es ist 21.17 Uhr am Freitagabend, seit 17 Minuten gilt die erste Stufe des Alkoholverbots in einem Umkreis von 500 Metern um den Gärtnerplatz und vier weitere Areale. Es darf kein Alkohol mehr verkauft werden. Und ab 23 Uhr darf auf dem Platz auch kein Alkohol mehr konsumiert werden, außer in Bars und Restaurants. Die drei Männer sehen die aktuelle Alkohollage unterschiedlich.

Dennis, ein muskulöser blonder junger Mann, sagt: "Ich halte mich da raus." Was der 26-jährige Fitnesstrainer meint, ist: Er will sich nicht entscheiden, ob er diese Maßnahme der Stadt nun gut oder schlecht findet. Sein Freund ist hingegen außer sich. Reine Schikane sei das. "Ha!", ruft er dann auf einmal, "aber Zigaretten gehen ja noch, dickste!" Er kauft eine Packung. Dann entscheiden sie, über die Isar zu einem Dönerladen in der Ohlmüllerstraße zu gehen und dort Bier zu kaufen.

Es ist einer von vielen Momenten voller Ratlosigkeit an einem Abend, an dem die meisten verwirrt, manche verärgert und nicht wenige überfordert sind.

"Normalerweise ist die Schlange um die Zeit am Freitagabend 20 Meter lang", sagt der Mann hinter dem Tresen am Kiosk. Jetzt stehen aber nur ganz wenige an, ein junger Mann und eine Frau haben gerade zwei Cola-Flaschen gekauft. Jetzt ist ein Mann mit Rucksack dran. "A Hoibe bitte." Geht leider nicht. "Echt jetzt? Schon wieder?" Er schüttelt den Kopf, dreht sich um und zückt dann sein Handy, das bewährte Bild des Nachdenkens und neu Orientierens der Digitalgeneration.

Am vergangenen Mittwoch hat die Stadt zum zweiten Mal ein Alkoholverbot erlassen, und diesmal soll es im Unterschied zum ersten Versuch Anfang September Bestand haben. Und diesmal regnet es auch nicht in Strömen wie zuletzt, als das Verbot noch für das ganze Stadtgebiet gelten sollte, was aber aus Sicht der Gerichte unverhältnismäßig war und gekippt wurde. Unterwegs war damals aber ohnehin niemand. Anders als an diesem Freitag. Es ist zwar kühl, aber noch lau genug, damit sich die Menschen am Gärtnerplatz versammeln. Dorthin gehen vom Kiosk auch drei junge Frauen, den Mundschutz am Kinn, sie wollten eigentlich mit Bierflaschen an die Isar, wo das Stimmengewirr und der Sound aus Boomboxen hochrauscht. Jetzt müssen sie die Handys zücken und neu überlegen.

Auf dem Weg zum Gärtnerplatz liegt die Bar Holy Home, in normalen Zeiten an so einem Abend gesteckt voll mit Gästen, viel frischem Bier und wenig frischer Luft. Betreiber Tobias Lintz steht hinter der Theke und sagt: "Immerhin nur an zwei Tagen und nicht die ganze Woche." Das abendliche Alkoholverbot gilt jetzt eben nur Freitag und Samstag. "Uns trifft das empfindlich, auch wenn das To-go-Geschäft zuletzt wieder zurückgegangen ist." Lintz ist skeptisch, ob das Alkoholverbot wirkt. "Man zwingt die Leute doch nach drinnen dadurch." Ob in den Bars, die schon offen haben oder vom 19. September an öffnen dürfen, oder eben zu Privatfeiern in Wohnungen. In der Corneliusstraße stehen Leute mit Flaschenbier auf Balkonen, unten parkt das nagelneue E-Auto der Firma Alkoport, ein Mitarbeiter liefert gerade aus, das Geschäft scheint zu laufen.

Am Gärtnerplatz ist um kurz vor 22 Uhr weniger los als sonst. Die Bänke sind besetzt, man hockt darauf oder auf der Wiese, noch ist keine Polizei zu sehen. Eine Gruppe mit vier Männern und drei Frauen trinkt Wein und Prosecco aus Pappbechern. Die 23-jährige Kati sagt: "Wir haben das schon geplant heute." Später wollen sie weiterziehen, vielleicht in den Englischen Garten. Immerhin wussten sie von dem Verbot.

Ein letztes Selfie: Eine Gruppe macht Fotos, kurz bevor das Alkoholverbot greift.

(Foto: Catherina Hess)

Clayton Gomez, Barbetreiber des Mr. Mumbles in der Klenzestraße, wundert sich. Normalerweise bietet er Cocktails zum Mitnehmen an. Er wusste nichts vom Verkaufsverbot, das seit einer Stunde gilt. Er schüttelt den Kopf. "Dann gehen die Leute doch erst recht rein." In die Bar Färber von Roland Färber in der Corneliusstraße zum Beispiel. Bislang bot der seine Drinks nur zum Mitnehmen und in seinem Schanigarten an. Er sagt: "Ich finde das ärgerlich. Es wirkt spontan, willkürlich und außerdem wird keiner wirklich informiert, ob er jetzt betroffen ist oder nicht." Andererseits sieht er schon auch die Problematik am Gärtnerplatz, gerade für die Anwohner an heißen Sommertagen.

Alles nicht so einfach. Um 22.39 Uhr parkt dann das erste Polizeiauto vor dem Theater am Gärtnerplatz.

Vier junge Frauen, allesamt Abiturienten dieses denkwürdigen Corona-Jahrgangs, sitzen auf einer Bank und trinken Wasser. Eine "blöde Idee" sei das Verbot, sagt eine. Sie wisse von so vielen Privatfeiern, und dann werde das Trinken im Freien verboten? Um 22.48 Uhr sind es schon drei Polizeiwagen, für die Beamten ist die Sache im Prinzip einfach: Konsumieren von Alkohol nach 23 Uhr ist verboten, dafür kann man bestraft werden. Der entscheidende Begriff lautet dabei, in herrlichem Bürodeutsch: Trinkbewegungen. Sieht man die, hat der Trinkbeweger gegen die Regel verstoßen. Allerdings ist es dann doch komplexer. Wäre das Thema für viele Feiernde nicht so frustrierend und für die Beamten so mühsam, man könnte sich über die Szenen wunderbar amüsieren.

Um fünf vor elf klirren Flaschen, immer mehr Leute stehen auf, stellen ihr Leergut ab und in die Mülleimer. Eine Flaschensammlerin räumt zügig ihre Tüte voll. Eine Gruppe junger Leute macht um kurz vor elf noch jubelnd ein Gruppenfoto, mit Bier in der Hand und dem zentralen Brunnen im Hintergrund. Ein Pärchen schlendert langsam davon, sie sagt: "Es geht doch ums Prinzip, dass man Eigenverantwortung hat und zeigt. Die wird einem mit solchen Regeln schlicht abgesprochen." Die siebenköpfige Gruppe um die 23-jährige Kati hat da schon den Platz verlassen. Um kurz nach elf stehen die Polizisten noch zusammen, sie warten. Dann geht eine Gruppe von KVR-Beamten los und macht die Leute, die noch sitzen und trinken, darauf aufmerksam, dass sie jetzt hier keinen Alkohol mehr konsumieren dürfen. "Aber das Glas halten darf ich schon noch", fragt einer, und seine Begleiterin stellt sich selbst ernst die Frage: "Aber woher wollen die denn wissen, ob ich jetzt Saft oder Alkohol in meinem Becher habe?"

Es herrscht mehr Verwirrung als Verärgerung. Bis dann um 23.14 Uhr doch noch die Polizei eingreifen muss. Ein junger Mann mit Bierdose und eine Frau legen sich mit dem KVR an und bekommen einen Platzverweis. Sie gehen aber nur ein paar Schritte weiter und machen sich über die Beamten lustig, bis zwei Polizisten, ruhig, aber sichtlich genervt, sie in eine Nebenstraße schieben. Damit ist der Gärtnerplatz alkoholfrei. Insgesamt hatte die Polizei am Sonntag aber keine größeren Probleme mit dem Alkoholverbot zu vermelden.

Und die anderen Plätze? Am Reichenbachkiosk fragen weiter Menschen nach Bier und werden abgewiesen. Es herrscht Frust, aber ohne Aggression. Auf der Brücke telefoniert ein junger Mann und sagt: "Echt, du hast noch ein Bier? Geil! Ich komme".

Unten an der Isar, wo das Trinken jetzt auch verboten ist, ist Rauschen, aber kein Rausch. Nur noch ein paar Verirrte laufen herum und ein paar kleine Gruppen sitzen perfekt getarnt am Wasser. Keine Polizei, kein KVR, kein Ärger. Und auf der Wittelsbacherbrücke läuft kurz vor Mitternacht eine Gruppe vorbei, einer trägt Maske und eine Flasche Gin. Sie gehen Richtung Au, raus aus der verbotenen Zone. Zwei junge Frauen kommen mit frisch gezapften Bieren in Plastikbechern hinterher, bei dem schönen Schaum muss das Bier aus einem der Lokale am Baldeplatz stammen. Sie halten die Getränke, als wären sie Schätze.

© SZ.de/cro/lfr
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Diesmal probiert die Stadt es äußerst zurückhaltend: Das Verbot ist örtlich und zeitlich sehr begrenzt.

Kommentar von Anna Hoben

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