Null Acht Neun:Nachsicht für den Fernsehpfarrer

Lesezeit: 2 min

Paramediziner, Parapsychologen, Paratheologen und Jürgen Fliege haben sich kürzlich zum vermeintlichen Gottesdienst auf der Theresienwiese getroffen. Ein Grund zur Empörung? Ein Blick in die Geschichte hilft da weiter

Kolumne von Rudolf Neumaier

Der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege hat sich von Feldafing, wo er wohnt, nach München begeben und an einem Gottesdienst beteiligt. So hat er den Reigen auf der Theresienwiese bezeichnet, vergangenes Wochenende. Gekommen waren Menschen wie er - zwar nicht alle ehemalige Fernsehpfarrer, aber doch alle Zweifler an der Pandemie und am Sinn von Mund-Nasen-Schutz. Gemeinsam löckten sie mal so richtig keck wider den Stachel (für diesen Auftritt sei die depperte Redewendung ausnahmsweise gestattet). Paramediziner, Parapsychologen, Paratheologen und andere, Achtung!, SeParatisten vereinen sich bei solchen Treffen. Para kommt aus dem Altgriechischen und heißt frei übersetzt: leicht neben der Spur wie Fliege. Wer Para-Aktionen heilig findet, wird selbst Schwarze Messen für Gottesdienste halten.

Wie's der Teufel will, ist in diesen Tagen auch der Oberpfälzer Heimatspiegel 2021 erschienen, ein Kalendarium von mehr als 200 Seiten mit dem Anspruch, zur Erbauung der Leser beizutragen. Ein exzellenter Aufsatz stammt vom Regensburger Historiker Johann Kirchinger. Er stieß bei seinen Studien auf einen "abgerissenen Landstreicher" aus Gleiritsch bei Schwandorf, der im Juli 1809 von einem Erzbischöflichen Geistlichen Rat verhört wurde. Adam Hutter hieß der Delinquent. Seine Geschichte wäre einen Roman wert. Jedenfalls ist interessant, wie viel Jürgen Fliege in Adam Hutter steckte und umgekehrt.

Dieser Hutter, Jahrgang 1772, hatte in mehreren Militärregimentern gedient, seit er elf Jahre alt war. Stets desertierte er, denn immer marschierte irgendwo Napoleon an. Zwischendurch schnappte Hutter als Novize im Kapuzinerkloster Kirchenlatein auf. Glücklicherweise erschien ihm nach seinen eigenen Angaben der Herrgott und sagte: "Du heißest Ignazius Albertus. Predige mein Wort." Er trat also als Priester auf und las da und dort die Messe. Im Regensburger Dom, sogar in München! Im Kloster der Elisabethinen in der Mathildenstraße zelebrierte Hutter einen Gottesdienst "und predigte auch, woran die Nonnen keinen Anstoß nahmen", schreibt Kirchinger. Für die Liturgie stopselte er sich Lateinisches aus seiner Novizenzeit zusammen. In der Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt aber war's vorbei: Als er dort predigte, nahm ihn die Polizei fest.

Was am Beitrag des Historikers Kirchinger exzellent ist? Er geht nicht dem empörten Kleriker auf den Leim, der Hutter im Verhör als dreisten Betrüger entlarven wollte, als Verbrecher gar. Die wirklich arme Seele in der Geschichte ist hier dieser Kleriker selbst, der keinerlei Verständnis hatte für Freaks wie Hutter.

Vielleicht sollte man auch mit Jürgen Fliege nachsichtiger sein. Nicht empören, allenfalls lachen. Das reicht schon.

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