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Bildung in München:Nur wenige Schulen legen den Religionsunterricht zusammen

Gemeinsamer Religionsunterricht

Nur wenigen Münchner Schulen ist es bisher gelungen, temporär auf einen kooperativen Unterricht umzustellen.

(Foto: picture alliance / Karl-Josef Hi)

Religions- und Ethikunterricht während der Corona-Pandemie vorübergehend zusammenzulegen, hätte große Vorteile. Die Kirchen wären damit durchaus einverstanden - doch die meisten Schulen teilen die Klassen weiter.

Von Jakob Wetzel

Sonja Schmidt, die Leiterin der Grundschule an der Bazeillesstraße, hat es versucht. Um Kontakte zu minimieren und die Kinder noch besser vor Infektionen mit dem Coronavirus zu schützen, wollte die Rektorin, dass sie konsequent in ihren Klassenverbänden bleiben können - auch dann, wenn Religion oder Ethik auf dem Stundenplan steht. Bisher werden die Kinder dann nach Konfessionen in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt; jetzt sollten sie stattdessen vorübergehend alle zusammen unterrichtet werden. "Ich hätte mir das zum Schutz der Kinder und der Familien gewünscht", sagt Schmidt. Doch an ihrer Schule fiel die Idee durch: Einzelne Eltern lehnten das Vorhaben ab. Laut Rektorin waren es zwar vergleichsweise wenige. Doch damit bleibt es, wie es war.

Religionsunterricht für alle, egal woran sie glauben: Die großen Kirchen lassen das in Bayern zurzeit zu, der irdischen Vorteile wegen. Denn mit weniger Kontakten sinkt nicht nur das Infektionsrisiko; im Ernstfall müssten vielleicht auch weniger Kinder in Quarantäne. Seit November können Schülerinnen und Schüler daher einen "temporär kooperativen Religions- und Ethikunterricht" erhalten, katholische und evangelische Kirche haben dazu vier unterschiedliche Modelle ausgearbeitet. Dabei pochen sie eigentlich auf den konfessionellen Unterricht; Ausnahmen davon, eine "ökumenische Gastfreundschaft", sollte es bislang nur in der Diaspora geben, also in Regionen, in denen es für einen regulären Religionsunterricht zu wenige entsprechend getaufte Kinder gibt.

In der Corona-Pandemie ist nun befristet mehr Flexibilität erlaubt. Doch die Hürden sind hoch. So müssen zum Beispiel unter anderem alle betroffenen Erziehungsberechtigten zustimmen - das sei unabdingbar, heißt es in einem Brief des Kultusministeriums an alle Schulen vom 5. November. Nach einem Monat zeigt sich jetzt: Wirklich umgesetzt wird der kooperative Unterricht an den meisten Schulen nicht.

Eine Statistik dazu erheben weder das Kultusministerium noch die Schulämter; wer nach Zahlen sucht, findet diese aber bei den Kirchen. Laut der katholischen Kirche haben bis Ende November auf dem Gebiet des Erzbistums München und Freising 93 von insgesamt 1186 Schulen den kooperativen Unterricht eingeführt - das entspricht einer Quote von knapp acht Prozent. Besonders zurückhaltend sind Realschulen, Gymnasien und berufliche Schulen; hier haben 22 von 440, also im Schnitt eine von 20 Schulen, den kooperativen Unterricht eingeführt.

Die evangelische Kirche, insbesondere das Münchner Stadtdekanat, nennt noch keine Zahlen. Viele Schulen würden die Modelle noch prüfen, warteten noch auf die Zustimmung aller Eltern oder seien noch beim Umstellen, heißt es aus der Landeskirche. Eine beträchtliche Zahl vor allem weiterführender Schulen melde zurück, "dass sie unter Beachtung des aktuellen Hygieneschutzkonzepts bei der herkömmlichen Organisation des konfessionellen Unterrichts verbleiben".

Tatsächlich ist der kooperative Unterricht keineswegs als Vorschrift gedacht, sondern nur als Option. Es gehe dabei um Fälle, "in denen aufgrund der Pandemie der Religionsunterricht in seiner üblichen Form nicht organisiert werden kann", heißt es von der katholischen Kirche - also letztlich darum, dass der Unterricht andernfalls womöglich ausfiele. Das Kultusministerium spricht in seinem Brief von Fällen, "in denen weitergehende Infektionsschutzmaßnahmen notwendig sind".

Konkret bedeutet das: Selbst Schulen, die den Unterricht in Wahlfächern eingeschränkt und teilweise gar eingestellt haben, um angesichts der hohen Infektionszahlen die Klassenverbände voneinander zu trennen, teilen ihre Schülerinnen und Schüler für den Religionsunterricht weiterhin auf.

An der Bazeillesschule freilich lag es einfach an den hohen Hürden. "Bei 357 Kindern von allen Sorgeberechtigten eine Zustimmung einzuholen ist von vornherein kaum machbar", sagt Rektorin Schmidt. Das Kultusministerium verweist dazu auf das Grundgesetz: Jede Schülerin und jeder Schüler habe eben einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf konfessionellen Religionsunterricht, deshalb müssten alle einverstanden sein.

An der Bazeillesschule hat dafür gleichwohl nicht jeder Verständnis. Andere Grundrechte könne der Staat ja auch einschränken, ohne dass alle einverstanden sind, sagt etwa ein Vater, der nicht namentlich genannt werden will. Die Vorgabe beim Religionsunterricht sei daher völlig absurd. "Offensichtlich steht hier Religionsunterricht staatlich unterstützt über dem sonst so wichtigen Infektionsschutz!"

Sie habe ebenfalls Rückmeldungen von Eltern erhalten, die das schade finden, erzählt Schulleiterin Schmidt. Sie hätten ja auch schon einmal den Fall gehabt, dass eine Klasse in Quarantäne musste und zusätzlich Kinder aus der Ethik-Gruppe. Dabei säßen die Kinder in Religion und Ethik ohnehin in Blocksitzordnung; das heißt, dass zumindest die Klassenverbände in eineinhalb Meter Abstand zueinander sitzen. "Wir haben das Glück, dass wir einen Altbau mit großen Klassenräumen haben", sagt Schmidt. Und doch traf die Quarantäne auch Kinder aus den Parallelklassen.

© SZ vom 07.12.2020/vewo/van
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