Tagungsraum statt Klassenzimmer:Mathe mit fünf Sternen

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Gregor Abt, Initiator von "Schule im Hotel"

Weil Abstandhalten in vielen Klassenzimmern nicht möglich ist, hat Gregor Abt die Initiative "Schule im Hotel" gegründet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Initiative will Schulen mit Platzproblemen Unterrichtsräume in Hotels vermitteln. Bei den großen Fraktionen im Rathaus stößt der Vorschlag auf Wohlwollen, aber auch auf Vorbehalte.

Von Jakob Wetzel

Gregor Abt hat eine Idee. Wenn es in den Klassenzimmern zu eng ist und die Schülerinnen und Schüler den vorgeschriebenen Mindestabstand nicht einhalten können - warum setzen sie sich dann nicht in einen der großen, derzeit ohnehin leer stehenden Tagungsräume eines Münchner Hotels? Und wenn Lehrerinnen und Lehrer schlecht per Online-Videokonferenz unterrichten können, weil es in ihren Schulhäusern zum Beispiel kein ausreichendes Wlan gibt - warum gehen sie dafür nicht in ein technisch besser ausgestattetes Hotelzimmer? Die stehen ja ebenfalls leer, Touristen dürfen derzeit nicht übernachten. Und um die Organisation und die noch offenen Fragen - zum Beispiel: Was kostet das, und wer zahlt? Oder: Wie kommen Kinder oder Lehrer von der Schule ins Hotel und zurück? - könnte sich ein Team von erfahrenen Event-Managern kümmern. Die hätten in Zeiten von Corona ja ebenfalls Kapazitäten frei.

Abt hat mit anderen die Initiative "Schule im Hotel" gegründet: Auf der Internetseite schule-im-hotel.de wirbt er nun um Unterstützer und um Partner. Kontakte zu Hotel-Managern hat er bereits geknüpft, dazu hat er mehrere Fraktionen im Münchner Stadtrat angeschrieben, Landtagsabgeordnete sowie die Bundes- und die bayerische Staatsregierung. Ihm selber gehe es um die Sache, sagt Abt: Er ist Vater von zwei Kindern an einem Münchner Gymnasium. Die Schulen sollten im Frühjahr so lange wie möglich offen bleiben können, sagt er. Und dafür müsse man bald die nötigen Voraussetzungen schaffen, am besten schon jetzt - und nicht erst dann, wenn der Unterricht wieder begonnen hat, wenn die Infektionszahlen steigen und alles schnell gehen muss.

Ganz alleine ist Abt seine Idee nicht gekommen: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) etwa hatte im November angeregt, dass Schulen für ihren Unterricht in Gemeindezentren, Kulturhäuser, Gaststätten und Hotels ausweichen könnten. Friedrich Merz, derzeit Kandidat für den CDU-Vorsitz, hatte Ähnliches vorgeschlagen. Die Hotelkette Accor, zu der unter anderem die Hotelmarken Ibis, Mercure und Novotel gehören, stellt ebenfalls seit November Schulen Konferenzräume in verschiedenen Hotels zur Verfügung.

In München zum Beispiel waren laut Accor bereits Schülerinnen und Schüler im Novotel München City an der Hochstraße zu Gast. Doch auch in anderen Hotels fand Abt offene Türen vor. Man sehe die Idee mit viel Sympathie, heißt es etwa von Hilton in München; die Hotelkette hat in München zwei Häuser am Tucherpark und am Gasteig. Man könne Räume ganz für Schulklassen reservieren, würde sie also aus Hygiene-Gründen auch nicht zwischendurch an andere Nutzer vergeben. "Wir wollen immer gerne zusammenarbeiten", sagt Geschäftsführerin Karin van den Berg. Details seien aber noch zu klären. Auch aus dem Westin Grand Hotel im Arabellapark heißt es, die Idee sei unterstützenswert. Man sollte allerdings alles gut, am besten zentral über den Hotel- und Gaststättenverband koordinieren.

Bei den großen Fraktionen im Münchner Rathaus wiederum stößt Abts Vorschlag zwar auf Wohlwollen, aber auch auf Vorbehalte. Grundsätzlich sei das eine gute Idee, sagt etwa Anja Berger (Grüne), selber Lehrerin. Es sei aber fraglich, wie groß tatsächlich der Bedarf sei. In der Praxis sei oft eher das fehlende Personal ein Problem. Und wenn eine Klasse anderswo untergebracht werde, eine Lehrkraft also für einzelne Stunden die Schule verlassen und ins Hotel fahren müsse, sei der logistische Aufwand doch sehr hoch. Ähnlich äußert sich Julia Schönfeld-Knor, die bildungspolitische Sprecherin der SPD im Rathaus. Sie sei "positiv skeptisch, ob das klappt", sagt sie. Aber wenn eine Schule Platzprobleme habe und sich diese Lösung vorstellen könne: "Warum nicht?"

Es sei eine "spannende Initiative", heißt es schließlich von der CSU-Fraktion. Die Stadträte von der Union hatten zuletzt selber etwas ganz Ähnliches vorgeschlagen: Die Stadt solle prüfen, Räume in Museen, Hotels oder auch in Wirtshäusern zu mieten, damit Schülerinnen und Schüler bei Beachtung des Mindestabstands unterrichtet werden könnten, heißt es in einem Antrag vom 7. Dezember. Es sei zu begrüßen, dass Eventmanager dazu beitragen wollten, die Lage zu verbessern. Doch verantwortlich seien das Bildungsreferat der Stadt und das bayerische Kultusministerium: Mit diesen müssten die Anforderungen abgestimmt werden. "Dabei in diesen schwierigen Zeiten Hilfe anzunehmen, ist natürlich nicht verboten."

Er hätte gar nichts dagegen, wenn sich jemand anders darum kümmern würde, sagt Gregor Abt: "Für mich ist das kein Geschäftsmodell." Hauptsache es gehe voran. Wenn es ab Januar, Februar oder auch März möglich sei, Münchner Schulen freie Tagungsräume zu vermitteln, sei das ein Erfolg.

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