Coronavirus in München:Wie genau werden die 3G-Nachweise überprüft?

Coronavirus - München

Geimpft, genesen oder getestet? Nicht immer werden die 3G-Nachweise so gewissenhaft kontrolliert wie hier (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Bei einem Streifzug durch die Stadt wird klar: In der Gastronomie und in Kultureinrichtungen werden die Nachweise offenbar nicht immer oder nur halbherzig kontrolliert. Zum Vorbild avanciert nun ausgerechnet eine Branche, die lange belächelt wurde.

Von Philipp Crone

Manchmal dauert es nur Minuten, um das Dilemma auf den Punkt zu bringen. So wie am Mittwochnachmittag im Café-Restaurant-Bar Hungriges Herz an der Baaderstraße. Ein sehr freundlicher und fröhlicher Kellner weist dem vorschriftsmäßig maskierten Gast einen Tisch an. Setzen, Karte blättern, bestellen, keine Frage nach dem Corona-Status, dafür eine Pizza-Empfehlung.

Nebendran setzt sich ein Paar mit Kleinkind. "Seid ihr geimpft, genesen, getestet?" "Ja, können wir dir gleich zeigen." "Kein Stress, setzt euch erst einmal." Und wieder einen Tisch weiter nehmen eine Minute später zwei Frauen Platz. "Geimpft, genesen, getestet?", fragt der Kellner, die Frauen zücken ihre Smartphones, der Mann lässt sich auch das Impfdatum zeigen, vorbildlich.

Die Bestellungen werden aufgenommen, die Getränke eingenommen, man ratscht, trinkt, schaut sich um, an der Wand hängt in Leuchtschrift der Satz "All we have is now". Das Paar mit dem Kleinkind muss nichts mehr vorzeigen. Somit ist in dieser Zeit die gesamte Bandbreite der Regelumsetzung an einem Ort zu sehen. Kein Überprüfung, halbherzige Prüfung, vorbildliche Prüfung. Das Ganze dauert exakt drei Minuten. 3 G. Wen interessiert das eigentlich gerade noch? Wer prüft wie? Ein Tag in München in Cafés, in Edelläden, Dönerbuden, Museen und Clubs zeigt: Es ist anders, als man denkt.

Donnerstagmorgen um 7.52 Uhr im kleinen Dukatz-Ableger an der Klenzestraße. "Kann ich mich da oben an den Stehtisch setzen?", fragt der Gast. "Klar, wenn du unter eines der drei Gs fällst." "Ja. Falle ich." Keine weitere Nachfrage. Am Stehtisch gibt es drei QR-Codes zur Auswahl, Luca, die eigene Webseite oder die Corona-Warn-App. Versteht die Handykamera erst einmal nicht. Und beim Nichtverstehen fängt es ja schon an bei den meisten, oder beim Nicht-mehr-Mitkommen bei dauernden Änderungen. Ein Gast sitzt mit aufgeschlagener Zeitung am Tisch und sagt mit Blick auf Fotos von maskenlosen Menschen: "Also beim Reingehen muss ich jetzt noch schnell die Maske aufhaben, dann kann ich sie am Platz ablegen. Ach, Corona ist vorbei." Er lacht dabei, dass klar wird: ironisch gemeint.

Aber das ist eben auch Teil des Problems, wenn man so durch die Stadt läuft und nur hier und da kontrolliert wird: Offenbar haben viele das Gefühl, dass die Pandemie durch ist. Und die täglichen Zahlen? Am Mittwoch meldete die Stadt 261 neue Fälle und sieben Tote. Am Donnerstag waren es 537 Fälle und vier Tote, am Freitag 311 Fälle und zwei Tote. Das erwähnt kaum einer mehr. Wie ohnehin vieles fast schon unterbewusst passiert in der Stadt. Wer schaut schon noch auf die Schilder und Aushänge an Kneipen- oder Bartüren?

Manche Kellner entschuldigen sich für die Kontrollen: "Wir müssen ja", sagen sie dann

Die Masken-Routine im Oktober ist so groß, dass die Handbewegungen flüssiger sind als das Schalten im Auto. Und statt zu vergessen, sie aufzuziehen, wie es noch vielen passierte vor Monaten, vergessen jetzt eher welche, sie wieder abzunehmen nach der U-Bahn-Fahrt oder dem Barbesuch.

Im Stadtcafé um 12.31 Uhr wird man an einen freien Platz geleitet, dann reicht die Kellnerin die Karte mit dem Satz: "Haben Sie einen G-Ausweis?" Ja. Danke. Bitte. Manche der zu Kontrolleuren Avancierten entschuldigen sich auch gerne mit dem Satz: "Wir müssen ja." Ärger gibt es bei diesen G-Momenten allerdings kaum mehr, heißt es von Seiten der Münchner Polizei. Die Einsätze im Zusammenhang mit dem Infektionsschutzgesetz seien seit Wochen gleich, sagt Polizeihauptkommissar Alexander Hoschkara. Außerdem sei ohnehin nur bei jedem vierten Einsatz ein Verstoß festzustellen. Und fast immer gehe es dann um die Maskenpflicht.

An anderen Orten ist ohnehin schon von Weitem klar, dass man um die Gs nicht herumkommt. Zum Beispiel im Innenhof des Deutschen Museums. Da ist ein mit "3G-Check-in" beschriftetes weißes Zelt vor dem Eingang aufgebaut, durch das die Besucher vor dem Betreten gehen müssen. Ein Mann bittet hinter seiner Plexiglasscheibe zwei Besucherinnen, das Display ihres Handys bitte nach oben "zu rollen". Erst dann bekommen sie einen Stempel auf die Hand. 3 G, schwarz auf Haut. "Kein Personalausweis?", fragt eine der Frauen. "Ist doch ihr Handy, oder?", fragt der Mann lächelnd zurück, winkt sie durch und ruft: "Und jetzt drei Getränke frei, hihi."

Ein paar Meter weiter ist die Corona-Teststelle so verwaist, dass ein junger Mann sich erst gar nicht ins Zelt reintraut. Wo noch vor gar nicht langer Zeit Warteschlangen als angenehm empfunden wurden, die nur um eine Ecke reichten und nicht um zwei, ist es hier nun so leer, dass der Mann ganz vorsichtig ein "Hallo?" ins Zelt ruft. Es ist dann doch jemand da.

Die Bereitschaft der Kontrollierten ist derzeit oft höher als die der Kontrollierenden. Sagt auch Helene Löwe. Sie ist stellvertretende Restaurantleiterin in der Dallmayr-Bar und steht am Mittwochnachmittag am Eingang des Lokals. Löwe sagt: "Viele Gäste erzählen, dass sie viel zu selten kontrolliert werden. Die sind richtig froh, wenn wir nach dem Impfpass fragen." Andere schimpfen natürlich, denn Motzer gebe es immer. Sie sagen dann: Warum müsst ihr kontrollieren, wo es doch sonst keiner macht? Löwe prüft QR-Codes, handschriftliche Genesenen-Zertifikate und PCR-Tests. Bevor man sich für den Champagner an die Bar setzt, wird hier schon reflexhaft das Handy gezückt. Also alles in Ordnung? Laut Kreisverwaltungsreferat schon, laut Rundgang nicht.

50 Mitarbeiter hat das KVR im Einsatz, sagt Sprecherin Petra Weber. Noch sei es aber zu früh für Erkenntnisse über die Zahl der Vergehen. Eine Schwierigkeit, mit denen die Kontrolleure konfrontiert seien: dass man bei der Echtheit der vorgelegten Nachweise nicht immer ganz sicher sein könne. So wie in der Pinakothek der Moderne, wo man seinen digitalen Impfpass nicht rollen muss. Im Innenbereich soll man sich anmelden, sagt der Mitarbeiter am Eingang, dafür gibt es dann ein buntes Armbändchen. Aber geht's auch ohne? "Halt", sagt ein Sicherheitsmann und schaut auf die Papiertüte des Gastes. "Ist da eine Flüssigkeit drin?" Nein. Und so gelangt man ohne Nachweis und sogar ohne Ticket in die Ausstellung.

Auf einmal wird das Nachtleben zum Vorbild

Ungefähr so einfach wie zu einem Sitzplatz im "Ali Baba"-Döner in der Schillerstraße. Draußen ein vergilbtes Blatt mit 3G-Regeln, drinnen kein Mensch, der sich für irgendein G interessiert außer dem in Gulasch, was auch auf der Karte steht. Und im "Falafel Al-Shamy" in der Schwanthaler Straße hat man es ohnehin nicht so mit einzelnen Buchstaben, als Zusatz ist dort "Scharfs Käse" am Tisch zu bekommen, ganz ohne G-Nachweis.

So ein Rundgang geht nicht ohne Straßenüberquerungen, und wenn dann an einer auf Grün springenden Ampel jemand seinen Wagen auf 100 Stundenkilometer beschleunigt oder Fußgänger von Lieferwagen aus dem Weg gehupt werden, kann man sich schon die Frage stellen, wie das Empfinden von Gefahr der Menschen eigentlich so ausgeprägt ist. Am Anfang der Pandemie waren viele ängstlich, jetzt wirken viele desinteressiert. Und bei den tonnenschweren Geschossen, die durch die Straßen rasen, hat ja schon lange kaum jemand mehr ein seltsames Gefühl. Gewöhnung an Gefahren betäubt offenbar das Gespür dafür.

Wo könnte man noch nachsehen, wie das mit dem Reinkommen so ist in München? Vielleicht an der härtesten Tür der Stadt. Kurz nach Mitternacht im P1. Hier dauert es, fünf Gäste stehen am Eingang. App zeigen und rollen, Personalausweis dazu, dann per QR-Code einchecken und dabei Telefon und Mail angeben. "Warum beides?", fragt ein junger Mann. "Falls wir dich auf einem Weg nicht erreichen", sagt der Türsteher. Drinnen sind die Bässe laut, die Gläser beschlagen und die Gäste eng zusammen. Und Sebastian Goller, P1-Geschäftsführer, sagt: "Am Wochenende war die Schlange krass, aber die allermeisten sind ganz geduldig." An einen mit PCR-Test erinnert er sich gut. "Der hatte einen Test von Juni dabei und hat es überhaupt nicht eingesehen, dass er nicht reinkam."

Die Clubkultur sei zu stark betroffen gewesen, als dass jetzt irgendjemand lasch kontrollieren würde, sagt Goller. Auch beim KVR heißt es, dass Clubs "die Vorgaben vorbildlich und äußerst professionell umgesetzt" hätten. Und laut Hoschkara von der Polizei gibt es bislang keinen einzigen Eintrag in seiner Covid-Einsatzliste für einen Club. Es tritt ein, was die Branche vorausgesagt hat: Wir können das, wir machen das dauernd, Leute kontrollieren. Goller sagt: "Wir werden von der Politik oft nicht als vollwertige Geschäftsleute angesehen, sondern als solche, die dauernd mit fünf Promille rumlaufen." Werden. Wurden?

Auf einmal ist die oft belächelte Branche des Nachtlebens ein Vorbild. Was sich nicht alles verändert hat in den vergangenen eineinhalb Jahren.

© SZ vom 09.10.2021/lfr
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