Bilanz:Ein mageres Jahr für Münchens Wirtschaft

Muenchen, Neuhauserstrasse, in der Fussgaengerzone ist wieder viel los, vor den Geschaeften stehen die Leute in Schlange

Die Kaufkraft der Münchnerinnen und Münchner ging Corona-bedingt um 2,3 Prozent zurück. Sie liegt nun bei 32 912 Euro je Einwohner.

(Foto: imago images/STL)

Der Boom ist durch die Corona-Pandemie jäh gestoppt worden: Die Kaufkraft ist gesunken, die Steuern eingebrochen und viele Unternehmen kämpfen um ihre Existenz - doch es gibt auch positive Nachrichten.

Von Catherine Hoffmann

Die Inzidenzzahlen sinken, immer mehr Münchnerinnen und Münchner sind geimpft, unter freiem Himmel muss keine Maske mehr getragen werden. Fürs Erste deutet - trotz Deltavariante - alles auf eine Entspannung in der Corona-Pandemie hin. Das zeigt sich auch an der Kauflust in den Fußgängerzonen, an vollen Biergärten und der Rückkehr vieler Menschen in ihre Büros. "Der Lebensgeist ist zurück", sagte Clemens Baumgärtner (CSU), Referent für Wirtschaft und Arbeit, bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts. So sehr der Aufschwung ersehnt wird, so schwierig wird es für München aber, an den wirtschaftlichen Erfolg von 2019 anzuknüpfen. "Ich vermute, dass wir uns 2024 oder 2025 den alten Zahlen annähern können", sagt Baumgärtner.

Das Wirtschaftswachstum

Einen wirklichen Stillstand der Münchner Wirtschaft gab es nicht im vergangenen Jahr, auch wenn man angesichts der leer gefegten Innenstadt und geschlossener Geschäfte und Restaurants diesen Eindruck haben konnte. Dennoch hat die Pandemie zu einem der schwersten Konjunktureinbrüche in der Nachkriegszeit geführt. Das Bruttoinlandsprodukt ging in Deutschland 2020 um 4,9 Prozent zurück, in Bayern sogar um 5,5 Prozent. Besonders der Einbruch im verarbeitenden Gewerbe trug mit minus 11,6 Prozent deutlich zum größeren Rückgang in Bayern bei. Genaue Zahlen gibt es für die Münchner Wirtschaft nicht, sie dürfte aber ähnliche Einbußen erlitten haben wie Bayern. Hoffnung macht, dass sich das verarbeitende Gewerbe nach dem ersten Lockdown schnell erholt hat, auch jetzt zeigen die Zahlen aufwärts.

Der Arbeitsmarkt

"Die Beschäftigungssituation bleibt insgesamt recht stabil", sagt Baumgärtner, was vor allem der Kurzarbeit zu verdanken sei, die "massenhafte Kündigungen verhindert hat". Im Jahresdurchschnitt stieg die Arbeitslosenquote in München von 3,3 Prozent im Jahr 2019 auf 4,5 Prozent im vergangenen Jahr. 13 640 Menschen haben ihre Arbeit verloren. Das bedeutet: Die Zahl der Arbeitslosen ist gegenüber dem Vorjahr um knapp 40 Prozent gestiegen. Mit Beginn des Lockdowns im März 2020 stieg die Kurzarbeit innerhalb kürzester Zeit enorm schnell an. Der Höchststand wurde im April vergangenen Jahres mit 183 241 Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeitern erreicht, unter ihnen besonders viele Beschäftigte aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe sowie dem Messe- und Eventbereich. In diesen Branchen gingen - trotz Kurzarbeit - auch zahlreiche sozialversicherungspflichtige Jobs verloren. Insgesamt hat die Corona-Pandemie den teilweise recht beachtlichen Beschäftigungszuwachs der vergangenen Jahre zum Stillstand gebracht.

Die Kaufkraft

Die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt ihre Spuren auch bei der Kaufkraft, wie Ökonomen die Summe aller Nettoeinkünfte nennen, einschließlich der Transfereinkommen. "Fakt ist: Die Kaufkraft sinkt, auch in München", sagt Baumgärtner. "Aber: München ist immer noch auf Platz eins in Deutschland." Und das mit einigem Abstand. Die Kaufkraft der Münchnerinnen und Münchner ging Corona-bedingt um 2,3 Prozent zurück. Sie liegt nun bei 32 912 Euro je Einwohner und damit knapp 38 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Zum Vergleich: Düsseldorf, das den zweiten Platz belegt, kommt auf 18 Prozent.

Die Unternehmensinsolvenzen

Um eine große Pleitewelle zu verhindern, haben Bund und Land seit März 2020 verschiedene Hilfsprogramme für betroffene Unternehmen aufgelegt. Zugleich wurde die Pflicht für Betriebe gelockert, einen Insolvenzantrag zu stellen. Diese Befreiung galt bis Ende April 2021. In der Folge sind die Insolvenzzahlen in München nicht gestiegen, sie sind sogar um 7,1 Prozent zurückgegangen. Ökonomen erwarten allerdings, dass im Laufe des Jahres die Insolvenzzahlen deutlich steigen werden, die Schätzungen liegen bei einem Anstieg von zehn bis 30 Prozent.

Die Branchen unter Druck

Am stärksten von der Corona-Krise betroffen sind Gastronomie und Hotellerie. Konkrete Zahlen liegen nur für Bayern vor: Die Umsatzeinbrüche lagen hier im Jahresdurchschnitt 2020 bei einem Minus von 40 Prozent. In der Spitze, also im März und April sowie im November 2020, fielen sogar 80 Prozent der Umsätze aus. Besonders macht sich in dieser Branche auch das Ausbleiben der Touristen bemerkbar. Es kamen 5,8 Millionen weniger Gäste nach München; die Übernachtungen brachen um 65,8 Prozent ein. Heikel ist auch die Lage vieler Einzelhändler, die im stationären Geschäft deutlich weniger umsetzten, während der Anteil des Online-Handels stieg. Auch hier gibt es nur bayernweite Zahlen, und zwar ein Plus von 6,4 Prozent im Jahr 2020, das zum großen Teil auf das Lebensmittelgeschäft zurückzuführen ist. Bitter sah es dagegen bei allen aus, die Kleider, Schuhe oder Lederwaren verkaufen. Und noch bitterer war die Lage der Kulturschaffenden, die bis heute hart von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen sind. Festivals, Theater, Messen, Auftritte, Konzerte sind immer noch nicht oder nur in stark eingeschränktem Umfang möglich.

Der Gewinner

"Die Hightech-Branche ist trotz Krise nicht nur stabil, sie wächst sogar", konstatiert Baumgärtner zufrieden. Hierzu zählen unter anderem die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), die Biotechnologie und Medizintechnik. "Die IKT-Branche ist etwas, das wir in München pflegen. Sie ist neben der Automobil- und Zulieferindustrie unser zweites Standbein", ergänzt der Wirtschaftsreferent. 93 000 Menschen sind hier in München sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Steuereinnahmen

Für die Finanzen Münchens ist die Corona-Pandemie verheerend. Die bedeutendste Finanzquelle der Stadt, die Gewerbesteuer, ist im vergangenen Jahr von 2,7 auf 1,7 Milliarden Euro eingebrochen. Trotz Zuweisungen von Bund und Land in Höhe von 670 Millionen Euro, blieb ein gewaltiges Defizit. In Folge der Einnahmeausfälle bei gleichzeitig höheren Ausgaben verschuldete sich München mit 908 Millionen Euro. Die Pro-Kopf-Verschuldung, die 2019 noch bei 412 Euro je Einwohner lag, stieg binnen eines Jahres auf 988 Euro je Einwohner. Baumgärtner rechnet auch für das laufende Jahr mit Einnahmeausfällen und noch mehr Schulden. Sein Fazit: "Vieles, was politisch gewünscht ist, werden wir uns nicht leisten können."

© SZ vom 06.07.2021/syn
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