College of Interreligious Studies:Studieren für die Götter

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College of Interreligious Studies: Zusammensein in St.Bonifaz: Abt Johannes (dritter von links) und Melanie Fersi (vorn) mit Studenten aus verschiedenen Nationen.

Zusammensein in St.Bonifaz: Abt Johannes (dritter von links) und Melanie Fersi (vorn) mit Studenten aus verschiedenen Nationen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im neu geschaffenen College of Interreligious Studies sollen Studierende ihre Sinne schärfen für die Kulturen und Religionen der Welt. Die Teilnehmer wohnen standesgemäß: im Kloster St. Bonifaz.

Von Andrea Schlaier

Hat der Kaufinteressent aus Stuttgart dem jungen Türken tatsächlich schlichtweg nicht abgenommen, dass ihn der ins Kloster bestellt, wo er dann auch Kadir Özdemirs alte Waschmaschine zu kleinem Preis abholen könne. "Er dachte, ich hätte ihm die falsche Adresse geschickt." Der 22-jährige Özdemir amüsiert sich noch Tage später über die Geschichte. "Nein, stimmt schon, hab ich ihm gesagt: St. Bonifaz, Karlstraße." Hier ist der junge Muslim zu Semesterbeginn eingezogen. Als einer von bislang sechs neuen Mitbewohnern unter dem Dach der Abtei. Sie kommen aus Jordanien, Kolumbien, Italien, Frankreich und eben der Türkei. Die Benediktiner haben bei sich ein Wohnheim für Studierende mit insgesamt 14 Plätzen geschaffen. Eine eigene Waschmaschine brauchen die jungen Mieter hier nicht. Dafür Neugierde auf andere Kulturen und das Interesse dafür, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Abt Johannes Eckert hatte die Idee - und fand geeignete Umsetzer

Abt Johannes Eckert sitzt mitten unter seinen neuen Zimmernachbarn im Gemeinschaftsraum mit den wischsauberen Tischen. Trotz Küchenzeile sieht's hier deutlich mehr nach Pfarrgemeinderatssaal aus als nach WG-Butze. Dass es überhaupt soweit gekommen ist und der Orden studentische Gesellschaft bekommt, liegt auch an der Lust des Hausherrn, laut zu träumen. Am Rande einer Hochzeitsgesellschaft hat der Benediktinerchef vor Jahren schwärmerisch überlegt, was denn aus dem großen Gebäude an der Karlstraße werden soll, wenn die Generalsanierung der Abtei mal abgeschlossen ist. "Was für Studierende im interreligiösen, interkulturellen Bereich" sei ihm vorgeschwebt, "aber wir haben als Kloster nicht die Kraft dazu, das selber zu machen".

Seine Idee machte dennoch die Runde, und "irgendwann ist sie bei Occurso gelandet", dem Münchner Institut, das interreligiöse und interkulturelle Begegnung erforscht und fördert. Occurso ist eng verquickt mit dem Haus der Kulturen und Religionen (HdKRM), das derzeit in Bogenhausen entsteht und Treffpunkt für Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und Angehörige anderer Religionen werden soll. Unter der Trägerschaft von Occurso jedenfalls ist nun zum Semesterbeginn auch das College of Interreligious Studies an den Start gegangen. In Kooperation unter anderem mit der Hochschule für Philosophie sollen sich Studenten hier qualifizieren für Berufsfelder, in denen ein interkulturelles und interreligiöses Sensorium hilfreich ist.

Pflichtprogramm sind neben den akademischen Studien pro Semester 100 Stunden ehrenamtliches Praktikum bei Glaubensgemeinschaften, die die Studierenden selbst nicht kennen: Muslime gehen in Pfarreien, Buddhisten in Moscheegemeinden, Bahai in Synagogen. Auch bei der Entstehung des HdKRM sollen die jungen Erwachsenen mitwirken. Einmal die Woche gibt es obligatorisch eine angeleitete "spirituelle Spurensuche". Fein säuberlich ist all dies im Konzept des neuen College festgehalten.

"Wir geben einen Teil ab, weil es zu uns passt."

In St. Bonifaz haben die Mönche diskutiert, ob sie die Idee mittragen wollen. "Hohe Einmütigkeit", sagt Abt Johannes, habe geherrscht. "Wir geben einen Teil ab, weil es zu uns passt." Wer "auf der Suche nach dem Sinn, der Tiefe des Lebens ist", sei bei den Benediktinern richtig.

Der Tiefe des Lebens seien sie auf der Spur, versichern die Neuen am Tisch im Gemeinschaftsraum. Aber die meisten sind dann doch auf vergleichsweise banalem Weg hier gelandet: über die Wohnungssuche. Ursprünglich sollte das Collegeleben auch Hand in Hand gehen mit Studienfächern wie der "Ethik des interkulturellen Dialogs" an der Hochschule für Philosophie. Die Nachfrage für diese Kombination lief aber eher zögerlich an. Deshalb schwenkte man um auf Pragmatismus. "Im Gründungsjahr haben wir Studenten aus allen Fächern zugelassen, die sich aber im interkulturellen und interreligiösen Bereich engagieren wollen. Es laufen noch weitere Bewerbungsgespräche." Melanie Fersi sagt das als College-Leiterin mit Büro in St. Bonifaz. Die Tochter christlicher Eltern hat unter anderem Deutsch als Fremdsprache an der LMU studiert, lebt heute als Muslima und sitzt mit Kopftuch am Tisch.

"Die erklären mir Kulturen, die anders sind als meine."

Leonardo Zecca reicht ihr den heißen Kaffee, den er in seiner Macchinetta auf dem Herd an der Küchenzeile gebrüht hat. Der 22-Jährige aus Bologna studiert an der LMU Umweltingenieurswissenschaften und lebt in der Abtei an der Karlstraße "zum ersten Mal mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen". Er schätzt das Miteinander. "Die erklären mir Kulturen, die anders sind als meine. Der Reichtum kommt nicht durch den Vergleich, sondern den Austausch." Yusuf Burak Çatalbaş aus Instanbul, an der TU in Elektro-Technik eingeschrieben, hat sich im College angemeldet, weil er die eigene muslimische Religion besser verstehen will. Und Physikstudent Rayane Cataldi-Bamri aus Straßburg, Sohn einer muslimischen Mutter und eines christlichen Vaters, hofft, durch die religiösen Erfahrungen seiner WG-Mitbewohner überhaupt erst herauszufinden, "an was ich eigentlich glaube". Die einzige Studentin in der Runde ist die Kolumbianerin und angehende Pädagogin Laura Milena Escobar, 27. "Die Erwartung ans College für mich ist, dass wir hier interkulturell wohnen, uns interreligiös respektieren und spirituell entdecken."

Bevor alle wieder zu den Vorlesungen rennen, zeigt Micheal Al Rabadi aus Jordanien noch schnell sein Erdgeschoss-Zimmer in der ehemaligen Mönchszelle, mit sagenhaft schönem Blick zum grünen Innenhof samt Topfpalmen. Der 26-Jährige entstammt einer tief religiösen christlichen Familie, über seinem Schuhschrank hat er einen Altar aus Heiligen-Postkarten arrangiert. Nebenan steht ein Masskrug im nahezu leeren Regal. College, Abtei und WG: Ein idealer Ort, um Brücken zu bauen, findet der 26-Jährige aus Ajloun.

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