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Corona-Pandemie:München ist dunkelrot

Hohe Neuinfektionen in München, Menschen unterwegs mit Masken am 24. Oktober 2020 in der vollen Fußgängerzone in Münche

Einer von 1000 Münchnern hat sich innerhalb einer Woche mit dem Coronavirus infiziert. Damit treten automatisch Beschränkungen in Kraft, die die Staatsregierung für diesen Fall bereits festgelegt hatte.

(Foto: Alexander Pohl/imago)

Wegen steigender Infektionszahlen gelten in der Stadt von Montag an strengere Regeln. Kulturveranstalter klagen über Beschränkungen, das Klinikum Großhadern prüft einen Corona-Ausbruch auf der Intensivstation.

Von Anna Hoben, Christiane Lutz und Kassian Stroh

Von diesem Montag an gelten in München strengere Corona-Regeln. Grund dafür sind die über das Wochenende weiter gestiegenen Infektionszahlen. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Sonntag laut Robert-Koch-Institut bei 100,6. Das bedeutet, dass sich mehr als 100 von 100 000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen neu mit dem Coronavirus infiziert haben - anders gesagt: einer von 1000.

Die Reproduktionszahl liegt bei 1,2 - das bedeutet, dass statistisch gesehen 100 Infizierte 120 Menschen neu anstecken. Mit dem Überschreiten der 100er-Marke beim Inzidenzwert hat München die Stufe "dunkelrot" auf der sogenannten Corona-Ampel des Freistaats erreicht. Damit greifen vom Folgetag an automatisch die verschärften Corona-Regeln, die die Staatsregierung für diese Stufe festgelegt hat.

So wird die Sperrstunde in der Gastronomie auf 21 Uhr vorgezogen. Von diesem Zeitpunkt an gilt dann auch stadtweit ein Verbot, Alkohol zu verkaufen, sowie an mehreren, stark frequentierten Stellen öffentlich zu trinken. Beide Regelungen beginnen damit eine Stunde früher als bisher, sie gelten bis sechs Uhr früh. Außerdem werden zu Veranstaltungen nur noch 50 Zuschauer oder Teilnehmer zugelassen. Nur Demonstrationen, Vorlesungen an Hochschulen und Gottesdienste sind davon ausgenommen.

Die Theater hoffen auf eine Sondergenehmigung durch den Oberbürgermeister

All diese neuen Regeln gelten mindestens bis zum Ende der Woche. Selbst wenn München am Montag den Wert von 100 wieder unterschreiten sollte, blieben sie noch weitere fünf Tage in Kraft. Vorerst festhalten will die Stadt an ihrer Ausnahmeregel, Grundschüler im Unterricht von der Maskenpflicht zu befreien. Besonders hart dürfte die Verschärfung das Kulturleben treffen. Die Obergrenze von 50 Teilnehmern bei Veranstaltungen hat Auswirkungen auf Theater und Konzertveranstalter, bisher waren hier bis zu 200 Zuschauer erlaubt. Staatsoper und Philharmonie hatten im Rahmen eines Pilotprojekts die Erlaubnis, sogar 500 Zuschauer zuzulassen.

Etliche Intendanten der Bayerischen Theater hatten erst am Freitag in einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) darauf gepocht, unabhängig von steigenden Infektionszahlen weiterhin vor 200 Menschen spielen zu dürfen. Sie begründen dies damit, längst mit gut funktionierenden Hygienekonzepten zu arbeiten. Genug Abstand zwischen den Plätzen, moderne Lüftungsanlagen und luftige Wegeführung gewährleisteten einen sicheren Theaterbesuch. Tatsächlich ist bisher kein Fall bekannt, in dem sich jemand bei einer Vorstellung infiziert hätte.

Sollten von Montag an tatsächlich nur noch 50 Zuschauer zugelassen sein, wäre das für die Theater ein herber Rückschlag im gerade wieder halbwegs laufenden Betrieb. Zumal beispielsweise im Residenztheater am kommenden Freitag die Premiere von "Dantons Tod" und an der Staatsoper am Samstag "Die Vögel" in einer Inszenierung von Frank Castorf stattfinden sollen, beide längst ausverkauft.

Außerdem bedeute eine Zuschauerreduzierung einen immensen bürokratischen Aufwand, heißt es von der Pressestelle der Staatsoper. So müssten etwa alle bereits verkauften Tickets zurückgebucht und Vorstellungen noch einmal neu verkauft werden. Anders könne man kaum entscheiden, welche 50 Menschen kommen dürften und welche nicht. Ganz zu schweigen von der Planungsunsicherheit für Vorstellungen, die demnächst in den Vorverkauf gehen sollen.

Die letzte Hoffnung der Theater liege nun auf Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) beziehungsweise dem Kreisverwaltungsreferat, sagt Ingrid Trobitz, stellvertretende Intendantin des Residenztheaters. Am Rande der Demonstration "Aufstehen für Kultur" am Samstag habe Kunstminister Bernd Sibler auf die Sondergenehmigung verwiesen, die die Theater bei der Stadt München beantragen können. Man rechne damit, dass sich diese Frage am Montag kläre, plane aber mit dem Schlimmsten. "Es ist eine beschissene Situation", sagt die neue Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel.

Sie überlegt bereits, im Notfall Inszenierungen zu kürzen und dann zwei-, dreimal hintereinander zu spielen, um wenigstens eine halbwegs akzeptable Zahl an Menschen mit ihrer Kunst zu erreichen. Einig sind sich die Sprecher der Kammerspiele, des Volkstheaters, der Staatsoper und des Residenztheaters, dass sie auch vor 50 Zuschauern spielen würden. Denn obwohl es wahrlich nicht wirtschaftlich wäre - noch einmal komplett zusperren wollen sie nicht.

Unterdessen hat es am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) einen Corona-Ausbruch auf der Intensivstation gegeben. Dort sind Ende vergangener Woche drei Patienten positiv auf das Coronavirus getestet worden - bei ihrer Aufnahme ins Krankenhaus waren sie noch negativ. Die Fälle seien ans Gesundheitsamt gemeldet worden, teilte Sprecher Philipp Kreßirer mit, alle Kontaktpersonen seien ermittelt und getestet worden. Auch Personal der Intensivstation sei betroffen, jedoch keine weiteren Patienten.

Eine genetische Analyse der Viren soll klären, wie die Infektionsketten verlaufen sind

Die betroffenen Mitarbeiter seien in Quarantäne, "das Infektionsgeschehen ist nach aktuellem Stand eingegrenzt", teilte das Klinikum mit. Die Zahl der Mitarbeiter in Quarantäne bewege sich im einstelligen Bereich. Die betroffenen Patienten seien inzwischen wieder auf Normalstation verlegt worden, wo sie isoliert seien und weiter behandelt würden.

Wie sich die Patienten angesteckt haben, ist noch unklar. Man forsche intensiv nach und führe eine genetische Analyse der Viren durch, sagte Kreßirer - so könne man sehen, wie die Infektionsketten verlaufen seien. "Wir müssen jetzt rausfinden, was die Ursache war." Sprich, wer das Virus auf die Intensivstation gebracht hat. Bis Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen, die am Freitag begonnen wurden, werde allerdings wohl mindestens eine Woche verstreichen.

© SZ vom 26.10.2020/amm
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