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Distanzunterricht an beruflichen Schulen:"Dann muss die Praxis sterben"

Kerschensteiner Berufsschulzentrum in München - Werkstatt

Leitet das Kerschensteiner Schulzentrum: Markus Müller.

(Foto: Robert Haas)

Handwerken lernen im virtuellen Unterricht? Die beruflichen Schulen stehen wegen der neuen Corona-Vorgaben vor ganz besonderen Problemen.

Von Ekaterina Kel und Jakob Wetzel

Die Technik sei nicht das Problem, sagt Markus Müller, der Leiter des Kerschensteiner Schulzentrums im Lehel. Dort, an der Liebherrstraße, sind vier berufliche Schulen der Stadt mit zusammen rund 1100 Schülerinnen und Schülern untergebracht: die Berufsschule für Holztechnik und Innenausbau, die Meisterschule für das Schreinerhandwerk sowie die Berufs- und die Meisterschule für Orthopädietechnik. Sie hätten mittlerweile 20 Unterrichtsräume mit Webcams und Dokumentenkameras ausgerüstet, sagt Müller; die Webcams hätten sie sich zwar selber besorgen müssen, aber jetzt sei digitaler Fernunterricht technisch möglich. Es gebe aber ein anderes Problem: Wenn wegen der Corona-Pandemie Distanzunterricht verordnet wird, wenn die Schüler also nicht in die Werkstätten ihrer Schule kommen können - wie sollen sie dann ganz praktisch ihr Handwerk lernen?

"Wenn jetzt hundertprozentiger Distanzunterricht kommt, dann muss die Praxis sterben", sagt Markus Müller. "Die können wir digital nicht abbilden." Er ist mit diesem Problem nicht alleine. Ab diesem Mittwoch sollten alle beruflichen Schulen in Bayern in den Distanzunterricht wechseln, hat die Staatsregierung am Sonntag entschieden. Berufliche Schulen sind unter anderem Berufsschulen, Fach- Meister- und Technikerschulen oder auch Fachakademien; in München gibt es 90 Schulen mit etwa 57 000 Schülerinnen und Schülern, das sind mehr als an Realschulen und Gymnasien zusammen.

Knapp ein Drittel aller Münchner Schüler geht auf berufliche Schulen. Und für diese ist der Distanzunterricht nicht nur besonders schwierig. Sie werden auch strengeren Regeln unterworfen als die allgemeinbildenden Schulen. Gymnasien etwa sollen erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern den Distanz-Unterricht aufnehmen, ansonsten sollen die Klassen geteilt und die Gruppen abwechselnd unterrichtet werden. Die Stadt München hat diese 200er-Schwelle am Dienstag überschritten. Für berufliche Schulen ist das aber belanglos: Dort soll generell Distanzunterricht gelten.

Wieso unterschiedliche Maßstäbe gelten, begründete die Staatsregierung auf Nachfrage nicht. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärte am Sonntag, das Infektionsgeschehen sei bei älteren Schülern höher. Speziell berufliche Schulen stechen in München aber nicht hervor. An ihnen sind derzeit 50 Klassen coronabedingt geschlossen; anteilig sind das weniger als an Mittelschulen, Realschulen und Gymnasien und nur wenig mehr als an Grundschulen. Dort gilt weiter Präsenzunterricht.

Man dürfe nicht vergessen, dass Berufsschüler mehr Kontakte hätten als alle anderen Schüler, erklärt Philipp Schoof, Münchner Sprecher des bayerischen Kinder- und Jugendärzteverbands. Berufsschüler gingen abwechselnd in ihre Betriebe und in die Schule; jeder Infizierte trage das Virus also weiter in die Firmen. "Es geht nicht nur um die hohe Infektionsgefahr untereinander, sondern um die Kette, die da dran hängt."

Tatsächlich kommen in einigen beruflichen Schulen auch Azubis aus entfernten Regionen zusammen. Pauschale Aussagen aber sind schwierig, die Schulen sind sehr unterschiedlich. Im Kerschensteiner Schulzentrum zum Beispiel stammen die Berufsschüler für Holztechnik aus der Stadt und dem Landkreis München. In Orthopädie dagegen kommen sie aus ganz Bayern, teilweise aus Österreich und der Schweiz. In seltenen Fällen umfasse der Sprengel beruflicher Schulen gar ganz Deutschland, heißt es vom Bildungsreferat.

Der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern (VLB) nannte den Wechsel in den Distanzunterricht "aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens folgerichtig". Es müsse aber dafür gesorgt werden, dass die Azubis in ihrer eigentlichen Berufsschulzeit nicht arbeiten müssten, sondern sich wirklich mit Schulinhalten beschäftigen könnten, sagte der VLB-Landesvorsitzende Pankraz Männlein.

Doch wie soll das gehen, sobald es praktisch wird? Es gebe Ideen, sagt Schulleiter Markus Müller. Eine Lehrkraft könne etwa in der Werkstatt stehen und per Video vorführen, was die Schüler in ihren Betrieben nachmachen sollen. Aber was, wenn einer keine passende Werkstatt hat, weil er zum Beispiel für die Schule eine Schrankwand bauen soll, aber bei einem Fensterbauer in die Lehre geht? Konsequent umsetzen ließen sich diese Ideen wohl nicht, sagt er.

Hinzu kommt für ihn die Unsicherheit, wie es weitergeht. Er wisse etwa noch nicht sicher, ob alle Schulen in seinem Zentrum in den Distanzunterricht wechseln sollen oder nur die zwei Berufsschulen, sagt der Schulleiter. Die Staatsregierung hatte sich unterschiedlich geäußert, eine verbindliche Verordnung gab es bis Dienstagnachmittag nicht. Grundsätzlich würde er sich Wechselunterricht wünschen, keinen Distanzunterricht, sagt Müller. "Und dass die Umsetzung stärker in die Autonomie der Schulen gelegt wird." Die beruflichen Schulen seien einfach zu unterschiedlich.

© SZ vom 09.12.2020/infu/van
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