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Corona-Krise:Nachbarschaftshilfe in Zeiten des Virus

Kleine Besorgung, große Hilfe: Dieter Rothkegel (links) gehört zur Corona-Risikogruppe, er dankt Andreas Braunmiller für den Einkauf.

(Foto: Robert Haas)

In diesen Tagen zeigt sich einmal mehr, was die Münchner besonders gut können: zusammenhalten, wenn es darauf ankommt. Tausende organisieren sich, um für Nachbarn da zu sein, die zur Risikogruppe gehören.

Keine Großvorräte, einfach nur Milch und Zucker. Mehr braucht Dieter Rothkegel im Moment nicht. Andreas Braunmiller hat den Einkauf für ihn erledigt, er ist damit nach Laim gefahren, hat die Tüte vor Rothkegels Tür abgestellt und geklingelt. Dann ist er ein paar Schritte zurückgetreten, bevor der Bewohner geöffnet hat. Zusammengefunden haben die beiden, Helfer und Hilfsbedürftiger, über den Verein Münchner Freiwillige, der die Hotline "Corona" eingerichtet hat, für ältere Menschen und all jene, die zur Risikogruppe gehören. Wer spontan helfen möchte, kann sich über ein Online-Formular oder per E-Mail melden. Die Resonanz sei überwältigend, sagt Koordinatorin Petra Mühling: Bis Mittwochnachmittag registrierten sich 884 Menschen, die gerne jemanden unterstützen wollen.

Es zeigt sich in diesen Zeiten mal wieder, was die Münchnerinnen und Münchner besonders gut können: zusammenhalten, wenn es darauf ankommt. Los ging es - freilich nicht nur in München - vor einer guten Woche im Internet mit dem Hashtag #nachbarschaftschallenge. Dort posten Menschen Fotos von Zetteln, die sie bei sich zu Hause ins Treppenhaus hängen. "Liebe Nachbarn", steht da zum Beispiel, "sollten Sie über 65 Jahre alt sein und ein geschwächtes Immunsystem haben, möchten wir Sie unterstützen, gesund zu bleiben. Wir gehören nicht zur Corona-Risikogruppe und könnten Ihnen durch kleinere Einkäufe oder Botengänge in den nächsten Wochen helfen." Wer Unterstützung braucht, möge einfach einen Zettel mit seiner Telefonnummer an die Tür stecken oder in den Briefkasten werfen.

Der gemeinnützige Verein Münchner Freiwillige systematisiert solche Angebote sozusagen. Hervorgegangen ist er aus der Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof im Herbst 2015, seitdem hat er sich nach eigener Darstellung "der Förderung des spontanen ehrenamtlichen Engagements verschrieben". Gefördert wird der Verein durch das städtische Sozialreferat. Es sei nur naheliegend, die Erfahrungen, die man vor einigen Jahren in der sogenannten Flüchtlingskrise mit der Versorgung vieler Menschen gesammelt habe, zu nutzen - und die damals aufgebaute Infrastruktur wieder zu aktivieren, sagt Vorstandsvorsitzende Petra Mühling.

In Altenzentren, etwa über die Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt, haben sie das Angebot schon bekannt gemacht. Zudem wollen sie in größeren Wohnblöcken Aushänge machen - damit ältere Menschen, die nicht im Internet sind, davon erfahren. Vor dem ersten Einsatz werden die Helfer in Sachen Hygiene und Eigenschutz auf Grundlage der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts geschult.

Einer von ihnen ist Andreas Braunmiller. Der 45-Jährige ist selbständiger Informatiker und alleinstehend. "Ich habe Zeit und Muße, mich um Menschen zu kümmern, die sich nicht dem Risiko aussetzen sollten, sich in der Kassenschlange etwas einzufangen", sagt er. Braunmiller ist seit Langem "an verschiedensten Stellen" ehrenamtlich tätig. In seiner Heimat Lindau am Bodensee hilft er bei Kleiderbasaren, im Jahr 2015 war er am Münchner Hauptbahnhof zur Stelle, als die Flüchtlinge ankamen. Und jetzt unterstützt er eben Dieter Rothkegel beim Einkaufen.

"Ich finde es bemerkenswert, wie so ein kleines Ding wie dieses Virus es schafft, die ganze Welt in die Knie zu zwingen", sagt er. Braunmiller sieht es kritisch, wie viele "nur auf sich selbst sehen, mehr Waren kaufen als nötig und somit andere davon abschneiden". Sehr gewundert habe er sich auch über die Menschenansammlungen am vergangenen Wochenende in den Biergärten und am Isarstrand, "obwohl das kontraproduktiv ist".

Irgendwo in München sitzt Lisa Winkler in ihrer Wohnung und kann es kaum fassen, dass ihre Facebook-Gruppe schon mehr als 1200 Mitglieder hat. "Hilfe bei Corona - Quarantäne in München", heißt sie, erst am vergangenen Donnerstag hat Winkler sie gegründet. "Hallo liebe Helfer", schreibt dort beispielsweise jemand, "ich habe aktuell einen Infekt, gehöre auch sonst einer Risikogruppe an und möchte/sollte unbedingt zu Hause abwarten. Kann die kommende Woche jemand für mich einkaufen gehen?" 15 Antworten stehen unter dem Beitrag, alle Schreiberinnen und Schreiber wollen irgendwie unterstützen.

Oder diese Anfrage eines Berliners: Er sucht für seine Tante, die Dialysepatientin ist, und seinen herzkranken und gehbehinderten Onkel jemanden, der in Schwabing für sie einkaufen gehen könnte. "Beide sind fast 80 Jahre alt und wohnen in der dritten Etage. Bisher haben sie bei Rewe online bestellt, das ist leider aktuell sehr schwierig, fast unmöglich." Auch hier habe sich im Handumdrehen ein "Match" gefunden, berichtet Lisa Winkler - ein Freiwilliger, der in der gleichen Gegend wohnt wie das Paar.

Auch Winkler, 35, ist so eine, die immer dabei ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Auch sie engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge, nicht nur in München, sondern auch in Bosnien, Serbien, Griechenland - humanitäre Hilfsreisen statt Urlaub. 2016 habe sie gemerkt, "wie gut München im Vernetzen ist". Jetzt hofft sie, dass die große Hilfsbereitschaft auch Bestand hat, wenn die Corona-Krise überstanden ist. Dafür sprechen Portale wie Nebenan.de, auf denen sich Menschen in der Nachbarschaft schon seit Jahren gegenseitig unterstützen.

Auch die Facebook-Gruppe "Nachbarschaftshilfe München" (3810 Mitglieder am Mittwochnachmittag) gibt es schon seit 2012. Dort ist die Hilfsbereitschaft in den vergangenen Tagen ebenfalls stark angewachsen. Zwischen den Hilfegesuchen finden sich sehr viele Angebote. Gassigehen, Einkaufen, Botengänge: in Schwabing-Freimann, in Allach-Untermenzing, in Mittersendling, Laim und Moosach. Einer in der Gruppe hat es so ausgedrückt: "Das Covid19 wird uns nicht unterkriegen."

Verein Münchner Freiwillige - Wir helfen e.V.: Wer zur Corona-Risikogruppe gehört und Unterstützung braucht bei Besorgungen, meldet sich von Montag bis Sonntag zwischen 9 bis 18 Uhr unter 089/46132983 oder online unter www.muenchner-freiwillige.de/besorgungen.html. Wer helfen kann und will, meldet sich im Internet unter www.muenchner-freiwillige.de/helfen.html oder schreibt eine E-Mail an helfen@mfwh.de.

© SZ vom 19.03.2020/kaal
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