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Kultur in München:Gezerre im Werksviertel

Auf diesem Grundstück im Werksviertel soll das neue Münchner Konzerthaus entstehen. Die Entscheidung für den Standort fiel bereits Ende 2015, momentan läuft die Planungsphase. Bis auf weiteres steht aber ein Riesenrad neben dem Ostbahnhof.

(Foto: Catherina Hess)

Leichtigkeit und Transparenz sollte das neue Konzerthaus ausstrahlen - doch ob es gebaut wird wie im Entwurf der Architekten ist unklar. In der Corona-Krise wird vieles auf den Prüfstand gestellt.

Es sind turbulente Zeiten, diese Zeiten des Stillstands im Kulturleben. Da verkündet der Kunstminister live vor laufenden Kameras und an der Seite des Ministerpräsidenten, Veranstaltungen mit 350 Gästen in Innenräumen und 500 im Freien seien in Sicht. Nur wenige Stunden später erscheint schon wieder eine "Berichtigung" mit der Bitte, diese Zahlen nicht zu verwenden. Der Grund: Die Staatsregierung hat am selben Tag beschlossen, dass vom 15. Juni an die Wiederaufnahme des Theater-, Konzert-, und weiteren kulturellen Veranstaltungsbetriebs lediglich für bis zu 50 Gäste in geschlossenen Räumen und bis zu 100 Gäste im Freien möglich ist. Wie es danach weitergehe, "lässt sich aus heutiger Sicht noch nicht abschätzen" und deshalb seien "weitere Öffnungsszenarien jenseits der 100 Gäste noch nicht definierbar". Also auch nicht das von Minister Bernd Sibler vorgetragene.

Die Folge: ein Wechselbad der Gefühle für Kulturleute sämtlicher Genres. Denn es lohnt sich für die wenigsten, einen Abend mit Saalmiete, Gagen, Werbung, Licht, Ton und Kartenabreißern für nur 50 zahlende Gäste auszurichten. Besonders arg erwischt haben die politischen Corona-Beben aber die Musiker in den vergangenen Tagen. Eines der wichtigsten Zukunftsprojekte ihrer Zunft ist - wieder einmal - unter Beschuss geraten: der Bau des neuen Konzerthauses im Werksviertel. Es soll Münchens Musikern und Veranstaltern einen großen Saal mit Spitzenakustik bescheren und mindestens eine kleinere Bühne obendrein, die vor allem auch den Studentinnen und Studenten der Musikhochschule eine wichtige Proben- und Auftrittsmöglichkeit bieten könnte. Darüber hinaus soll der Publikumsnachwuchs mittels eigener Education-Programme herangebildet werden, in offenem, freundlichem, "inklusivem" Umfeld.

Bayerns ehemaliger Justizminister Winfried Bausback (CSU) übernahm in diesem Drama den Part der Kassandra. Im Kunst- und Wissenschaftsausschuss des Landtags rief er, die Auswirkungen der Corona-Krise würden "riesige Herausforderungen" ergeben. Und die, so seine finstere Prophezeiung weiter, würden auch Folgen für den Bau des Konzerthauses haben. Er beschert damit den ohnehin nie gänzlich verstummten Kritikern des Projekts Morgenluft.

Das gilt sowohl für jene Fraktion, die überhaupt keinen zusätzlichen Konzertsaal in der Landeshauptstadt haben will und seit dem Tod von Stardirigent Mariss Jansons hofft, die Verpflichtung der Landesregierung ihm gegenüber möge nun in aller Stille ebenfalls begraben werden. Der Maestro, der jahrelang das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geleitet hat, spendete privat eine Viertelmillion Euro für den Saal, die gesamte Summe des Siemens-Musikpreises, den er erhalten hatte. Kritik kommt aber auch von jenen, die das schöne Projekt nur allzu gern hätten - bloß eben an anderer Stelle in der Stadt. Um etwa ein anderes, ebenfalls neu entstehendes Viertel durch Kultur aufzuwerten. Und man kann gewiss sein, auch an dieser Front schlafen die Lobbyisten nicht.

Das BR-Symphonieorchester, das im neuen Konzerthaus dereinst eine erste eigene Heimstatt finden soll, reagiert unterdessen vergleichsweise entspannt: "Dass jetzt, unter dem Licht von Corona eine Konzerthaus-Debatte entfacht ist, überrascht", sagt Nikolaus Pont, der Manager des BR-Spitzenorchesters. "Zumal wir keinen Grund dafür erkennen können."

Ministerpräsident Markus Söder habe Anfang des Jahres noch betont, er werde am Projekt seines Vorgängers Horst Seehofer festhalten. Auch Sibler habe erst beim Gedenkkonzert für den verstorbenen Chefdirigenten das Vorhaben der Staatsregierung noch einmal bekräftigt. Und in der Tat ist von einer gegenteiligen "Berichtigung" bisher nichts bekannt.

An Korrekturen der bisherigen Konzepte für das neue Konzerthaus mangelt es allerdings nicht, das wurde bei der Sitzung des Wissenschaftsausschusses ebenfalls klar. Im Zwischenbericht zum gegenwärtigen Planungsstand erklärten Vertreter des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst sowie des Bauministeriums, dass es besonders in der Raumkonzeption tief greifende Änderungen geben wird. Zuvörderst steht einer der drei Säle auf der Streichliste.

Übrig blieben nur ein großer sowie ein kleinerer Saal, der maximal flexibel gestaltet werden sollte. Für alle Musik-Genres gedacht und auch für die Musikvermittlung, zur Nutzung durch die Musikhochschule oder sogar als Club-Raum. Denn anders als ursprünglich geplant, liege nun ein deutlicherer Schwerpunkt des Projekts auf der Musikvermittlung, der Erschließung neuer Publikumsschichten, der Inklusion sowie der Digitalisierung. Nikolaus Pont begrüßt diese Entwicklung. "Wie wichtig es ist, mit dem neuen Konzerthaus eine Plattform für die Musik im Allgemeinen zu schaffen, wurde schon bei den Fachbeiratssitzungen klar", sagt der BRSO-Manager. Dieses Konzerthaus werde "mitten im bunten Leben" stehen und eben kein Feudalbau für Eliten.

Dass man nun verschiedene Varianten des Wettbewerbsentwurfs prüfe, sei nach Auskunft des Vertreters des Bauministeriums nichts Besonders. "Eine 1:1-Umsetzung eingereichter Entwürfe ist nie möglich", erklärte er den Abgeordneten. Das gelte auch für den Entwurf des Büros Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT, das als Sieger aus dem Architekturwettbewerb hervorgegangen ist, und das 2018 mit dem Segen des bayerischen Landtags den Auftrag erhalten hat. Die Planungen erfolgten seither nach der Maßgabe des Landtags "Sorgfalt vor Schnelligkeit".

Die bisherige Kostenschätzung

Bezahlen wird am Ende vor allem der Freistaat. Aus Angst vor einer Kostenexplosion wie bei der Hamburger Elbphilharmonie beschloss der Landtag im Dezember 2017 einstimmig: Lieber erst gründlich planen als schnell losbauen. Damit wurde der Plan des damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) durchkreuzt, der noch vor der Landtagswahl im Herbst 2018 den ersten Spatenstich setzen wollte. Das Finanzministerium kalkulierte im Jahr 2016 mit rund 370 Millionen Euro Baukosten. Im Januar dieses Jahres sprach Ministerpräsident Markus Söder (CSU) davon, dass das Projekt deutlich teurer werden dürfte; genaue Zahlen nannte er nicht. Ohne detaillierte Pläne gibt es keine belastbare Kostenschätzung. Eine "nennenswerte" Summe an Spenden erwartet die Regierung auch aus der Bürgerschaft.

Seit rund einem Jahr ist dabei auch der Akustiker Tateo Nakajima mit einbezogen, für den man sich in einem zweiten, eigens ausgeschriebenen Wettbewerb entschieden hat. Das Markenzeichen seiner Arbeit sind Nachhallkammern. Sie werden neben oder über den Konzertsälen gebaut und führen zu einem erhöhten Raumbedarf.

Aktuell beschäftige man sich im Rahmen einer Machbarkeitsstudie aber auch damit, das Projekt wirtschaftlich sowie in städtebaulicher Hinsicht zu optimieren. Die Corona-Pandemie könnte zu Verzögerungen führen, immerhin kommen wichtige Planungsbeteiligte aus dem europäischen Ausland - die Architekten aus Österreich, der Akustiker ist Kanadier und hat sein Büro in London. Konkrete Aussagen zu terminlichen Auswirkungen seien derzeit aber nicht möglich.

Söders Vorschlag von Anfang des Jahres, zu prüfen, ob und wie bei dem Projekt mehr Holz verbaut werden kann, war ebenfalls Thema im Landtagsausschuss. Der Vertreter des Bauministeriums betonte, die Frage nach der Verwendung von Holz als Baumaterial und auch der Aspekt der Nachhaltigkeit würden von den Planern berücksichtigt. Einhellige Ansicht der Spezialisten sei, dass Holz im Innenbereich in großem Umfang verbaut werden kann (im Konzertsaal selbstverständlich, in den Foyers ebenfalls) im Außenbereich aber aus verschiedenen Gründen davon abgeraten werden muss. Unter anderem sprächen der Brandschutz und Herausforderungen im Bereich der Statik dagegen.

Was architektonisch ebenfalls massiv dagegen spricht, brachten nicht die Beamten, sondern der frühere Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) aufs Tapet: Es waren just die besondere Leichtigkeit und Transparenz der Außenfassade, die dem Entwurf des Büros Cukrowicz Nachbaur das Votum der Wettbewerbsjury eingebracht hatten. Und die ließe sich bestenfalls mit transparentem Kunststoff oder Glas realisieren, mit Holz aber sicherlich nicht. Das Bauministerium erklärte dazu eher lapidar, dass noch gar nicht sicher sei, ob die optische Wirkung, wie sie sich im Entwurf darstellte, so verwirklicht werden könne.

Die endgültige Berichterstattung an den Landtag wird nach Beendigung der Machbarkeitsstudie im Laufe des Sommers erfolgen. Die Frage nach dem Kostenrahmen des Gesamtprojektes wird man allerdings auch dann noch nicht beantworten können. Seriöserweise können erst nach Abschluss der Vorplanung die Kosten geschätzt werden. Der Wirbel um Corona mag sich bis dahin durchaus etwas beruhigt haben.

© SZ vom 03.06.2020/kafe

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