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Kirchen in München:"Mit Maske zu singen, ist schon ziemlich ungewohnt"

Gotteslob in Corona-Zeiten: Der evangelische Pfarrer Norbert Roth zelebriert am Sonntag den Frühgottesdienst in der Matthäuskirche.

(Foto: Robert Haas)

Gedämpfte Gesänge, Desinfektionsspray statt Weihwasser und spärlich gefüllte Bänke: In den katholischen und evangelischen Kirchen werden die Gebote der Corona-Pandemie genau beachtet. Der Andrang hält sich ohnehin in Grenzen.

Ein kühler Wind weht durch die leeren Straßen, die Stadt kriecht langsam aus dem Sonntagmorgenschlummer. Die Turmuhr der evangelischen Bischofskirche St. Matthäus schlägt acht, gleich darauf ruft die Glocke zum Gottesdienst. Etwa eine Viertelstunde später trudeln die ersten Gläubigen ein. Natürlich wissen sie, dass dies kein normaler Gottesdienst sein wird wie vor der Corona-Zeit, und so wundert sich niemand, dass am Eingang der Mesner steht und die Ankommenden bittet, die Arme auszustrecken. Mit einer Sprühflasche desinfiziert er die Hände.

Ein etwas kühler Empfang, den Corinna Gilio, die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, umgehend aufzulockern versteht. "Schön, dass Sie da sind", ruft sie den Kirchgängern entgegen und reicht einen Zettel, auf dem die Lieder abgedruckt sind, die an diesem Morgen, am Sonntag "Exaudi", gesungen werden. Die kircheneigenen Gesangbücher hat man aus Sicherheitsgründen - Ansteckungsgefahr - weggesperrt.

Rund sieben Wochen lang waren in Bayern wegen der Pandemie keine öffentlichen Gottesdienste erlaubt. Die Pfarrer von St. Matthäus haben sich wie viele andere evangelische und katholische Geistliche damit beholfen, die Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen online zu übertragen - eine Notlösung, denn gerade die gemeinschaftliche Feier ist ein wichtiges Glaubenserlebnis. "Die Gemeinde hat da gut mitgemacht, es ist eine Gewöhnungssache", sagt Norbert Roth, einer der beiden Pfarrer der Matthäuskirche. Am ersten Gottesdienst nach der Lockerung Anfang Mai nahmen 47 Gläubige teil, recht viel mehr hätten es auch nicht sein dürfen.

An Pfingsten, sagt Corinna Gilio, werden es weitaus mehr sein, man wird dann auch den Gemeindesaal öffnen. Doch näher als zwei Meter dürfen sich die Menschen keinesfalls kommen. So lautet die Regel, was die Teilnehmerzahl drastisch begrenzt. Für allzu großen Andrang hält der Mesner ein Schild parat, mit der Aufschrift: "Alle gegenwärtig verfügbaren Plätze sind besetzt. Sie können einen späteren Gottesdienst besuchen und unter www.stmatthaeus.de an Gottesdiensten und Gebeten aus der Matthäuskirche teilnehmen."

Heute braucht er es nicht aufstellen, obwohl gerade mal eine oder zwei Personen in einer Bankreihe Platz nehmen dürfen. Lediglich elf Gläubige haben den Weg zum Frühgottesdienst gefunden, die meisten der grün markierten Sitzplätze bleiben leer. Auch Protestanten sind nicht zwangsläufig Frühaufsteher. Pfarrer Roth begrüßt die kleine Schar und erklärt, dass "Exaudi" "Hört hin" bedeutet. Dann legt die Orgel los: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren." Der Gesang geht im Orgelklang unter, es sind einfach zu wenige Sänger und Sängerinnen. Und diese haben - auch das ist Vorschrift - Schutzmasken vor Mund und Nase, die den Klang der Stimme erheblich dämpfen.

Pfarrer Roth predigt über Jeremia, Kapitel 31, über den neuen Bund, den Gott mit dem Hause Israel geschlossen hat, und dass er, der Herr, die Menschen nicht im Stich lassen werde. Corona erwähnt der Pfarrer nicht. Das Thema, so hat er es vor dem Gottesdienst gesagt, ist ohnehin allen präsent. Auf das Abendmahl müssen die evangelischen Christen der Matthäus-Gemeinde vorerst verzichten - und auch auf das Händeschütteln mit dem Pfarrer zum Abschied. "Dabei haben die Leute ein großes Bedürfnis danach", sagt Corinna Gilio.

Eine halbe Stunde, ehe der Zehn-Uhr-Gottesdienst im katholischen Liebfrauendom beginnt, wartet bereits ein Dutzend Gläubige auf Einlass. Endlich öffnen Security-Männer die Pforte - und ja: Auch hier wird man mit Desinfektionsspray empfangen. Zudem erhalten die Gottesdienstbesucher einen Zettel mit den Teilnahmebedingungen. Wer etwa Fieber hat, unter Quarantäne gestellt oder Kontaktperson der Kategorie I und II ist, muss draußen bleiben.

Maximal 70 Personen dürfen zum Gottesdienst in die riesige Kirche, deren Sitzplätze ebenfalls markiert sind. Viele haben eine Reihe für sich, nur Familien dürfen zusammen sitzen. Kurz vor Beginn der Messe verkündet ein Priester die Vorsichtsmaßnahmen: Mindestabstand zwei Meter, Mund-Nasen-Bedeckung, keine Ansammlungen auch nach dem Gottesdienst. Das Abendmahl gibt es, doch Mundkommunion ist nicht möglich. "Ziehen Sie den Mundschutz kurz herunter und strecken Sie Ihre geöffneten Hände möglichst weit nach vorne, um den Leib Christi zu empfangen."

Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg zelebriert die Messe. Eingangs sagt er: "Christus nicht aus dem Blick zu verlieren, ist auch eine Herausforderung in Corona-Zeiten." Wie in St. Matthäus übertönt auch im Dom die mächtige Orgel die Kirchenbesucher, deren Anzahl das Limit ungefähr erreicht hat. Und doch gibt es musikalische Momente, in denen menschliche Stimmen ihre ganze Anmut entfalten. Hinter dem Altar stehen zwei Sängerinnen und zwei Sänger der Capella Cathedralis, denen es vergönnt ist, hin und wieder ohne Orgelbegleitung in schönster Vierstimmigkeit zu singen. Dies sind die Augenblicke, in denen man vergisst, einer reduzierten Feier beizuwohnen. Die Weihwasserbecken sind leer, niemand schwenkt ein Weihrauchfass, kein Klingelbeutel wird durchgereicht, und den Friedensgruß entbieten die Gläubigen mit einem freundlichen Nicken.

Die Münchnerin Maria Ottink ist dennoch froh, beim Gottesdienst im Dom dabei gewesen zu sein - auch wenn noch nicht alles so ist wie ehedem. "Mit Maske zu singen, ist schon ziemlich ungewohnt." Aber sie nimmt die Vorsichtsmaßnahmen gerne in Kauf, um gemeinsam mit anderen Gläubigen feiern zu können. "Es ist alles suboptimal, aber besser als gar nichts."

© SZ vom 25.05.2020/kbl/baso

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