Süddeutsche Zeitung

Christkindlmärkte in München:"Christbaumkugeln gibt's heute bei jedem Discounter"

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Glühwein und Bratwürste verkaufen sich prächtig, Deko und Schmuck hingegen liegen schwer in den Auslagen - und am Sendlinger-Tor-Platz lockt ein Stand für Connaisseure. Ein Rundgang über die Weihnachtsmärkte in der Innenstadt.

Von Stephan Handel

Jetzt kommt die staade Zeit. Deshalb brüllt am Montagnachmittag direkt unter dem Christbaum am Marienplatz einer, dass er jetzt noch einen ausgibt, denn: So jung kommen wir nicht mehr zusammen. Ausgegeben wird natürlich ein Glühwein, und obwohl gerade mal Ende November ist und noch nicht einmal Advent, ist damit klar: Es ist wieder Christkindlmarkt in der Innenstadt.

Zwei Jahre lang war punschlose Zeit wegen Corona, jetzt ging's wieder los am Montag - und die Münchner kamen, als gäb's nichts Schöneres auf der Welt als warmen Rotwein mit Zucker und Zimt. 135 Stände stehen zwischen Sendlinger und Dienerstraße, zwischen Kaufingerstraße und Petersbergl auf 30 000 Quadratmetern. Ein kleines Stück weiter riecht's vom Kaiserhof in der Residenz weihnachtlich, dort wurde das Weihnachtsdorf aufgeschlagen. Und am Sendlinger-Tor-Platz lockt vor allem ein Stand die Connaisseure: Dort gibt's die "Regensburger Special", das ist eine gegrillte Knackwurst in der Semmel, bestrichen mit süßem Senf und Meerrettich und garniert mit ein paar Scheiben Essiggurken.

Am Marienplatz unterhält sich ein Weihnachtsschmuck-Verkäufer mit einer Kundin. "Ah, Philippines?", sagt er, offensichtlich erstaunt, von wo die Besucher überall herkommen. Das B1-Niveau beim Toefl - Test of English as a Foreign Language - scheint mittlerweile Mindestvoraussetzung zu sein für einen Job am Christkindlmarkt. Aber auch ein Deutscher kann auf Missverständnisse hereinfallen: Wenn er nicht kundig ist in bayerischen Backwaren und die Reklame eines Standes, hier gebe es neben frischen Waffeln auch Auszogne, für ein unmoralisches Angebot hält.

Ein Stückerl weiter brennt einer mit einer Art Lötkolben Wunschmotive in hölzerne Brotzeitbrettl, neben dem üblichen Blumen-und-Brezn-Stillleben gibt es auch Snoopy von den Peanuts und das Wappen von 1860, wenn jemand wirklich schon beim Frühstück an das ganze Elend erinnert werden will. Überhaupt scheint es Händler zu geben, die der festen Überzeugung sind, der Christkindlmarkt werde besucht, um endlich mal billigen Modeschmuck, Hausschuhe oder Spielzeug zu kaufen - erwartungsgemäß sind ihre Stände alles andere als überlaufen.

Ruhig geht das Geschäft auch bei Andrea Földes; sie bietet Weihnachtsschmuck und anderen Krimskrams an. Seit 42 Jahren ist sie auf dem Christkindlmarkt, ebenso auf der Auer Dult und auf dem Oktoberfest. Früher, als ihre Mutter noch dabei war, da hatten sie noch einen sechs Meter breiten Stand, jetzt hat sie auf drei Meter reduziert: "Sonst brauch' ich ja noch mehr Ware." Die Mieten sind auch wieder teurer geworden, Andrea Földes arbeitet die ganze Zeit allein. "Jemanden anstellen ist nicht drin." Das Problem des größten Christkindlmarktes der Stadt: "Es kommen hauptsächlich Touristen. Und Touristen kaufen nichts." Früher war hier auch der klassische Markt für die ganze Weihnachtsdeko - das hat sich grundlegend geändert: "Christbaumkugeln gibt's heute bei jedem Discounter", sagt Földes. "Und das zum gleichen Preis, zu dem ich einkaufe. Da kann ich nicht mithalten." Dazu dann noch der Regen zu Beginn des Marktes - "die ersten drei Tage bin ich praktisch umsonst dagesessen".

Da äußert sich Eduard Rosai schon sehr viel optimistischer. Er veranstaltet mit einem Partner das Weihnachtsdorf im Kaiserhof der Residenz und sagt: "Die ersten Tage waren sehr zufriedenstellend." Das Weihnachtsdorf ist schon seit vergangenen Donnerstag geöffnet, hat also einen leichten Startvorsprung vor dem Christkindlmarkt ein paar Schritte weiter. Das aber, findet Rosai, wird ausgeglichen durch den Nachteil, das man zu seinem Markt gezielt hingehen muss - während man am Marienplatz schon hineinfällt, wenn man nur aus der U-Bahn aussteigt.

Auch hier ein ähnliches Bild wie am Neuen Rathaus: Die Essens- und vor allem die Getränkestände schon am frühen Nachmittag gut besetzt - an den Weihnachtsschmuck-, Schnitzereien-, Kerzenständen eher wenig Betrieb. Einen Grund dafür sieht Rosai auch im Wetter: Bei kühlem Nieselregen hat man eher Lust auf ein Haferl Glühwein (0,2 Liter für fünf Euro) als auf einen Einkaufsbummel zu Räuchermanndl und Nussknacker. Und die Weihnachtspyramide mit dem sich drehenden Windrad obendrauf, die gibt es hier in überlebensgroß und als Glühwein-Verkauf, den Rosais Frau betreibt, Win-Win für alle.

Am Dienstag nach Feierabend wird es richtig voll rund ums Neue Rathaus - Eduard Rosai scheint recht zu behalten: Es regnet, also drängen sich alle unter überdachte Stehtische und wärmen die Finger an heißen Tassen. In den Straßen zwischen den Ständen hingegen nur wenig Betrieb; die Verkäufer sitzen gelangweilt in ihrem Sortiment. An den größeren Ausschanken, an denen auch Musik gespielt wird, kommt schon fast Wiesn-Stimmung auf - mit dem kleinen Unterschied, dass hier in Ermangelung von Bänken nicht auf Bänken getanzt werden kann.

Ob es tatsächlich wieder 3,3 Millionen Besucher werden wie beim letzten Vor-Corona-Weihnachtsmarkt 2019? Seitdem ist ja nicht nur eine Pandemie übers Land gekommen, sondern auch eine Inflation und irrwitzige Energiepreise und das 1:2 der Nationalmannschaft bei der WM - alles Faktoren, die die Lust am Feiern und am Geldausgeben nicht gerade steigern dürften.

Die städtischen Weihnachtsmärkte schließen am Heiligen Abend, das Weihnachtsdorf in der Residenz am 22. Dezember. Dann wird sich zeigen, ob die Tendenz eher in Richtung Eduard Rosai - "sehr zufriedenstellend" - geht oder eher in Richtung Andrea Földes. Die sitzt auch heute in ihrem Stand zwischen Christbaumfiguren und Porzellantieren zum Hinstellen und Abstauben. Auch heute sieht es nicht so aus, als müsste sie mit großem Andrang, großem Stress kämpfen. Aber sie wird das hier aussitzen, sagt sie: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Und das ist ja tatsächlich ein christliches, ein weihnachtliches Motto.

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