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Öffentliches Leben in München:Im Virus-Wartestand

Schule

Leere Klassenzimmer: Rund ein Dutzend Schulen in München sind wegen Coronavirus-Fällen geschlossen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)
  • Kultur und Sport bereiten sich auf ein mögliches Verbot von Großveranstaltungen vor, Münchner Schulen richten sich auf längerfristige Unterrichtsausfälle ein.
  • Die überlasteten Hotlines sollen mit mehr Personal besetzt werden.

Von SZ-Autoren

Absagen von Ausstellungseröffnungen, Lesungen und Demonstrationen, geschlossene Schulen, banges Abwarten im Sport und bei Konzertveranstaltern, das Coronavirus dominiert immer mehr das öffentliche Leben in der Stadt. Am Montagabend kommt die Gewissheit hinzu: Bis Karfreitag, 10. April, werden alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abgesagt. Das hat die bayerische Staatsregierung nun beschlossen, wie die Augsburger Allgemeine Zeitung zuerst berichtete. CSU und Freie Wähler folgen damit einer Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Die Details sollen am Dienstag in einer Kabinettssitzung beraten und beschlossen werden.

"Alle sinnvollen Maßnahmen, die dazu führen, die Verbreitung des Virus einzudämmen, sollten ergriffen werden", hatte zuvor auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) betont. Am Dienstag soll es ein Gespräch mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geben. Der Wahlkampf ist bisher weitgehend unbeeinträchtigt, auch wenn einzelne Gruppen wie die München-Liste erste Konsequenzen ziehen. Haustürbesuche werden abgesagt, das Händeschütteln wird eingestellt. Die Wahlpartys der Parteien am Sonntag sollen wohl stattfinden.

Das Coronavirus verbreitet sich unterdessen weiter. Am Montagmittag meldete die Stadt 16 neue Fälle. Damit seien in München insgesamt 60 Infektionen gemeldet. Beim Gesundheitsamt der Stadt war über Stunden kein Durchkommen. Da auch eine Kommunikation über die Nummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdiensts unmöglich war, konnten sich Münchner, die sich etwa über Fasching im Risikogebiet Südtirol aufhielten, kaum melden. "Mir ist wichtig, dass die Anruferinnen und Anrufer möglichst schnell durchkommen und Antworten auf ihre Fragen erhalten. Deshalb habe ich bereits letzte Woche angeordnet, die Kapazitäten entsprechend auszubauen", sagte OB Reiter. Auch bei Tests sieht er großen Bedarf, mehr Möglichkeiten zu bieten. "Hier hat die Stadt bereits externe Unterstützung zugeschaltet und wir werden noch diese Woche zusätzliche, auch mobile Testmöglichkeiten schaffen."

Einige Veranstalter hatten schon vor der Entscheidung des Freistaats reagiert. Die am 28. März geplante Großdemo für soziale Teilhabe und günstigeres Wohnen ist endgültig abgesagt worden. Nach dem VDK hat das auch der zweite Partner, das Bündnis ausspekuliert, verkündet. Man bemühe sich mit dem VdK, einen Ersatztermin zu finden.

Auf der Kippe stehen auch die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Sie sollen am 3. Mai stattfinden, also nach Ablauf der nun gesetzten Frist. Noch in dieser Woche soll eine Entscheidung fallen. Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, sagt: "Die Tendenz geht eher in Richtung Absage." Man wolle die Gesundheit der Gäste, darunter 90 hochbetagte Überlebende und Befreier, keinesfalls riskieren. Möglich sei als Alternative, die Feiern in kleinerem Rahmen abzuhalten und auf deren mediale Übertragung zu setzen. Eine Verschiebung ins nächste Jahr sei im Fall einer Absage wahrscheinlich.

Kultur und Sport trifft es zum Teil ziemlich hart. Die Kammerspiele, das Residenz-, Volks- und Gärtnerplatztheater verfügen über weniger als 1000 Plätze und sind nicht von dem Beschluss betroffen. Man geht dort davon aus, bis Ostern einfach weiterspielen zu können. Unklar ist, wie es bei der Oper und dem Deutschen Theater weitergeht, beide Einrichtungen bieten mehr als 1000 Besuchern Platz. Gäste des Nationaltheaters können bislang ihre Karten zurückgeben und erhalten den Kaufpreis erstattet. Die Profi-Sportvereine waren in den vergangenen Tagen "im intensiven Austausch mit der Liga und den zuständigen Behörden in München", erklärt Andreas Burkert, Medienchef der FC-Bayern-Basketballer. Denkbar sind Spiele ohne Zuschauer, Beschränkungen bis 1000 Zuschauer oder eine Verschiebung. Im Breitensport gibt es schon Absagen: Das Werner-von-Linde-Sportfest, das größte deutsche Hallensportfest für Schüler und Jugendliche, wird ausfallen.

Am Nockherberg sind Fastenrede und Singspiel gestrichen. Ob das Starkbierfest bis 5. April in irgendeiner Form stattfinden kann, war bis Montagabend unklar. Wirt Christian Schottenhamel beriet sich mit dem Gesundheitsamt. Der Nockherberg liegt mit 3500 Plätzen deutlich über der nun festgesetzten Grenze. Der Löwenbräukeller liegt unter der Marke, hier läuft das Starkbierfest seit Freitag. Wirt Ludwig Reinbold sagt: "Wir haben vor dem Virus großen Respekt, schulen unsere Mitarbeiter und verlangen regelmäßige interne Hygienekontrollen." Absagen gebe es kaum: "Der Andrang ist groß, die Stimmung hervorragend." Gleiches gilt für den Augustinerkeller, dort hat man Desinfektionsgeräte aufgestellt. Wirt Christian Vogler: "Wir haben am Montagmittag zusammen mit der Brauerei entschieden, den offiziellen Anstich am Abend zwar abzublasen, die Stammgäste aber trotzdem zu bewirten."

Die Schulen spüren die Auswirkungen des Virus immer deutlicher. Am Samstag hatte das bayerische Gesundheitsministerium Kindern den Besuch von Schulen und Kitas verboten, wenn sie im Laufe der vergangenen beiden Wochen in einem Corona-Risikogebiet gewesen waren. Seit Donnerstag zählt dazu auch Südtirol - und damit ist die Zahl der Schüler, die daheimbleiben müssen, offenbar deutlich angestiegen. Eine Gesamtzahl wird nicht erhoben, doch während Schulleiter in der vergangenen Woche noch von Einzelfällen sprachen, berichtet nun etwa das Gymnasium München-Moosach, etwa 60 seiner insgesamt 1210 Schülerinnen und Schüler seien betroffen. Am erheblich kleineren Wilhelmsgymnasium im Lehel ist gar von etwa 70 bis 80 Betroffenen die Rede - das entspricht dort mehr als einem Zehntel aller Schüler. Auch einige Lehrer seien in Südtirol gewesen, heißt es.

Die Daheimbleiber werden mit Unterrichtsmaterial versorgt, als wären sie krank: Mitschüler geben Arbeitsblätter weiter, die Klassen kommunizieren per E-Mail und Handys. Schulaufgaben müssten die Schüler nachschreiben, sagt der Schulleiter des Gymnasiums München-Moosach Stefan Illig. Bislang sei das alles noch gut zu organisieren; pro Klasse fehlten derzeit einer bis fünf Schüler, das komme im Frühjahr auch bei Grippewellen hin und wieder vor. Sie würden versuchen, den Abschlussjahrgang Q12 gut zu schützen.

Für die angehenden Abiturienten bringt das Virus einen besonderen Druck mit sich. Ende April beginnen die Abschlussprüfungen; und dabei soll es wohl auch bleiben. Die Situation müsse täglich neu bewertet werden, aktuell stehe eine Verschiebung aber nicht zur Debatte, heißt es aus dem Kultusministerium. Parallel arbeiten die Schulen an Notfallplänen für den Fall, dass sie geschlossen werden. Diese Möglichkeit müsse man im Auge behalten, sagt Stefan Illig. Er setzt für diesen Fall auf digitalen Unterricht. Das Kultusministerium stellt den Schulen dafür ein eigenes Internetportal zur Verfügung.

Auch das Wilhelmsgymnasium bereitet sich entsprechend vor. Er würde sich generell eine einheitliche Regelung wünschen, sagt Schulleiter Michael Hotz. Derzeit herrsche Durcheinander, jede Schule stehe in Kontakt mit dem Gesundheitsamt und versuche für sich, die Ausfälle zu handhaben. Wenn dagegen alle Schulen bis Ende der Woche geschlossen würden, könnten sie die Lage in Ruhe bewältigen.

© SZ vom 10.03.2020 / heff, hob, fjk, clu, jupu, etho, toe, aw, wet, zir

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