München hat ein Problem: Die Stadt selbst kann ihre Treibhausgasemissionen und somit den Erfolg der eigenen Klimaschutzmaßnahmen nur unzureichend messen. Die aktuellen Zahlen geben Auskunft über die Emissionen von vor drei Jahren – und lassen keine Schlüsse zu, wo genau diese herkommen. „Es gibt nur eine Zahl für die gesamte Stadt“, sagt Jia Chen, Professorin und Klimaforscherin an der Technischen Universität (TU) München. Hinzu komme, so Chen, dass diese Zahl eine große Fehleranfälligkeit habe, weil sie letztlich auf Schätzungen basiere.
München hat aber auch Glück: Das Europäische Netzwerk zur Beobachtung von Treibhausgasen, kurz Icos, hat die Stadt neben Zürich und Paris für ihr Projekt „Icos Cities“ ausgewählt. In Zusammenarbeit mit der TU stellt Icos der Münchener Politik seit einiger Zeit Echtzeitdaten zur Emission verschiedener Gase aus einem großen Messnetzwerk mit rund 120 Sensoren und 25 Messinstrumenten im gesamten Stadtgebiet zur Verfügung. Regelmäßig kommt es zu einem Austausch zwischen den Forschern und der Stadt.
Und wie schlägt sich München? „München ist sehr grün“, lobt Jia Chen, die das Projekt leitet. „Die vielen Grünflächen in der Stadt spielen eine große Rolle beim Ausgleich der Emissionen.“ Etwa die Hälfte des von den Menschen verursachten CO₂-Ausstoßes könne so unschädlich gemacht werden. Von der angepeilten Klimaneutralität bis 2035 ist München trotzdem noch ein gutes Stück entfernt: Zwar haben sich die Emissionen seit 1990 deutlich verringert und sind auch in den vergangenen zehn Jahren weiter gesunken – doch bis sie nahe null angekommen sind, müssen noch immer etwa sechs Millionen Tonnen CO₂ weniger ausgestoßen werden als aktuell. Durchaus überraschend, auch für die Forscher selbst, ist, dass die Emissionen im Jahr 2024 gestiegen sind. Das sei in Paris ganz ähnlich, sagt Chen, und „wir sind dabei, den Grund dafür zu bestimmen“.
Welchen Wert die Daten in Echtzeit außerdem haben können, zeigte sich kürzlich, als die Forscher in der Nähe des Münchener Hauptbahnhofs ein bis dahin unbekanntes Gasleck entdeckten: Die Methanemission dort war ungewöhnlich hoch. Das Oktoberfest hingegen sei ein jährlich wiederkehrender „Methan-Hotspot“, so Chen – primär, weil dort so viele Gasgrills und Gasheizungen im Einsatz sind. Als Klimasünderin würde sie die Wiesn deshalb aber nicht bezeichnen.
Auf einer Landkarte der Forscher ist zu erkennen, an welchen Orten in München besonders viele Emissionen pro Jahr freigesetzt werden; je dunkler eine Stelle, desto mehr. Die größten CO₂-Schleudern sind demnach die Münchener Heizkraftwerke, die insgesamt 41 Prozent der jährlichen Emissionen ausmachen und auf der Karte als große schwarze Punkte auftauchen. Weitere 18 Prozent verursacht der städtische Verkehr, besonders dunkel sind die Straßen rund um den inneren Ring sowie den Autobahnring. Die Arbeitsaufträge an die Politik sind also gewissermaßen eindeutig.
Viele Menschen in München sind wegen des Klimawandels besorgt
Das sehen auch die Münchenerinnen und Münchener so. Bei einer Umfrage des Leibniz-Instituts, die am vergangenen Mittwoch vorgestellt wurde, waren etwas mehr als die Hälfte der rund 500 Befragten „äußerst oder sehr besorgt“ über die Auswirkungen des Klimawandels in München und sprachen sich mehrheitlich für eine Umwandlung von Autospuren in Fahrradstraßen oder Räume für Fußgänger aus. 84 Prozent befürworteten eine staatliche Bezuschussung für das Anbringen von Solaranlagen auf Gebäudedächern. Diese Zahl sinkt allerdings um knapp 30 Prozentpunkte, wenn eine solche Maßnahme Steuererhöhungen erfordern würde. Fast identisch fiel das Ergebnis bei der Frage nach Förderungen erneuerbarer Energiequellen aus.
Werner Kutsch, Direktor von Icos, erklärte bei einer Informationsveranstaltung in der vergangenen Woche die Idee hinter „Icos Cities“: „Je mehr wir wissen, desto besser können wir handeln.“ Ziel sei es, eine bessere und schnellere Kommunikation zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Politik herzustellen. Die rasche Auswertung der Messergebnisse soll demnach helfen, konkrete Maßnahmen zu ermitteln.

Das Projekt sei, sagte Jia Chen, ein „weltweit einzigartiges Messnetzwerk“, bestehend aus vielen verschiedenen Instrumenten. Das Herzstück ist das „MUCCnet“ (Munich Urban Carbon Column network), das bereits seit September 2019 betrieben wird und eine langfristige Beobachtung der städtischen Treibhausgasemissionen ermöglicht. Dass MUCCnet ist ein fünfteiliges Sensornetzwerk mit einer Station auf dem Dach der TU im Zentrum der Stadt und vier weiteren in Taufkirchen, Gräfelfing, Oberschleißheim und Feldkirchen – allesamt nicht viel größer als eine Tiefkühltruhe.
Hinzu kommen zwanzig sogenannte Mid-Cost- und einhundert Low-Cost-Sensoren, die ebenfalls im gesamten Stadtgebiet verteilt sind, sowie mobile Messstationen, die von den Forschern auf dem Fahrrad durch München bewegt werden. Auch die Luftqualität kann das Team dank eigens entwickelter Messinstrumente seit 2023 sehr genau messen.
Finanziert wird das Ganze von den Fördergeldern, die Icos von Akteuren wie der Europäischen Union und den Vereinten Nationen (UN) erhält. UN-Generalsekretär António Guterres sagte vor einigen Jahren, dass Städte jene Orte seien, an denen der Kampf um das Klima größtenteils gewonnen – oder verloren – werde.

