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Münchner in Geldsorgen:"Wir werden noch lange mit den Auswirkungen zu kämpfen haben"

Im Schuldneratlas 2020 zeichnet sich die Corona-Pandemie noch nicht ab, langfristig rechnen Fachleute aber mit gravierenden Folgen.

Von Sven Loerzer

Eigentlich wäre das, für sich genommen, eine schöne Überraschung. Die Überschuldung der Münchner Verbraucherinnen und Verbraucher hat im vergangenen Jahr nochmals geringfügig abgenommen: Die Zahl der überschuldeten Privatpersonen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, sank um 1,7 Prozent auf 108 200. Doch Philipp Ganzmüller, geschäftsführender Gesellschafter von Creditreform München, kann keine Entwarnung geben. Im Schuldneratlas 2020 zeichnen sich die Corona-Pandemie und der dadurch verursachte Wirtschaftseinbruch zwar noch nicht ab, die Überschuldungsquote sank im stadtweiten Durchschnitt von 8,37 auf 8,20 Prozent. Das ist weniger als bundesweit (9,87 Prozent), aber mehr als im bayerischen Durchschnitt (7,14 Prozent).

Eine von Creditreform München in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung initiierte Online-Umfrage habe gezeigt, dass der Schuldneratlas derzeit "nicht die komplette Realität" abbilden könne, wie Ganzmüller erklärt. Jeder vierte Befragte befürchte, dass er in den nächsten zwölf Monaten seine Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen kann, sondern Schulden auftürmen muss. Hochgerechnet seien davon 206 000 Haushalte betroffen.

Dass sich dies noch nicht im Schuldneratlas abzeichne, der sonst als "Seismograf" gilt, führt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform, auf Sondereffekte zurück. So habe etwa die Sparneigung erheblich zugenommen: "Es kann nicht gereist und in den Innenstädten eingekauft werden." Allerdings sinke das Haushaltsnettoeinkommen langfristig. Das Kurzarbeitergeld sei ein hochwirksames Medikament, aber nur um die schlimmsten Schmerzen befristet zu lindern. Zudem sei die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. "Sollten wir eine Pleitewelle bekommen, ist die Gefahr groß, dass die Überschuldung steigt", sagte Hantzsch, zumal Arbeitsplatzverlust zu den Haupttreibern von Überschuldung gehöre. Hantzsch prophezeite, "es wird eine lange Delle langfristig ansteigender Arbeitslosigkeit geben" und damit steigende Überschuldung. Nach überschlägigen Hochrechnungen auf der Basis der Umfrage sei davon auszugehen, dass in München trotz staatlicher Hilfen etwa 26 000 Personen mehr von Überschuldung gefährdet oder bereits betroffen sind, als der Schuldneratlas 2020 ausweise, betonte Ganzmüller.

Es ist dies eine Zahl, die Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) größte Sorgen bereitet. Bei der Schuldnerberatung hätten sich 2020 die Anfragen mehr als verdoppelt, "eine ähnliche Explosion haben wir bei Anträgen auf Sozialwohnung, Wohngeld und Unterhaltsvorschuss". Zudem gehe das Sozialreferat von weiter steigenden Zahlen in diesem Jahr aus. Die Sozialreferentin appellierte an jeden, "der das Gefühl hat, er kann sich seine Miete nicht mehr leisten, sich frühzeitig beraten und unterstützen zu lassen". Schiwy befürchtet, "wir werden noch lange mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen haben".

Viele Haushalte, die schon vorher eng kalkulieren mussten, seien schnell in eine Schieflage geraten, erklärte die Leiterin der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung, Erika Schilz. Aber auch Haushalte mit mittlerem Einkommen sähen sich "wegen des Kurzarbeitergelds nicht mehr in der Lage, ihre Schulden zu bedienen". Die Angst um die wirtschaftliche Existenz belaste die Menschen enorm.

Nach wie vor seien Männer auch 2020 doppelt so häufig überschuldet wie Frauen, erläuterte Ganzmüller. Als bedenklich wertete er, dass die Überschuldung der über 70-Jährigen weiter zugenommen habe. Nahezu 10 000 Menschen im Rentenalter seien überschuldet. "Die Chance zur Rückzahlung der Schulden ist viel geringer" als bei anderen Altersgruppen, beschrieb Hantzsch die Lage der Senioren. "Denn sie haben kein Erwerbsleben mehr vor sich und höhere Schuldenvolumen." Die Rente aufzubessern, ergänzte Erika Schilz, "wird mit jenseits der 70 immer schwieriger". Dorothee Schiwy forderte Hilfe vom Bund für die über 70-Jährigen. Es sei überdies bedrückend, dass einer Studie zufolge rund 60 Prozent derer, die berechtigt wären, Grundsicherung in Anspruch zu nehmen, dies nicht tun.

Bei den Stadtvierteln am geringsten ist die Überschuldung in Obermenzing (5,11 Prozent) ausgeprägt, die höchste Quote weist die Altstadt (14,79 Prozent) auf.

© SZ vom 23.02.2021/syn
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