Corona-Lockdown in München:Kitas an der Belastungsgrenze

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Kita-Kinder sitzen beim Mittagessen am Tisch. Die Notbetreuung war als Ausnahme gedacht, wird aber sehr oft in Anspruch genommen.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Trotz der Schließung kommen in manchen Tagesstätten 90 Prozent der Kinder. Weil das Infektionsrisiko groß ist, fordert die SPD schnellere Impfmöglichkeiten für die Beschäftigten.

Von Kathrin Aldenhoff

Keine einzige der 1400 Kindertagesstätten in München ist komplett geschlossen. Und das, obwohl seit dem 16. Dezember der Betrieb von Kitas grundsätzlich untersagt ist und nur eine Notbetreuung aufrecht erhalten werden soll. Bis zum 14. Februar soll das so bleiben. Doch Tatsache ist: Die Einrichtungen sind nicht geschlossen, es herrscht dort reger Betrieb. In München besuchen nach Angaben des Referats für Bildung und Sport derzeit 37 Prozent der Kinder die Kita. Von Einrichtung zu Einrichtung gibt es große Unterschiede: Manche Kitas seien zu zwölf Prozent belegt, in anderen werden 90 Prozent der Kinder betreut, sagte der Sprecher des Bildungsreferats.

"Die Mitarbeiter in den Kitas sind an ihrer Belastungsgrenze angelangt", sagt Claudia Weiß, Fachdienstleiterin für Kindertageseinrichtungen bei der Caritas München. Für die Erzieherinnen sei die Situation sehr herausfordernd. Sie versuchen, Eltern und Kinder zu beruhigen, fürchten aber auch, sich selbst zu infizieren. Die Hygienevorschriften sind umfangreich, aber gerade in der Krippe, bei der Betreuung der Kinder bis drei Jahre, sei es nicht möglich, Abstand zu halten. Ob beim Wickeln, Jacke anziehen oder Trösten: "Hier ist Nähe gefragt, da ist das Ansteckungsrisiko riesig", sagt Weiß.

Von September 2020 bis heute haben sich in München 352 Erzieher mit dem Coronavirus infiziert, 236 Kitakinder wurden positiv getestet. Insgesamt 468 Einrichtungen waren in diesem Zeitraum wegen eines Coronafalles geschlossen, aktuell sind laut Auskunft auf der Internetseite der Stadt München Gruppen in 22 Kindertageseinrichtungen geschlossen.

Die hohen Betreuungszahlen und die Zahl der erkrankten Erzieher hat die SPD zum Anlass genommen, am Donnerstag unter anderem einen früheren Impftermin und eine Prämie für Erzieher zu fordern. "Erzieherinnen und Erzieher sind täglich einer gesundheitlichen Gefahr durch das Coronavirus ausgesetzt", sagte Anne Hübner, Vorsitzende der Fraktion SPD/Volt. Sie leisteten mit ihrer Arbeit Großartiges in diesen für Familien schwierigen Zeiten. "Wahrgenommen wird dieses Engagement in der Öffentlichkeit jedoch kaum. Das muss sich ändern."

Die SPD fordert, das Kitapersonal in der Impfstrategie dem Pflegepersonal gleichzustellen. Corona müsse außerdem als Berufskrankheit anerkannt werden, und die Behörden sollten Erzieher besser und schneller über neue Vorgaben informieren. Die Eltern wiederum sollten die Kitagebühren erstattet bekommen, wenn ihre Kinder nicht in die Notbetreuung gehen. "Das wäre eine Entlastung für die Eltern", sagt Lena Odell, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion SPD/Volt. Wenn die Eltern keine Gebühren zahlen müssten, könnten sie die Arbeitszeit reduzieren und der Bitte, ihre Kinder zu Hause zu betreuen, leichter nachkommen.

Die Landtagsfraktion der SPD in Bayern fordert ebenfalls einen besseren Schutz der Kita-Mitarbeiter. Sie müssten die sichereren FFP2-Masken bekommen, außerdem solle es auch in Kitas Corona-Schnelltests geben. Die SPD verwies auf eine nicht-repräsentative Studie der Krankenkasse AOK, wonach Erzieher die Berufsgruppe seien, die sich am häufigsten mit dem Coronavirus infiziere.

Diese Studie zitiert auch Gerd Schnellinger vom bayerischen Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und wirft der bayerischen Staatsregierung Versäumnisse vor. Sie hätte von vornherein klare Regeln aufstellen müssen, wann Kinder in die Notbetreuung gebracht werden dürfen. Und wann nicht. Diese Entscheidung zu treffen, sei den Eltern nicht zuzumuten. "Es braucht Vorgaben, um das Personal zu schützen." Die Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, sollten ihre Kinder in die Notbetreuung geben dürfen. Ähnlich wie im ersten Lockdown im März 2020.

Tatsächlich waren die Betreuungszahlen damals deutlich niedriger: Im Frühjahr waren nach Angaben des Referats für Bildung und Sport durchschnittlich lediglich acht Prozent der Kinder in der Notbetreuung. Die SPD will die strengen Vorgaben aus dem Frühjahr aber nicht zurück. Familien seien individuellen Belastungen ausgesetzt, die oft nicht von außen zu sehen seien, sagt Anne Hübner. "Was die Familien leisten, ist enorm. Die Notbetreuung sollte für alle zugänglich sein."

Die Tendenz in der Notbetreuung sei steigend, sagt Claudia Weiß. Und dass sie Verständnis für die Eltern habe, dass sie deren Bedarf sehe. "Home-Office, Home-Schooling und noch ein kleines Kind gleichzeitig zu Hause zu betreuen, das schaffen einfach nicht alle." Bei vielen Familien lägen die Nerven blank, manche leiden zudem finanziell unter der Corona-Krise. "Wenn dann jemand zu Hause ist und sein Kind trotzdem schickt, damit es Freiraum hat, haben wir Verständnis."

Die meisten Eltern gingen verantwortungsbewusst mit der Situation um, sagt Weiß. Es seien nur sehr wenige Fälle, in denen sie sich wunderten, warum ein Kind in die Betreuung gegeben wird. Was ihr wichtig ist: dass nur gesunde Kinder in die Kita kommen. Dafür, dass kranke Kinder gebracht werden, hätten ihre Mitarbeiterinnen und sie wenig Verständnis.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Textfassung hieß es, die SPD-Landtagsfraktion habe auf "eine repräsentative Studie der AOK" verwiesen, wonach Erzieher jene Berufsgruppe seien, die sich am häufigsten mit dem Coronavirus infiziere. Die Nachrichtenagentur epd hatte dies so verbreitet, tatsächlich lag aber eine nicht-repräsentative Studie der AOK zugrunde. Die SPD-Landtagsfraktion hatte dies in einer eigenen Pressemitteilung korrekt dargestellt.

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