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Verdacht falscher Negativ-Zertifikate:München lässt mehrere Corona-Teststationen schließen

Coronatestzentren müssen verstärkt mit Kontrollen rechnen

Drei Betreiber von Corona-Schnelltestzentren in München dürfen vorerst keine Tests mehr durchführen (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Wegen zweifelhafter Vorgänge dürfen drei Betreiber einstweilen keine Schnelltests mehr vornehmen. In einem Fall hatte das Gesundheitsministerium lange gebraucht, um eine Beschwerde weiterzugeben.

Von Linus Freymark und Klaus Ott

Schnelltests auf Corona-Viren sollen, das sagt ja schon der Name, schnell gehen. Jetzt ist es bei drei Betreibern von privaten Teststationen in ganz anderer Hinsicht ganz schnell gegangen. Das Gesundheitsreferat der Stadt München (GSR) hat am Freitagabend und am Samstag sämtliche Stationen dieser drei Betreiber schließen lassen. Das betrifft mindestens acht Teststellen in München. Der Grund: Zweifelhafte Vorgänge bei den drei Betreibern, die durch SZ-Recherchen bekannt wurden beziehungsweise denen nachgegangen wurde, weil die SZ beim Bayerischen Gesundheitsministerium nachgehakt hatte.

In allen Fällen geht es darum, dass Münchner Bürger von Teststationen der betroffenen Betreiber negative Testergebnisse bescheinigt bekamen, ohne dass bei ihnen ein Abstrich vorgenommen wurde. Vielmehr hatten sich die betroffenen Personen zwar für einen Schnelltest angemeldet, waren dann aber wieder gegangen, ohne eine Probe abgegeben zu haben - unter anderem deshalb, weil ihnen die Wartezeit zu lang war.

So auch im Falle des Rentners Reinhold Hanna. Er hatte nach eigenen Angaben am Samstag, 22. Mai, zusammen mit seiner Frau die Teststation Seehaus im Englischen Garten aufgesucht und sich inklusive Vergabe eines QR-Codes registrieren lassen. Es habe dann aber, so Hanna, nicht warten wollen und sei vor einem Test gegangen. Gleichwohl bekam er vom Testbetreiber an jenem Samstag um 14.54 Uhr eine E-Mail mit folgendem Inhalt: "Anbei finden Sie nun Ihren SARS-CoV-2 Antigen Schnelltest Befund zum Download."

Hanna sagt, er habe den Befund abgerufen und zu seiner Überraschung ein negatives Testergebnis bekommen. Tags darauf schickte Hanna eine Beschwerde-Mail sowohl an den Testbetreiber als auch an die allgemeine Mail-Poststelle des Gesundheitsministeriums. In der Betreff-Zeile der E-Mail stand der alarmierende Hinweis: "Covid-Test-Muenchen - Programm erzeugt fehlerhafte Testergebnisse." Der Rentner beklagte, durch die vom betreffenden Betreiber genutzte Software in den vier Teststationen Hackerbrücke, Seehaus, Zentrum/Laim und Augustiner würden "negative Zertifikate erstellt, ohne dass die Person getestet wurde". Der Rentner warnte, eine möglicherweise infizierte Person könne mit solch einem Nachweis "beliebig Restaurants besuchen und einkaufen".

Die E-Mail umfasste lediglich fünf Sätze, das Ende lautete: "Ich halte dieses Programm daher für gravierend fehlerhaft und bitte Sie, es baldmöglichst ändern zu lassen, bevor sich dieser Fehler herumspricht und missbraucht wird. Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung." Es folgten Name und Handynummer.

Doch es geschah erst einmal gar nichts. Weder der Betreiber noch das Ministerium reagierten. Schließlich informierte Hanna die Süddeutsche Zeitung, die am vergangenen Donnerstag (Fronleichnam) um 9 Uhr beim Gesundheitsministerium anfragte, ob man dieser Sache bereits nachgegangen sei. Immerhin gehe es um den Verdacht falscher Negativ-Zertifikate. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Trotz des Feiertags schaltete das Ministerium das Gesundheitsreferat der Stadt München ein und bat darum, "die Angelegenheit sofort zu überprüfen".

Das geschah dann am Freitagnachmittag. Die Stadt testete die Teststation an der Hackerbrücke. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsreferats ließ sich registrieren, aber nicht testen. Dennoch bekam er kurz darauf eine Nachricht auf sein Handy, dass sein Coronatest negativ sei. So die Darstellung des Gesundheitsreferats, das umgehend handelte. Noch am Freitagabend wurden alle vier Stationen des betreffenden Betreibers geschlossen. Der Grund: Ein "schwerwiegender Verstoß gegen die Pflicht zur Gewährleistung eines ordnungsgemäßen Testbetriebs".

Am Samstag veranlasste das GSR dann als Reaktion auf SZ-Recherchen zwei weitere Betreiberfirmen dazu, ihre Teststationen zu schließen. In beiden Fällen hatten Personen einen negativen Bescheid erhalten, obwohl sie keine Probe abgegeben hatten. Während sich die eine betroffene Firma damit rechtfertigte, dass es sich wohl um den Versehen eines überforderten Mitarbeiters gehandelt haben müsse, erklärte das andere Unternehmen den falsch negativen Befund damit, dass sich die Betroffene zwar vor Ort ins System eingecheckt habe, dann jedoch spontan entschieden habe, den Termin doch nicht wahrzunehmen. Dadurch sei der Test aber im IT-System gestartet, aber nicht beendet worden. Dies sei dann später manuell geschehen. Zudem sei, nachdem durch eine Systemabfrage sichergestellt wurde, dass es im fraglichen Zeitraum keinen positiven Test gegeben hatte, das negative Testergebnis verschickt worden. Durch dieses Vorgehen können aber auch negative Ergebnisse versendet werden, ohne dass es überhaupt zu einer Testung kam. Das GSR teilte daraufhin am Samstag mit, man habe den Betreibern die "vertragliche Beauftragung der Landeshauptstadt München (...) zur Durchführung von Bürgertestungen (...) mit sofortiger Wirkung widerrufen".

Dass die Stadt die Testbetriebe stichprobenartig kontrolliert, ist bislang nicht vorgekommen. Denn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte Anfang März mit einer eilig verfügten Verordnung private Test-Betreiber zugelassen, ohne gleichzeitig für Kontrollen zu sorgen. Die Kontrollen werden nun nachgeholt und führen zu immer mehr Hinweisen auf mögliche Missstände wie bei den Münchner Stationen. Betreiber der geschlossenen Stationen Hackerbrücke, Seehaus, Augustiner und Laim ist die Firma Probitatis aus Starnberg. Nach Angaben von Dominic Post, dem Inhaber der Firma, gab es zuletzt im Schnitt 1000 Tests pro Tag in den vier Stationen. Post teilte mit, die Firma werde nun ihrerseits überprüfen, wie das falsch negative Ergebnis für den Mitarbeiter des GSR ausgestellt werden konnte.

© SZ vom 07.06.2021
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