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Digitaler CSD:Bunt klickt gut

Christopher Street Day München als Livestream

Feiernde stehen in Pride-Flaggen gehüllt auf dem Marienplatz.

(Foto: dpa)

Statt einer glamourösen Parade gibt es in diesem Jahr nur einen Livestream zum Christopher Street Day und kleine Infostände in der Innenstadt. Klar geht es dabei um Spaß. Aber auch um ernste Themen - denn der Hass gegen Homosexuelle sei längst wieder salonfähig.

Von Philipp Crone

"Noch vier Minuten!", ruft der Aufnahmeleiter, aber sie ist noch nicht da. Es ist alles bereit, der Hintergrund zur Marathonsendung leuchtet knallrosa, die Moderatoren sind da, die Kameraleute sind auf ihren Positionen im Erdgeschoss der Müllerstraße 26. Es kann also losgehen mit dem Livestream des diesjährigen Christopher Street Day (CSD) in München. Nur der Platz ganz rechts ist noch leer. Noch drei Minuten sind es, als die Tür aufgeht und die ganz in Schwarz gekleidete Dragqueen "Pinay Colada" das Studio betritt. Regisseur Frank Zuber deutet ihr an, wo sie hin soll, aber das dauert auf den hohen Absätzen. Zwei Minuten.

Der CSD feiert Jubiläum mit seiner 40. Ausgabe und zum ersten Mal ist alles anders. Statt lauter Musik, tanzenden Menschen, einer Parade mit Tausenden Mitwirkenden und insgesamt 155 000 Teilnehmern, wie es das schon gab, beginnt nun gleich der Livestream. Conrad Breyer, Sprecher der Veranstalter, sagt, dass man erst am Vortag die Erlaubnis bekommen habe, überhaupt aufzutreten. Unter strengsten Auflagen. Das führt dazu, dass am Samstagmittag in der Innenstadt knapp 50 kleine Grüppchen verteilt stehen. Maximal sechs Personen pro Gruppe. Es wird kein Alkohol ausgeschenkt, nicht einmal Flyer darf man verteilen, nur auslegen. Die Angst vor größeren Menschenansammlungen, für die der CSD ja auch in München bekannt ist, sie war offenbar groß bei der Stadt.

Noch eine Minute. Regisseur Zuber, einer der Sendeleiter, der gleich mit einer 18-stündigen Livesendung startet, sagt: "Wir versuchen, auch dieses Format so zu gestalten wie der CSD sonst auch funktioniert: eine Mischung und ein stetiger Wechsel zwischen Ernst und Spaß, zwischen Sachthemen und Glamour." Schwule, Lesben oder Transgender, die einzelnen Gruppen wollen wie jedes Jahr auf ihre Bedürfnisse und ihre Schwierigkeiten in der Gesellschaft aufmerksam machen. Gleichzeitig soll und ist der CSD auch jedes Jahr der bunteste Tag Münchens. Wie es sich für viele der Teilnehmer anfühlt, erklärt CSD-Sprecher Breyer: "Einmal im Jahr nicht zur Minderheit gehören, einmal so sein können, wie man will."

Die Dragqueen stöckelt jetzt zu ihrem Platz in der rosa Kulisse, Zuber raunt ihr lächelnd ein "eine Minute im Dragtempo sind drei Minuten" zu. Countdown und Sendung. Los geht es mit drei Moderatoren und einer Gesprächsrunde über Outing in der Schule. Und sofort ist man bei einem der beiden großen Themen für die LGBTI-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual Transgender und Intersexual): Noch immer werden viele ausgegrenzt, auch im "liberalen München", wie Breyer sagt, auch im Jahr 2020. Und so diskutiert man über die Möglichkeit von jungen Menschen, sich in ihrer Schulumwelt zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen, welche auch immer das ist. Oft gehen Schüler auf Lehrer zu, heißt es, die sich dann an die Fachstellen wenden und gemeinsam das Coming-out planen. Und das Argument an die Mitschüler sei denkbar einfach: Schaut her, wie wunderbar vielfältig eure Klasse ist. Das müsse man den jungen Menschen vermitteln. Die Dragqueen hat nun die Aufgabe, die letzte Gesprächsminute mit einem Glöckchen einzuläuten. So schafft man den Wechsel zwischen Ernst und Spaß. Draußen an den einzelnen Ständen ist das nicht anders.

An der Ampel gegenüber des Studios sind zwei Dragqueens in Goldkleidern angekommen, sie lösen die Kollegin beim Klingeln später ab. Solche Farbtupfer muss man an diesem Samstag suchen, man wird nicht durch laute Musik darauf hingewiesen. Am Marienplatz sind Banner aufgehängt, LeTra von der Lesbenberatungsstelle, in der Sendlinger Straße bauen welche von der "Sappho goes 60"-Gruppe ihren Stand auf, der Beratungsstelle für Lesben, Schwule und Transgender im Alter. Und beim Stand des Münchner Löwen Clubs posiert ein Mann ganz in Leder und mit einer Schärpe, auf der steht "Bavarian Mister Leather". Die Stände werden von den Einkaufsbummlern interessiert betrachtet, man kommt ins Gespräch. An diesem Mittag ist nichts zu spüren von dem zweiten Hauptproblem, auf das Teilnehmer beim CSD aufmerksam machen wollen: Neben der Ausgrenzung ist das vor allem die wieder zunehmende Anfeindung. Sprecher Breyer sagt: "Wo Worte fallen, sind Taten nicht weit." Die Community nehme auch in München zunehmend gewalttätige Übergriffe wahr. Die These der Gemeinde ist eindeutig, sagt Breyer: "Homo- und Transphobien und Ausgrenzungen sind wieder salonfähig, zum Beispiel durch die erstarkte Rechte wie die AfD." Deshalb ist das diesjährige Motto auch kurz und klar: "Gegen Hass" steht in weißer Schrift auf regenbogenfarben. Darunter: "Bunt, gemeinsam, stark."

Der stille Protest, der sich über die Innenstadt verteilt und laut Polizei "völlig störungsfrei lief", scheint zu wirken. Manche schmunzeln über Slogans wie "Lieb doch, wen du willst", andere informieren sich an den Ständen. Und viele feiern mit im Livestream, im Schnitt 1000 Zuschauer gleichzeitig, vorbildlich von daheim.

© SZ vom 13.07.2020
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