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Uni im Lockdown:"Irgendwann entsteht nichts mehr Neues, weil die Vernetzung fehlt"

Pinsel und Leinwand sind eher nichts für die Malerin Schirin Kretschmann. Sie geht mit ihren Arbeiten gerne in den öffentlichen Raum.

(Foto: Marc Doradzillo/oh)

Schirin Kretschmann unterrichtet seit einem Jahr an der Akademie der Bildenden Künste. Über die Einsamkeit ihrer Studierenden und wie sie mit kreativen Lösungen die Zeit überbrückt.

Interview von Martina Scherf

Schirin Kretschmann, 41, unterrichtet seit einem Jahr Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München, seit Oktober als ordentliche Professorin. Noch wohnt sie mit ihrer Familie in Berlin. Für Wohnungs- und Kitasuche in München war unter Pandemiebedingungen bisher einfach keine Zeit, sagt sie. So pendelt sie also jetzt noch jede Woche tageweise zwischen den beiden Städten. Sie hat Germanistik, Kunsterziehung und Freie Kunst studiert. Neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit ist sie auch kuratorisch tätig und an interdisziplinären Forschungsprojekten beteiligt.

SZ: Wie unterrichtet man Malerei, wenn die Ateliers geschlossen sind?

Wir waren schon im März vergangenen Jahres mit dieser Situation konfrontiert und deshalb vorbereitet. Da ich selbst oft situativ arbeite, sehe ich die aktuelle Situation als positive Herausforderung, um die Atelierroutine infrage zu stellen. Ich lasse meine Studierenden im öffentlichen Raum tätig werden. Manche sind enttäuscht, nicht ins Atelier zu dürfen und waren erst mal wie gelähmt ohne die gewohnte Umgebung. Aber dann entdeckten sie, dass ihre Arbeit nicht unbedingt an das Akademiegebäude gebunden ist. Sie begannen, ihren Kunstbegriff zu hinterfragen und lernten, dass es darauf ankommt, sich ein eigenes Umfeld zu schaffen für die Arbeit.

Was heißt das konkret?

Für die Jahresausstellung gab es keinen gemeinsamen Ausstellungsraum, sie suchten sich öffentlich zugängliche Orte in der Stadt für ihre Projekte: ein Hinterhof als Standort für eine Skulptur, eine Hausfassade für eine Aktion, eine Isarbrücke als Fläche für eine Videoprojektion, ein Rasenstück im Englischen Garten für eine Performance. Wir entwickelten eine digitale Karte, damit Interessierte die Aktionen und Werke finden konnten. Alle diese Arbeiten thematisierten das Erscheinen und Verschwinden von Dingen und Handlungen. Also das, was wir gerade erleben. Bis Mitte Dezember konnten wir dann noch Präsenzlehre halten. Exkursionen fielen leider aus. Danach wurde die ganze Akademie wieder geschlossen.

Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt treffen wir uns mit der ganzen Klasse einmal die Woche online. Das ist natürlich nicht das Gleiche. Unsere Lehre besteht ja im Wesentlichen aus einem offenen Dialog vor originalen Arbeiten. Der kommt aber nur beschränkt in Gang, wenn 30 Leute zu Hause vor ihren Bildschirmen sitzen. Jeder klappt am Ende seinen Rechner zu, dann ist der Gedankenaustausch abrupt beendet. Für die Anfänger war der Start ins Studium besonders absurd: Sie bekamen eine virtuelle Tour durchs Haus, sind aber niemandem wirklich begegnet. Dabei lässt sich in unserem großen Gebäude das Hygienekonzept sehr gut umsetzen. Ein Pförtner lässt die Studierenden einzeln rein und raus. Im Klassenraum dürfen nur wenige gleichzeitig arbeiten, in den Werkstätten gibt es Einzelbelegung. In der Akademie hat sich meines Wissens bisher niemand angesteckt.

Trotzdem ist jetzt alles zu. Wie nutzen die Studenten die vorlesungsfreie Zeit, in der sie ja üblicherweise auch ins Atelier gehen?

Ich mache mit meinen Studierenden ein Projekt, für das sie Zweiergruppen bilden. Jeder der beiden entwickelt ein Konzept, das der oder die andere adoptiert und am eigenen Aufenthaltsort umsetzt. Die Arbeitsprozesse der beiden verschränken sich. Sie tauschen sich per Telefon oder E-Mail aus, sind begeistert bei der Sache und lernen viel. Einmal in der Woche komme ich dazu für Feedback. Trotzdem ist es so: Je länger die Schließung dauert, desto schwerer wird es für die jungen Leute.

Erzählen Ihnen die Studierenden, wie es ihnen geht?

Ja. Ich habe sehr viele Gespräche geführt in den vergangenen Monaten. Sie fühlen sich einsam. Alle sitzen in ihren kleinen WG-Zimmern, haben meist keinen Nebenjob mehr und deshalb obendrein auch noch Geldsorgen. Manche sind richtig verzweifelt und depressiv. Wir haben viele Studierende aus dem Ausland. Die haben es besonders schwer, weil sie so weit von ihren Familien weg sind. Und viele, vor allem die asiatischen Studierenden, hatten große Probleme mit diesem unberechenbaren On und Off, mal Öffnung, mal Schließung. Oft kommt dann noch der Leistungsdruck der Familien dazu.

Was können Sie den jungen Leuten raten?

Ich habe den meisten der ausländischen Studierenden geraten, in den Ferien nach Hause zu fahren. Sie nehmen von dort an unseren Online-Besprechungen teil, bei uns mittags um 13 Uhr, das passt mit dem Zeitunterschied für alle. Wir haben an der Hochschule außerdem versucht, auch finanziell zu helfen und mit dem Akademieverein über viele großzügige Spenden aus München ein Notstipendium aufgestellt, für all jene, die durch die wegfallenden Mini-Jobs ihre Lebensgrundlage nicht sichern können.

Wenn sich die Studierenden so isoliert fühlen, heißt das im Umkehrschluss: Sie halten sich an die Corona-Regeln ...

Auf jeden Fall. Die allermeisten nehmen das sehr ernst. Schon im ersten Lockdown und jetzt wieder. Sie sitzen wirklich in ihren WG-Zimmern und bewegen sich nirgendwohin. Aber die Studienzeit ist doch die wichtigste Zeit im Leben. Deshalb hoffe ich sehr, dass sich bald etwas ändert, die Hochschulen wieder öffnen, vielleicht mit einer Teststrategie. Denn der persönliche Austausch, die informellen Begegnungen, die Fragen, die neben dem eigentlichen Unterricht aufgeworfen und diskutiert werden, sind durch nichts zu ersetzen. Eine gewisse Zeit kann man das überbrücken. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts Neues mehr entsteht, weil die Vernetzung fehlt.

© SZ vom 04.03.2021/kafe
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