Süddeutsche Zeitung

Corona in München:Immer mehr Schulen schicken Kinder nach Hause

Wenn Schüler positiv auf das Coronavirus getestet werden, müssen Klassen oder sogar ganze Jahrgänge in Quarantäne. Manche Lehrer sind inzwischen gut darauf vorbereitet - doch das gilt längst nicht für alle.

Von Sabine Buchwald

Jeden Morgen gegen 8.30 Uhr meldet das Gesundheitsamt neue Namen von Münchner Schulen mit Coronafällen. Die täglich aktualisierte Liste wächst. Am Dienstag waren es 60 Einrichtungen, darunter Grundschulen ebenso wie Mittel-, Real-, Förder und Berufsschulen sowie Gymnasien, in denen Klassen vorübergehend in Quarantäne müssen. Zwei Wochen sind es in der Regel, das Datum des anvisierten Endes steht in der Liste.

Mal sind es Schüler, die positiv getestet werden, mal sind es Lehrer. Die Gründe, warum eine ganze Klasse, manchmal sogar ein ganzer Jahrgang für mindestens zwei Wochen zu Hause bleiben muss, sind unterschiedlich. Die Folgen aber sind immer gleich: Es findet für die Betroffenen erst mal wieder kein Präsenzunterricht statt. Für Lehrer, Eltern und auch Schüler ist das ein schwerer Motivationsdämpfer nach den Ferien.

Dass es im Herbst, wenn die Familien von ihren Urlaubsreisen zurückkehren, positive Fälle geben würde, war zu erwarten. Viele Eltern aber hatten wohl verbesserte Bedingungen für ihre Schulkinder erwartet. Es zeigt sich, dass nicht alle Schulleiter gleichermaßen gut auf die neue Ausnahmesituation vorbereitet sind. Es fehlen die technischen Voraussetzungen ebenso wie die nötigen klaren Ansagen aus dem Kultusministerium zu einem verpflichtenden Videounterricht. Besonders fatal wirkt sich die verordnete Quarantäne für Schulanfänger und Abschlussklassen aus. Und nicht immer klappt anscheinend die Bekanntgabe der Quarantänepflicht. Die Schulleitung muss, auch wenn sie von den betroffenen Familien von einem positiven Test erfährt, auf die Reaktion des Gesundheitsamtes warten.

Seit Montag vergangener Woche ist am Schwabinger Gisela-Gymnasium die gesamte zwölfte Jahrgangsstufe in Quarantäne. Das betrifft 143 Schülerinnen und Schüler, die in acht Monaten ihre Abiturprüfungen ablegen sollen. Die Quarantäne wurde angeordnet, weil - laut einer betroffenen Mutter - fünf Schüler positiv getestet worden waren. Seitdem wird der Jahrgang erneut über die Online-Plattform Mebis mit Arbeitsblättern versorgt. Videounterricht findet nicht statt. Das liege an den fehlenden datenschutzrechtlichen Sicherheiten, erklärt Bert Schwarzer, einer der Oberstufenkoordinatoren der Schule. Er wünsche sich endlich eine klare Richtlinie, wie man mit dem Problem umgehen könne. "Wir sitzen zwischen allen Stühlen", sagt er: Die Lehrer fordern Datensicherheit, die Eltern wollen Unterstützung, ihre Kinder zu motivieren, und die Schüler brauchen Strukturen.

Seiner Erfahrung nach bedeutet Online-Unterricht für Schüler: Video-Unterricht. "Sie wollen ihre Lehrer sehen und einen festen Stundenplan haben. Immerhin hatte das Gymnasium bereits 16 Stunden, nachdem das Gesundheitsamt die Quarantäne ausgesprochen hatte, tägliche Telefonkonferenzen für die Schüler angeordnet. Auch tägliche Förderstundenangebote in Kernfächern gibt es. Seit diesem Dienstag ist es nun auch möglich, am Telefon mit seinem Lehrer Aufgaben zu besprechen - aber eben nicht als verpflichtende Videokonferenz, wie es etwa an den Hochschulen schon im Sommersemester Usus war.

An der Artur-Kutscher-Realschule ist seit diesem Dienstag wieder der Corona-Ausnahmezustand eingetreten. Allerdings nur für eine Klasse. Schulleiterin Regina Lotterschmid klingt gelassen. Es ist ihr neuntes Jahr an der Schule in Moosach. Sie sei auf alle Eventualitäten vorbereitet, sagt sie. Als das Gebäude vor fünf Jahren generalsaniert wurde, habe sie für stabiles Wlan gekämpft. Nein, das sei damals nicht selbstverständlich gewesen. Selbstverständlich aber ist für Lotterschmid, dass es nur einen Tag nach dem Bekanntwerden eines Corona-Falles für die Klasse 7b Videounterricht geben wird.

Genutzt wird dazu das offene Webkonferenzsystem Big Blue Button. An die Eltern gehe ein entsprechender Brief. Der Unterricht sei verpflichtend. Wer kein Gerät dafür zu Hause habe, bekomme eines von der Schule zur Verfügung gestellt. "Die Stadt München hat solche Geräte angeschafft, wir können sie an die Schüler weitergeben." Damit die Technik möglichst reibungslos funktioniert, habe sie einen Lehrer mit der Medienbetreuung beauftragt. Vier Wochenstunden habe er Zeit dafür. Eine wichtige Erkenntnis habe der Corona-Fall an der Realschule gebracht, sagt die Schuldirektorin. "Alle Beteiligten haben erkannt, wie wichtig die getroffenen Vorsorgemaßnahmen sind." Masken, Spuckschutzwände und Regeln "gewinnen einen neuen Sinn", wenn allen klar wird, dass man dank ihnen nicht gleich die gesamte Schule dichtmachen muss. Lotterschmid hofft, dass die Motivation dadurch steigt, sich an die Vorgaben zu halten.

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SZ vom 23.09.2020/mmo
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