Süddeutsche Zeitung

Zirkus:Wenn die Fans die Namen aller 26 Löwen kennen

Der Circus Krone startet mit einer umjubelten Premiere in das zweite Winterprogramm.

Die mongolische Schleuderbrett-Truppe Zola wirbelt einander mit schwindelerregenden Salti durch die Luft; der ungarische Gentleman-Jongleur Kristian Kristof hantiert blitzschnell mit Zylindern und Zigarrenkistchen - und der venezolanische Clown Henry Ayala liefert sich mit dem jauchzenden Publikum eine Spaghetti-Schlacht. Doch fragt man Jana Lacey-Krone an diesem an Höhepunkten reichen Premieren-Abend nach ihrer Lieblingsnummer, antwortet die Krone-Direktorin prompt: Die acht "Flying Heroes" aus Russland, die am Flugtrapez ein atemberaubendes Höhenballett mit weiten Sprüngen, Passagen, Pirouetten und Schrauben offerierten.

"Wir haben die Truppe direkt nach ihrem prämierten Auftritt beim Internationalen Circus-Festival von Monte Carlo 2018 engagieren können," erzählt Lacey-Krone, Fan der Luftartistik, in der Pause. Kombiniert mit russischer Schaukel und Reckstange zeigten die "Heroes" auch den legendären dreifachen Salto Mortale - und die einzige Frau unter ihnen wagte zum Abschluss einen Sturz aus zwölf Meter Höhe.

Die Direktorin selbst zeigt indes mehr Bodenhaftung, ja Erdenschwere, als sie zur Eröffnung des zweiten Winterprogramms im ausverkauften Circus Krone mit Elefantenkuh Bara ins Manegenrund reitet. Kurze Zeit später präsentiert sie die Exoten des Hauses: majestätisch daher schreitende Kamele, lebhafte Zebras und quirlige Lamas - letztere umschwirren die bedächtigen schwarzen Nonius-Hengste, die in der Mitte der Manege auf Podesten stehen. Bei der mit viel Applaus bedachten gemischten Nummer erwies sich Sohn Alexis, elf Jahre alt, als kritischer Partner.

"Es sind seine Kamele", erklärt die Mutter, "und ich musste ihn sehr bitten, sie mir ausleihen zu dürfen, er meinte, ich würde sie nicht so gut kennen wie er." Bei dem Auftritt ist er im Hintergrund dabei, tätschelt und lobt die Tiere. "Vielleicht hatte er recht, denn eines der vier Kamele drehte sich nicht so um die eigene Achse, wie es sollte", sagt Lacey-Krone und schmunzelt.

Wer an diesem Abend den Publikumspreis gewonnen hätte, vorausgesetzt, es gäbe einen solchen, steht jedenfalls fest: Die Schwestern Michelle und Nicole Kolev aus Italien, 23 und 19 Jahre jung, die mit ihrer Handstand-Equilibristik in eine Männer-Domäne einbrechen: Sie balancieren, heben und stemmen sich gegenseitig, bieten kräftezehrende Stunts Hand-auf-Hand und sogar Kopf-auf-Kopf mit Eleganz. Seit Winter 2018 treten die Töchter einer alten Zirkusfamilie im Profilager auf und wurden gleich bei ihrer ersten Festivalteilnahme mit Gold belohnt - verbunden mit einem Engagement beim Circus Krone. Die Zuschauer spendeten nach ihrer Darbietung stehend Beifall. Was sonst eigentlich den Vorführungen des britischen Raubtierlehrers Martin Lacey vorbehalten ist. Der tritt nach der Pause mit seiner großen Raubtiergruppe auf, setzt sie mit dem bewährten Wechselspiel aus Sprüngen, Scheinangriffen und dem Austausch von Zärtlichkeiten in Szene.

Es gebe in München Fans, die wüssten jeden Namen seiner 26 Löwen, erzählt Lacey nach der Vorstellung: "Die sagen zu mir, heute saß Tara da, wo sonst immer Lucy sitzt, warum das?" Seine Löwen seien eben ganz eigene Charaktere, deren Verhalten er nie genau voraussagen könne, antworte er dann. Am 23. Februar hält er wieder eine öffentliche Raubtierprobe ab. Eine gute Gelegenheit, sich über seine Arbeit mit den Raubkatzen zu informieren und Fragen zu stellen.

Für das Münchner Stammpublikum holt er zum Abschluss seinen berühmten weißen Löwen King Tonga in die Manege, mit seinen 18 Jahren ein "Opa", erklärt Lacey den Zuschauern. Nicht ohne Stolz, vergleichbare Tiere würden in der Natur nur elf, zwölf Jahre alt. Es ist ein Moment inniger Verbundenheit, als sich der "King" in die Arme des vielfach prämierten Raubtierlehrers schmiegt, der ihm sachte über die nicht mehr ganz so imposante Mähne streicht.

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SZ vom 03.02.2020/kbl
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