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Corona-Krise in München:Stadtwerke kündigen "drastisches Sparprogramm" an

Coronavirus - München

Auf Leerfahrt: In der krassesten Corona-Phase fuhren nur 20 Prozent der normalerweise gezählten Passagiere mit U-Bahn, Bus und Tram.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

Damit will das Unternehmen Corona-Verluste in dreistelliger Millionenhöhe ausgleichen. Existenzbedrohend sei die Krise jedoch nicht.

Von Dominik Hutter

Nach coronabedingten Verlusten schalten die eigentlich erfolgsverwöhnten Münchner Stadtwerke nun in den Sparmodus. Aktuell werde intensiv geprüft, ob die neue Tramwerkstätte an der Ständlerstraße nicht deutlich preisgünstiger zu haben ist, berichtet Vorstandschef Florian Bieberbach. Die Umstellung des Fernwärmenetzes von Dampf auf Heißwasser verzögert sich. Und die Modernisierung der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage im Kraftwerk Süd muss um ein ganzes Jahr verschoben werden - weil nach der Schließung der Grenzen die Arbeiter nicht mehr anreisen und diverse Bauteile nicht geliefert werden konnten. Im Olympiapark könnte es die Sanierung des Stadions treffen, die möglicherweise zeitlich gestreckt werden muss. Dazu kommen diverse weitere Projekte auf den Prüfstand, frei werdende Stellen stehen zur Disposition, die Etats der Abteilungen sinken.

"Wir streichen alles, was nicht unbedingt notwendig ist", sagt Bieberbach, es handle sich um ein durchaus "drastisches Sparprogramm". Entlassungen stünden aber nicht an, und auch einen generellen Einstellungsstopp hält der Stadtwerke-Chef nicht für sinnvoll. Das Unternehmen werde seine Ziele weit verfehlen, und auch die Stadt München könne sich keine Hoffnungen auf die alljährliche Gewinnabführung von Höhe von 100 Millionen Euro machen. Existenzbedrohend sei die Krise für das kommunale Unternehmen jedoch nicht, versichert Bieberbach. Es gelte, gegenzusteuern - zumal unklar sei, wie hoch die Verluste tatsächlich ausfallen. Und auf wie viel Ausgleich vom Staat die Stadtwerke hoffen dürfen.

Sorgenkind ist vor allem der vom Tochterunternehmen MVG gemanagte Verkehrsbereich. Schon jetzt habe man ein Minus von 87 Millionen Euro zu beklagen. Das Angebot wurde mit wenigen Ausnahmen wie etwa dem Schülerverkehr die ganze Zeit aufrechterhalten, in Bussen und Bahnen waren aber viel weniger Fahrgäste unterwegs. In der krassesten Phase des Lockdowns standen und saßen nur 20 Prozent der normalerweise gezählten Passagiere in den Fahrzeugen. Inzwischen sind es 70 Prozent - berauschend ist aber auch dieser Wert nicht. Bieberbach fürchtet, dass die Verluste bei der MVG im Gesamtjahr auf bis zu 190 Millionen anwachsen. Eine Zahl, in der eine eventuelle zweite Coronawelle nicht enthalten ist, auch kein zweiter Lockdown; dieses Minus käme dann noch oben drauf. Bieberbachs Optimismus, um eine zweite Corona-Welle herumzukommen, ist bereits kleiner geworden.

Zwar soll es einen staatlichen Rettungsschirm für den öffentlichen Nahverkehr geben. Wie viel Geld die MVG aber tatsächlich zu erwarten hat, steht in den Sternen. Immerhin: Probleme mit dem EU-Wettbewerbsrecht sind vorerst nicht zu erwarten. Streng genommen muss sich der Betrieb von Bussen und Bahnen rechnen, also eigenwirtschaftlich sein. Defizite hätten zur Folge, dass die MVG Strecken europaweit ausschreiben muss. Der Stadtrat hat aber eine "Notbetrauung" beschlossen: Zuzahlungen, damit kein Minus entsteht. Das sei rechtlich wasserdicht, versichert Bieberbach. Allerdings nur für eine Übergangszeit. Das Prinzip funktioniert nur, weil der Unterhalt der in die Jahre gekommenen Tunnelstrecken und einige weitere Posten der MVG von der Konzernmutter Stadtwerke finanziert werden. Die Linien-Konzessionen hingegen liegen bei der MVG.

Bieberbach befürchtet, dass die Fahrgastzahlen auch 2021 noch deutlich niedriger liegen als in der Vor-Corona-Zeit. "Das beunruhigt uns, weil für 2021 kein Schutzschirm mehr vorgesehen ist." Eine der großen Unbekannten ist der Tourismus (die Wiesn inklusive), von dem Busse und Bahnen normalerweise stark profitieren. Den aktuell weltweiten Touristenschwund bekommt auch die MVG deutlich zu spüren.

Bieberbach hofft, dass die Münchner wieder wachsamer werden, was den Corona-Schutz angeht. Während in Bussen und Bahnen anfangs fast alle eine Maske aufgezogen hätten, sei die Quote inzwischen auf rund 90 Prozent gesunken. Dennoch seien aktuell, anders als in anderen Städten, keine Bußgelder geplant. Masken-Verweigerer würden von der U-Bahn-Wache ermahnt - der Fahrer bekommt das meistens gar nicht mit.

Weitere zehn Millionen minus - mindestens - erwarten die Stadtwerke bei den Schwimmbädern. Finanziell bilde die aktuelle Situation "den schlechtesten Fall": Die Bäder sind geöffnet, mit dem kompletten Aufwand. Die Besucherzahlen aber sind limitiert, ins Dantebad etwa dürfen aktuell nur 2400 Wasser-Fans; früher kamen an Spitzentagen etwa 8000 zahlende Badegäste. Allzu unzufrieden sind die Stadtwerke mit der Auslastung aber nicht. Sie ist konstanter als früher.

Weitere 15 bis 20 Millionen Mindereinnahmen stehen im Bereich Strom an. Bei den Privathaushalten haben die Stadtwerke trotz der vielen Home-Office-Münchner keine signifikanten Veränderungen beim Verbrauch feststellen können. Die Gewerbekunden aber haben deutlich weniger Strom verbraucht, in der extremsten Phase nur 78 Prozent des sonst üblichen. Derzeit sei man wieder bei 90 Prozent angelangt, der Wert stagniere aber. Bei Wärme und Wasser, zwei weiteren Geschäftszweigen, hatte Corona nur geringe Auswirkungen. Allerdings gibt es auch hier eine Unbekannte: Sollte, was Experten für wahrscheinlich halten, im Herbst eine Insolvenzwelle durch das Land rollen, verlieren die Stadtwerke Kunden. Und möglicherweise werden dann auch ausstehende Rechnungen nicht mehr bezahlt.

© SZ vom 05.08.2020/kafe
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