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Gesundheitssystem:Der Optimismus der Ärzte ist weg

Corona-Intensivstation in der München Klinik Schwabing, Schwabinger Krankenhaus

Die Corona-Intensivstation in der München Klinik Schwabing. Was die Beschäftigten dort mit der dritten Welle erwartet? Das wüssten sie selber gerne.

(Foto: Florian Peljak)

In den Münchner Kliniken steigt die Zahl der Covid-19-Patienten. Die neuen Virus-Varianten erschweren die Vorbereitungen, das Personal ist knapp und nach einem Jahr Dauermarathon müde. Ein Lagebericht.

Von Ekaterina Kel

Vor ein paar Monaten war Axel Fischer noch optimistisch. "Ich war nach der zweiten Welle einfach froh, dass es endlich vorbei ist", sagt der Chef der München Klinik. Nun, kurz vor Ostern, blicken er und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Krankenhäusern der Stadt einer dritten Corona-Welle entgegen - und von Optimismus kann nicht mehr die Rede sein. Genauso wie die Sieben-Tage-Inzidenz, steigen auch die Patientenzahlen mit Covid-19 wieder an. Mehr als 170 Betten sind zurzeit in München mit Covid-Patienten belegt. Anfang März waren es noch 113.

An der München Klinik behandelt man wieder rund 50 Covid-Patienten. Im Februar seien es deutlich unter 30 gewesen, sagt Fischer. Im Moment sei die Situation "noch stabil". Aber man werde neben den Standorten in Harlaching und Schwabing auch in Neuperlach und Bogenhausen bald wieder Covid-Stationen aufmachen. Die nächste Welle kommt. Und: "Wir befürchten, dass sie mindestens so stark wird wie über Weihnachten", so Fischer.

Immerhin können die Mediziner auf ein Jahr Pandemie-Erfahrung zurückblicken. Das hilft bei der nötigen Vorbereitung auf die kommenden Wochen. Auch Viktoria Bogner-Flatz und Dominik Hinzmann verlassen sich auf die Erfahrungen der beiden vergangenen Wellen. Die Notfallmediziner sind für die Krankenhaus-Koordinierung in der Stadt während der Pandemie verantwortlich. Zurzeit besteht ihre Aufgabe darin, den Kliniken bei der Vorbereitung auf den erneuten Patientenanstieg zu helfen. "Zum Beispiel schauen wir, wohin man Patienten verlegen oder wo Material ausgetauscht werden kann. Auch aus dem Umland und großen Teilen Bayerns werden Patienten nach München verlegt", sagt Bogner-Flatz.

Worauf genau bereitet man sich denn vor? Das sei schwer vorherzusehen, sagt ihr Kollege Hinzmann. Nicht zuletzt die neuen Virusvarianten, die in München mittlerweile fast 90 Prozent der positiven Fälle ausmachen, erschwerten eine gute Prognose. Andererseits spielten auch die Impfungen eine Rolle. Wie genau dieser Effekt die Zahl der Infektionen noch weiter beeinflussen wird, sei noch unklar. Aber Hinzmann stellt fest: "Die Kliniken sind gut vorbereitet. Die Pläne sind in der Schublade."

Frustriert und erschöpft - aber ohne Panik

Auch von Verantwortlichen am LMU-Klinikum und am Klinikum rechts der Isar, zwei weiteren großen Versorgern neben der München Klinik, ist zu hören, dass man zwar frustriert und erschöpft, aber ganz ohne Panik auf die nächste Welle blicke. "Wir gehen mit ruhiger Hand in diese dritte Phase", sagt zum Beispiel Markus M. Lerch, Ärztlicher Direktor des LMU-Klinikums. Und Christoph Spinner, Pandemiebeauftragter und Oberarzt in der Infektiologie am Klinikum rechts der Isar, beruhigt: "Wir haben einen flexiblen Plan mit verschiedenen Stufen, die wir innerhalb von Stunden aktivieren können."

Betten lassen sich immer aufstellen, Material lässt sich bestellen, Pandemiepläne lassen sich schreiben. Das eigentliche Nadelöhr ist und bleibt der Personalmangel. Beim Pflegepersonal auf den Intensivstationen sei es besonders schwer, sagt der Pandemiekoordinator Hinzmann. Wenn es also jetzt wieder darum gehen wird, Personal umzuwidmen, um mehr Intensivkapazitäten zu schaffen, muss eine ohnehin schon knappe Ressource - die Pflegekräfte - woanders ausgespart werden. "Die Personalumschichtung ist das große Thema. Wir sind gezwungen, die Leistungen wo anders herunterzufahren, anders funktioniert es wegen der Personalknappheit nicht", sagt München Klinik-Chef Fischer.

Hinzu kommen zwei Komponenten: Erstens werden die Patienten immer jünger, auch, weil viele Alte schon geimpft sind. Laut Hinzmann sind sie eine gute Dekade jünger im Vergleich zur zweiten Welle. Und das bedeutet, dass, falls sie schwer erkranken, sie im Durchschnitt länger auf der Intensivstation liegen - einfach, weil man bei Jüngeren mehr Therapiemöglichkeiten hat. Dadurch könnte der Bedarf an Intensivbetten noch weiter steigen. Die zweite Komponente ist die Erschöpfung bei der Belegschaft: "Ein Jahr Dauermarathon - das ist einfach kräftezehrend", sagt Spinner vom Rechts der Isar. Gerade im Pflegebereich seien viele "an der Grenze davon, was sie noch leisten" könnten.

Die hohen Impfquoten an den Kliniken stimmen ein bisschen optimistisch

Auch Bogner-Flatz berichtet von einer zunehmenden Erschöpfung. Das Personal habe ein Jahr lang gar keine Verschnaufpause gehabt, sagt die Notfallmedizinerin. "So ist es immer nur ein Ping-Pong zwischen Anstrengung und extremer Anstrengung." Die "psychisch und physisch dauerhaft hohe Belastung" mache die Pflegerinnen und Pfleger extrem müde, sagt Fischer. Er habe während der zweiten Welle eine Woche lang in der Pflege ausgeholfen, erzählt er. Er weiß, wie viel Frust sich bei den Angestellten angestaut hat.

Einen kleinen Lichtblick liefern die hohen Impfquoten an den Kliniken. Mehr als die Hälfte sei bereits durchgeimpft, heißt es aus mehreren Häusern. Das wird die meisten Ausfälle verhindern - dank der Impfung stecken sich weniger Mitarbeiter an. Dies sei in der zweiten Welle ein großes Problem gewesen, weiß Bogner-Flatz. Fischer wünscht sich diese Erfolgsquoten auch für die breite Bevölkerung. "Wir müssen beim Impfen noch viel mehr Geschwindigkeit rein kriegen. Sonst müssen wir das in den Krankenhäusern immer weiter ausbaden und in der Folge auch Patienten mit anderen Krankheitsbildern." Auch Spinner mahnt: "Wir müssen impfen, was das Zeug hält!" Sonst werde der Sommer nicht so unbeschwert wie vergangenes Jahr.

© SZ vom 29.03.2021/infu
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