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Christkindlmärkte in München:Ein Kraftakt für den Weihnachtszauber

Raimund Welker verlegt auf dem Christkindlmarkt am Weißenburger Platz die Stromkabel.

Neben einer guten Planung zählt auch ein gewisses Improvisationstalent. Raimund Welker, 44, verlegt auf dem Christkindlmarkt am Weißenburger Platz die Stromkabel.

(Foto: Viktoria Spinrad/oh)

Wer über einen der Münchner Christkindlmärkte schlendert, sollte Respekt haben. Denn dahinter steckt aufwendige Logistik - für die Stadt und die Händler.

Von Viktoria Spinrad

"Mist", murmelt Raimund Welker. Eigentlich kontrolliert der 44-Jährige Fluggäste in Berlin-Tegel, doch an diesem Nachmittag hängt er kopfüber über in einem Kabelschacht am Münchner Weißenburgerplatz. Er will eines von unzähligen Kabeln Richtung Stromverteiler ziehen, um einen Reiberdatschi-Stand anzuschließen - doch nun hängt er an einer anderen Hütte fest. Er nimmt sein Handy aus der Tasche, leuchtet in den Schacht, schnappt sich eine Schlinge - und beginnt, den Christkindlmarkt Zentimeter für Zentimeter in Form zu bringen. "Weil es mir Spaß macht", wie er sagt.

Mit Liebe zum Detail wird an den Hütten gearbeitet. Dabei wird so mancher Weihnachtsmann wie von Andreas Dräger persönlich auf Händen getragen.

(Foto: Robert Haas)

Dieser Tage laufen die Vorbereitungen für die 30 Christkindlmärkte in der Stadt. Wer vorbeischlendert, hört Hämmern, Bohren, manchmal auch Fluchen - es ist ein Wettrennen gegen die Zeit. Innerhalb von zwei Wochen entstehen in einem ausgeklügelten System kleine Dörfer. Da müssen in Zentimeterarbeit nicht nur Hütten aufgebaut und Starkstromkabel gezogen, sondern auch Wasserleitungen gelegt, Hunderte Engelchen sortiert und kreative Lösungen für die Lagerung von Schinken und den Nachschub von Wasser und Glühwein gefunden werden.

Wie kleinteilig die Arbeit ist, lässt sich am Mittwochabend an Stand Nummer 63 auf dem Marienplatz beobachten. Der Wind pfeift, auf der Ladentheke steht eine Frau mit hoch konzentriertem Blick und tackert Goldfolie an der Holzstele ihrer Hütte fest. Es ist Jutta Griebsch. Die 69-Jährige feiert heuer gewissermaßen silbernes Jubiläum: Seit 25 Jahren verkauft sie hier Klebefolien mit Wintermotiven. "Die machen sich auch viele Erwachsene rein", sagt sie. Zur Schaustellerei war die Münchnerin über ihren Sohn gekommen, heute ist zwischen Januar und Mitte April ihre einzige freie Zeit - dann, wenn keine Dulten oder Christkindlmärkte anstehen.

Jutta Griebsch, 69

Jutta Griebsch, 69, feiert silbernes Jubiläum auf dem Christkindlmarkt am Marienplatz. Dort verkauft sie Klebefolien mit Wintermotiven.

(Foto: Viktoria Spinrad/oh)

Sie weiß, wie wichtig gute Organisation ist. Auf der Theke liegt ein rotes Büchlein mit Fotos und Zeichnungen, ihre Survival-Anleitung für die Tage vor dem Ansturm. Lichterkette 70 bis 75 Zentimeter hoch aufhängen, Kerzenregal zum Abstützen auf Regalhalter stellen, sechs LEDs auf jeder Seite - "es ist schon ein Wahnsinns-Akt", sagt sie und lächelt trotzdem. Ihre Vorbereitungen gehen wie für viele andere Händler bereits im Januar los: Inventur machen, in Berlin bestellen, und falls es doch mal nicht reicht, bestellt sie eben nach, Adresse: Marienplatz 63. Wenn der Zauber vorüber ist, wird sie etwa 5000 Tackerklammern wieder aus dem Holz ziehen. Trotzdem macht sie es gern. "Ich bin froh, überhaupt einen Platz zu haben", sagt sie.

Denn das ist gar nicht so einfach: Beim von der Stadt organisierten Christkindlmarkt in der Innenstadt gibt es Jahr für Jahr etwa doppelt so viele Bewerber wie Standplätze, jeder von ihnen braucht einen Reisegewerbeschein. Sondiert wird dann nach einem Punktesystem. Wie lange ist jemand schon in der Sparte tätig? Hat er oder sie Aus- und Fortbildungen vorzuweisen? Wie attraktiv sind die Waren? Hat man sich in der Vergangenheit an die Regeln gehalten? Wobei ein Christkindlmarkt am Ende doch immer etwas von einem Klassentreffen hat: "Es gibt nicht viel Wechsel", sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsreferats.

Thomas Ulbrich (48) & Ines Müller (49)

Thomas Ulbrich, 48, und Ines Müller, 49, kommen aus Thüringen. Das Paar lebt von den Christkindlmärkten - er ist Mundbläser, sie bemalt die Kugeln.

(Foto: Viktoria Spinrad/oh)

Umso mehr Wechsel gibt es im Leben von Ines Müller und Thomas Ulbrich - und das, obwohl die beiden gewissermaßen lebende Anachronisten sind. Sie ist Zeichnerin, er Glasbläser. Gemeinsam produzieren sie Christbaumkugeln. Die Vorweihnachtszeit ist für sie die Hauptgeschäftszeit: Gestern in Nürnberg, heute am Marienplatz in München, morgen in Stuttgart - oder war es doch Augsburg? "Manchmal weiß ich gar nicht, wo wir zuletzt waren", sagt die 49-Jährige und lacht. Kein Wunder, wenn man vier Christkindlmärkte parallel zu organisieren hat. Um dafür gewappnet zu sein, erschafft das Paar daheim in Thüringen den Rest des Jahres Tausende Glaskugeln - "selbst bei 30 Grad male ich Schneelandschaften", sagt Ines Müller, dann geht ihre Stimme im Bohrlärm unter: Ihr Mann setzt den Akkuschrauber an der Theke an.

Zusammen mit den Würstelbratern und Glühweinverkäufern der 13 größeren Münchner Christkindlmärkte werden sie hier 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom verbrauchen, so viel wie 600 Haushalte im Jahr. Dafür stellt die Stadt an den Hotspots eigens Verteilerkästen auf. Dazu kommen Wasserleitungen, für die auch mal stillgelegte Brunnenanschlüsse angezapft werden. Ein Mordsaufwand, der auf dem Tollwood-Festival gleich zwei Vollzeitkräfte von den Stadtwerken erfordert - zwischen Oktober und Januar, wohlgemerkt. Dazu kommen etliche Straßensperrungen, 20 Kameras und Beschallungsanlagen, die in der Nacht mittels Hubkränen aufgebaut werden.

Echte Handarbeit ist der Aufbau der Buden. Für manche Händler ist das ein jährlich wiederkehrendes, zur Perfektion gebrachtes Familienritual. Hier arbeiten Zeno und Günther Weissler (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Ein Hubkran hätte im Revier von Günther und Zeno Weissler wohl keine Chance. Die Reiberdatschi-Hütte der ausgewanderten Steiermarker auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt liegt inmitten von Mauern, Treppen und zwei Straßenlaternen. Feinste Hanglage, sozusagen, für die Günther Weissler die Hütte vor 22 Jahren maßgeschneidert hat. Drinnen verläuft die Laterne seitdem mitten durch die Hütte - zwischen ihr und der Heizplatte bleiben noch etwa 20 Zentimeter. "Man muss sich schon mögen", sagt der 63-Jährige. "Zunehmen dürfen wir ned", sagt sein 23-jähriger Sohn. Akklimatisiert dürfte Zeno Weissler ohnehin sein: Bereits als kleiner Junge war er in der Hütte dabei, während sein Vater die Reiberdatschi briet.

Die Zutaten lagern die beiden ganz pragmatisch im Auto in der Tiefgarage - "da ist es schön kalt", sagt der Sohn. Jeder Händler hat da seine ganz individuelle Lösung. Manche lagern Glühwein in großen Kanistern hinter der Hütte, andere zapfen ihn aus Tanks in nahegelegenen Kellern.

Weil es auch an diesem Donnerstagabend immer kälter wird, huschen Zeno und Günther Weissler hinter die Hütte. Mit der Höhlenlampe auf der Pudelmütze leuchtet der Vater entlang des Starkstromkabels, das sich zwischen Spind und Türspalt schlängelt. Der Sohn zieht am Kabel, drückt einen Schalter - und plötzlich ist die Reiberdatschi-Hütte erleuchtet. Es ist eines von Tausenden kleinen Logistik-Wundern dieser Tage.

© SZ vom 23.11.2019/lfr
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Von SZ-Autoren

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