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Corona-Krise:Wo die Münchner sparen müssen

Sparbuch

Wegen der Krise befürchten viele Münchner massive finanzielle Probleme.

(Foto: dpa)

Jeder Vierte fürchtet in einer Umfrage, durch die Folgen der Pandemie in den nächsten Monaten in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten. Überdurchschnittlich stark von Geldproblemen betroffen ist eine besonders große Gruppe.

Von Sven Loerzer

Als Folge der Corona-Pandemie müssen sich auch in München viele Menschen finanziell erheblich einschränken. 37 Prozent der Haushalte sind von Einkommenseinbußen betroffen, jeder vierte Münchner Haushalt befürchtet, in den nächsten zwölf Monaten seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können. Nur wenige, vier Prozent, profitieren von der Krise und verdanken ihr ein höheres Einkommen als zuvor.

Das geht aus einer Online-Umfrage hervor, die Creditreform München in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Monat durchführen hat lassen. Hochgerechnet sind somit rund 310 000 Haushalte von Einkommensverlusten durch Kurzarbeit, Verlust des Arbeitsplatzes, Nichtausübung selbständiger Tätigkeit oder geringere Mieteinnahmen betroffen. Besonders stark leiden Geringverdiener mit weniger als 1500 Euro monatlichem Haushaltsnettoeinkommen unter coronabedingten Einkommenseinbußen: 67 Prozent dieser Haushalte müssen mit weniger Geld zurecht kommen.

Die Ergebnisse der von dem Marktforschungsinstitut Innofact AG durchgeführten repräsentativen Umfrage mit 1586 Interviews machen deutlich, "dass die Corona-Pandemie die Einkommen vieler Verbraucher in Bedrängnis gebracht hat", fasst der Sozialwissenschaftler Rainer Bovelet vom Büro Synergie 2 zusammen, der die Umfrage konzipiert und ausgewertet hat. Besonders belastet würden viele einkommensschwache Personen und Haushalte, gerade in München nochmals stärker als im Bund. Überdurchschnittlich stark betroffen (46 Prozent) sind in München aber auch Normalverdiener (1500 bis 2500 Nettoeinkommen). Die wichtigsten Auslöser für den Einkommensrückgang sind Kurzarbeit (29 Prozent) und der dauerhafte Verlust des Arbeitsplatzes (14 Prozent). Wegen Corona können viele Menschen ihre selbständige Tätigkeit (22 Prozent) nicht oder nur begrenzt ausüben. Vom Rückgang der Mieteinnahmen als Ursache der Einkommenseinbußen sind 18 Prozent betroffen, von der Aussetzung von Nebenjobs 17 Prozent.

20 Prozent der Befragten, die Einkommenseinbußen hinnehmen mussten, haben zwischen 30 und 50 Prozent ihres Einkommens verloren, zwölf Prozent sogar mehr als die Hälfte. Von dem höchsten Einkommensverlust seien "überschlägig hochgerechnet derzeit etwa 36 000 Haushalte betroffen", sagt Bovelet, rund 57 000 Menschen. "Hierzu gehören überdurchschnittlich häufig ältere Personen und Personen mit eher geringem Einkommen." Die Furcht, in den nächsten Monaten in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten, prägt das Leben jedes vierten Befragten. Hochgerechnet dürften davon mehr als 200 000 Haushalte erfasst sein. "Viele Münchner Verbraucher befürchten, grundlegende Kostenposten in den nächsten Monaten nicht mehr bezahlen zu können", lautet das Fazit der Auswertung. Am häufigsten genannt wurden dabei dringende und notwendige Anschaffungen für Haus und Wohnung (37 Prozent), Mietkosten (36 Prozent), Mobilitätskosten (25 Prozent) sowie Steuern und Abgaben (22 Prozent).

Bemerkenswert ist der gegenüber einer Umfrage von Oktober starke Anstieg von zehn Prozentpunkten jener Menschen, die befürchten, ihre Mietkosten nicht mehr bezahlen zu können. Dies spiegele "die spezifische Situation des Münchner Miet- und Immobilienmarktes" wider. "Steigende Wohnkosten, auch verstärkt durch den Trend zur Vermietung von möblierten Wohnungen und durch steigende Wohnnebenkosten" hätten bereits in den vergangenen Jahren häufig Überschuldung ausgelöst.

Viele halten sich beim Konsum zurück

Positiv wertet Bovelet, dass die Münchner Verbraucher im Vergleich zur bundesweiten Oktober-Umfrage seltener angeben, Bankverbindlichkeiten wie Dispositionskredite, Immobilienkredite, Ratenkauf und Konsumkredite nicht mehr bezahlen zu können. Ihr Anteil bewegt sich zwischen zehn und 13 Prozent und liegt damit um drei bis acht Prozentpunkte niedriger als bundesweit. Sieben Prozent der Münchner Befragten geben an, dass sie sich derzeit Ratenzahlungen für Kredite haben stunden lassen.

Wegen der negativen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind viele Verbraucher vorsichtiger mit Ausgaben und halten sich beim Konsum zurück. Wie im Bund gebe eine Mehrheit der Verbraucher in der Stadt München (55 Prozent) an, krisenbedingt weniger Geld auszugeben. Die meisten, 36 Prozent, sparen bei den Ausgaben für Freizeit und Urlaub, 30 Prozent bei Bekleidung, Schuhen, Haus- und Heimtextilien. Trotz Corona und der negativen wirtschaftlichen Folgen sehen 53 Prozent der Münchner Befragten - erheblich mehr als bundesweit - ihre eigene wirtschaftliche Lage derzeit sehr positiv, fast ebenso viele (51 Prozent) auch für die nächsten Monate. Bovelet führt das auf die überdurchschnittlich hohen Haushaltseinkommen und die besondere Leistungskraft des Wirtschaftsstandorts München zurück.

Sparen steht bei den Münchnerinnen und Münchnern ohnehin hoch im Kurs. Regelmäßig legen 51 Prozent (bundesweit laut Oktober-Umfrage: 38 Prozent) Geld zurück. Allerdings sieht sich auch jeder vierte Befragte (27 Prozent) nicht in der Lage zu sparen, weil er zu wenig Geld zur Verfügung hat. Zwei Drittel der Gutverdiener in München (Bund: 60 Prozent) sparen regelmäßig, aber nur rund 13 Prozent der Geringverdiener (Bund: 21 Prozent).

"Die Corona-Krise hat auch in der wohlhabenden Stadt München nachhaltige Spuren in den Portemonnaies der Verbraucher hinterlassen", lautet das Fazit von Rainer Bovelet. Während die oberen sozialen Schichten Einkommensausfälle kompensieren könnten, indem sie vermehrt sparten und Konsumzurückhaltung übten, verfügten die unteren sozialen Schichten über keine oder nur geringe Reserven, was zu Ver- und Überschuldung führe. "Die Corona-Pandemie öffnet die Schere zwischen Arm und Reich weiter."

© SZ vom 18.02.2021/lfr, van
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