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Helios-Klinik München West:Eine Woche Ausnahmezustand im Krankenhaus

Coronavirus - München

Vorübergehend war die Helios-Klinik abgesperrt, nun soll der Alltagsbetrieb zügig wieder beginnen.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Klinik in Pasing öffnet wieder. Doch die Mitarbeiter stehen zum Teil weiter unter Quarantäne und beschweren sich über "gefängnisähnliche Zustände".

Nach einer Woche Ausnahmezustand soll das Helios Klinikum München West wieder geöffnet werden. Nach Absprache mit dem zuständigen Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) sei das bereits am Dienstagabend wahrscheinlich, spätestens am Mittwoch werde man wieder neue Patienten aufnehmen können, sagte der Ärztliche Direktor Reza Ghotbi. Tatsächlich dauerte es bis Mittwochmorgen, dann nahm das Klinikum wieder seinen regulären Betrieb auf.

Vor einer Woche, am 1. April, war der normale Betrieb im Pasinger Klinikum ausgesetzt worden - betroffen waren davon Patienten genauso wie Mitarbeiter, die sich nun teils wütend äußern. Neue Patienten durften seit Mittwochabend nicht aufgenommen werden; man befürchtete eine unkontrollierte Verbreitung des Coronavirus unter Personal und Patienten. Wer schon in der Klinik lag, durfte nicht verlegt oder entlassen werden. Erst von Samstag an konnten Patientinnen aus der Gynäkologie, von Montag an "schrittweise" auch andere wieder heraus, sofern sie sich zu Hause isolieren können, wie das RGU mitteilt. Aktuell seien etwa 80 Patienten mit negativem Corona-Test entlassen worden, bestätigte Ghotbi.

Das medizinische Personal steht weiterhin unter Quarantäne und darf nur für den Arbeitsweg und mit Mundschutz auf die Straße. Dies ist von der Klinikleitung "in enger Zusammenarbeit und Abstimmung" mit dem Gesundheitsreferat beschlossen worden. Der Frust in der Belegschaft ist groß. In einem offenen Brief hat sich am Montag das gesamte Team der Intensivstation der Helios-Klinik an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gewandt. Darin kritisierten die Mitarbeiter die Auflagen des RGU als "tiefgreifende und nach unserem Empfinden willkürliche Einschränkungen unserer Grund- und Freiheitsrechte".

In einem Telefonat mit sechs Mitgliedern des Teams, die alle nicht namentlich genannt werden wollen, wurden die strikten Quarantänemaßnahmen bemängelt. Insgesamt 15 Mitarbeiter seien in einem Hotel im Münchner Südwesten untergebracht, weil sie die Quarantäne zu Hause wegen beengter Wohnverhältnisse nicht einhalten könnten. Selbst bei negativem Testergebnis, so heißt es, würden Mitarbeiter nicht aus ihren Zimmern herausgelassen werden. Es herrschten "gefängnisähnliche Zustände", zudem sei es für die Belegschaft schwer, für diese Ausfälle aufzukommen. Die "Repressalien" des RGU zögen sich nach Empfinden des Intensiv-Teams in die Länge, für die es aber keine adäquate Begründung gebe. Man sorge sich außerdem um die Notfallversorgung im Westen der Stadt, die in dieser Zeit nicht gewährleistet gewesen sei.

Das sei "kaum zumutbar für die Patienten", sagt auch der Ärztliche Direktor Ghotbi. Beim Gesundheitsreferat sieht man das offenbar anders: "Eine Gefährdung der Versorgung war nicht gegeben." Da mittlerweile die Testergebnisse vorliegen und die nötigen Schutzmaßnahmen seitens der Klinik geleistet wurden, lenkt das RGU nun ein, der Normalbetrieb könne wieder losgehen.

Knapp 1200 Corona-Tests seien laut RGU vorgenommen worden. Das Ergebnis liege Ghotbi zufolge seit Dienstag vor: 28 Covid-19-positive Patienten, die meisten in der Geriatrie, wo ältere Patienten etwa aus Pflegeheimen liegen. Den ersten Fall habe man allerdings nicht ermitteln können. Dazu kommen 54 positiv getestete Mitarbeiter, darunter auch Servicekräfte, die keinen Patientenkontakt hatten. Die Klinikleitung hat zur Sicherheit eine zweite Testung für das Personal veranlasst, das in der Infektionsstation, in der Notaufnahme und in der Intensivstation arbeitet.

Er habe zudem "von keinem Fall Kenntnis, in dem jemand leichtsinnig nicht getestet wurde", versichert Ghotbi. Anonyme Vorwürfe, das Klinikum habe Kontaktpersonen von bereits vor Wochen bekannten Corona-Fällen innerhalb des Personals nicht konsequent aus dem Dienstplan genommen und in Quarantäne geschickt, weist er zurück. Von den im Hotel untergebrachten Mitarbeitern habe die Klinik zunächst keine Kenntnis gehabt, sagt Ghotbi. "Das war eine Sache, die wir schnell bemängelt haben." Da allerdings vier Betroffene mittlerweile positiv getestet wurden, seien die Vorsichtsmaßnahmen "korrekt" gewesen, findet Ghotbi und positioniert sich damit zwischen dem RGU und seinen Mitarbeitern. Dass das Team der Intensivstation verärgert ist und sich an den OB gewandt hat, sei "verständlich". Man habe bereits Gespräche mit den Kollegen geführt.

Derweil sei die Stimmung "schlecht", berichtet das Team der Intensivstation. Man sei vor der Schließung sehr motiviert zur Bekämpfung des Virus angetreten, habe sich auf die neuen Zwölf-Stunden-Schichten eingerichtet und größten Einsatz gezeigt. Durch die Quarantäne-Bestimmungen des RGU fühle man sich, als ob man "für seinen Einsatz auch noch bestraft wird". Dass die Testergebnisse erst nach sechs Tagen vorliegen, trägt zu Frust und Verunsicherung noch bei.

Das RGU verweist angesichts der langen Wartezeiten auf die Labore. Diese seien "über die Eilbedürftigkeit informiert" gewesen. Erst nach Erhalt der Ergebnisse könne man neue Maßnahmen veranlassen. Es handle sich um "ein in München bisher einmaliges Ausbruchsgeschehen in einem Klinikum, das in seiner Dimension alle bisher getroffenen Maßnahmen rechtfertigt", heißt es. Am Freitag hatte auch das Helios-Amperklinikum in Dachau geschlossen, nachdem sich Personal mit dem Coronavirus infiziert hatte. Der Betrieb konnte am Sonntag teilweise wieder aufgenommen werden, weil die Testergebnisse bereits vorlagen.

© SZ vom 08.04.2020/tah
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