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Protestaktion:"Ohne uns ist's still"

Bei der Aktion "Ohne uns ist's still" im Muffatwerk haben Hundert Münchner Kulturveranstalter ein Zeichen gesetzt.

Bei der Aktion "Ohne uns ist's still" im Muffatwerk haben Hundert Münchner Kulturveranstalter ein Zeichen gesetzt.

(Foto: Severin Schweiger)

Mit einer gemeinsamen Aktion in der Muffathalle machen 100 Münchner Kulturveranstalter auf ihre prekäre Lage in der Corona-Krise aufmerksam und fordern mehr Hilfe.

Von Michael Zirnstein

Die Szenerie in der Muffathalle wirkt zombiehaft. Wie eine Armee Untoter stehen da 100 ehedem tatendurstige Menschen starr und stumm, fixiert mit einer Doppelarmlänge Abstand auf Markierungsstrichen. Ob sie nun ihr Gesicht hinter Masken verbergen in der einen Fotorunde oder nicht in der nächsten, es gilt: Bitte nicht lächeln.

Zum Lachen ist den Anwesenden nicht zumute, das Coronavirus hat sie bereits seit vier Monaten zur Untätigkeit verdammt. "Das ist für uns nur schwer auszuhalten, dabei sorgen wir normalerweise für die Freude in der Stadt", sagte David Süß, Mitbetreiber der Clubs Harry Klein und Stadtrat der Grünen. Als Vorsitzender des Verbands der Münchner Kulturveranstalter (VdMK) hat er die Mitglieder zu dieser Aktion einbestellt. Vom kleinen Konzertveranstalter Club 2 zum Groß-Event-Macher Propeller, vom Klassik-Krösus Münchenmusik zum Subkulturzentrum Feierwerk, von der Songwriter-Kneipe Drossel & Zehner bis zum Olympiapark - sie alle stellen sich auf für die gemeinsame Aktion "Ohne uns ist's still".

Dahinter auf der Bühne postiert sich die Band Umme Block - und spielt nicht. Sinnbild der trotz erster Lockerungen brachliegenden Kulturbranche. Die Krise reiße "finanzielle und emotionale Löcher", sagt Flo Weber von den Sportfreunden Stiller, der gekommen ist, um die Aktion als Musiker zu unterstützen. Das Foto soll zeigen: Wie trist wäre ein Konzert in der so dünn besiedelten Muffathalle. In die dürften laut Hygieneverordnung nur 100 Personen. Selbst wenn der Sicherheitsabstand bald auf einen Meter verringert würde und mehr Zuschauer erlaubt wären, wird es hier noch still sein: "Wir werden heuer in der großen Halle keine Konzerte mehr machen", sagt Hausherr Christian Waggershauser. Christian Kiesler, Band-Booker bei Target Concerts, bestätigt, dass größere Auftritte internationaler Künstler mindestens sechs Monate Vorbereitung bräuchten, wegen der unsicheren Lage hätten viele ohnehin ihre Tourneen abgesagt. Auch die Zuschauer haben kein Vertrauen und keine rechte Lust auf Konzerte, die womöglich abgesagt werden - die Muffathalle setzt derzeit pro Woche nur 30 Vorverkaufstickets ab.

Krisenkultur rentiert sich nicht, und keiner weiß, wie lange das noch so geht. Alle, die man hier fragt, zucken mit den Schultern. Man spürt die Verzweiflung. Wie beschäftigen sich die "kulturellen Triebtäter" (Waggershauser) in der Flaute? Stefan Schröder und Fabian Rauecker von der Unterhaltungsreederei suchen sich Alternativen. Am Freitag eröffnen sie in der Fritz-Winter-Straße eine Eisdiele. Oder Danny Kufner. Die Konzertagentin von Südpol hat mit anderen vom VdMK ein Konzept entwickelt für Freiluft-Bühnen, die alle solidarisch bespielen können. Das Kulturreferat hat diese Idee nun aufgegriffen und finanziert, die zentrale Spielstätte im Olympiapark wird ein Team um Kufner mit Konzerten und mehr füllen.

Das allein wird nicht reichen. Münchens Kulturveranstalter "bangen um den Erhalt der kulturellen Vielfalt" und die Existenz zahlreicher Kulturbetriebe, so Süß. Ihr Forderungskatalog an die Politik umfasst: klare Vorgaben für mehr Planungssicherheit, eine schnelle Bereitstellung von Mitteln für einen Ausgleich von Umsatzeinbußen über neun Monate und länger; mehr Unterstützung bei Genehmigungen improvisierter Spielstätten; die Möglichkeit, Räume umzunutzen - das KVR etwa habe interveniert, als die Kunstakademie in Discos ausstellen wollte; ein Entgegenkommen bei Mietkonditionen; Vertrauen in die Hygienekonzepte der Clubs; und eine Kooperation der Stadt mit der Clubszene, um die derzeit grassierenden illegalen Partys einzudämmen.

Es sei doch absurd, sagt Hans-Georg Stocker vom Backstage, dass privat gefeiert werden dürfe, er aber nicht an private Feiern seine sicheren Räume vermieten dürfe. Klagen will der Verband momentan noch nicht gegen behördliche Schieflagen, man setze auf den Austausch. Aber gerade da hapere es, findet Marion Schöne, Chefin des Olympiaparks. Man habe bei der Aktion "Night of Light" den Olympiaturm rot beleuchtet, was landauf landab beachtet worden sei, "trotzdem ist kein Dialog mit der Politik zustande gekommen. Also: Vergesst das Live-Entertainment nicht." Damit alle sicher bald wieder Spaß haben.

© SZ vom 08.07.2020/wean
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