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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Die Stille lieben lernen

Christina Schmiderer

Die Münchner Schauspielerin Christina Schmideder spielt in Serien wie "Hubert & Staller" oder "Dahoam is Dahoam". Sie arbeitet auch in Schulen als Theaterpädagogin.

(Foto: Lilly Erlinger)

Kultur-Lockdown, Tag 121: Die Schauspielerin berichtet von dem, was sie antreibt

Gastbeitrag von Christina Schmideder

Stillstand ist etwas, das ich gar nicht leiden kann. Ich bin von Natur aus ein ungeduldiger Mensch. Ich liebe es, neue Sinne und Eindrücke aufzunehmen - so wie Anfang vergangenen Jahres, als ich zur Recherche für einen Film in den kolumbianischen Regenwald aufgebrochen bin. Corona war damals noch nicht Teil unseres Alltags. Auf dem Heimflug Anfang März trug ein Großteil der Passagiere aber schon Masken und zuckte bereits bei leichtem Husten ängstlich zusammen. Nach einigen Wochen mitten im Amazonas habe ich in diesem Moment das erste Mal realisiert, dass irgendetwas anders war.

Mein Sommer auf der Theaterbühne fühlte sich den Umständen entsprechend halbwegs "normal" an, doch dann kehrte schon bald wieder der Stillstand zurück. Meine kreative Energie will raus, weiß aber nicht wohin. Es ist sogar schon so weit, dass ich selbst getanzte GIFs erstelle, die wirklich niemand sehen sollte. Und dann gibt es da noch die durch Corona entstandene Online-Schauspieltraining-Gruppe. Gestern ist mein Freund schon ein bisschen erschrocken, als ich ihm mit Beil und Messer in der Wohnung entgegenlief. Aber hey, das Nachspielen einer Szene von Stephen Kings "Misery" braucht eben Vorbereitung. Dennoch: Ich habe meine Schlafanzug-Tage langsam wirklich satt. Wenn das Ungewisse schon bei mir Ängste hervorruft, wie geht es dann eigentlich Jugendlichen, die auch ohne Corona genug mit sich selbst zu tun hätten? Die Gedankenwelt von Jugendlichen beschäftigt mich schon seit Jahren, als eine Pandemie höchstens in den Köpfen von Wissenschaftlern und Sci-Fi-Filmen präsent war. Als Leiterin einer Schul-Theatergruppe stellte ich fest, dass sich Mädchen fast ausschließlich über ihr Äußeres definieren und so schon sehr früh wahnsinnig unter Druck stehen. So entstand eine Kurzdokumentation, die ich im Rahmen eines Workshops an mehrere Schulen brachte und so Mädchen bei ihrem schwierigen Erwachsenwerden-Prozess begleiten durfte. Noch im vergangenen November blickte ich in strahlende Mädchenaugen, natürlich mit Maske, und hielt in einer Münchner Schule einen dieser Workshops zum Thema Körperwahrnehmung und Selbstwertsteigerung.

Was passiert, wenn man die eigenen Ecken und Kanten anerkennt? Mit dieser Frage konfrontiere ich die Jugendlichen und merkte dabei, dass es auch für mich wieder höchste Zeit wurde, mich damit auseinanderzusetzen. Um mir selbst und allen Mädchen und Frauen da draußen Mut zu schenken, entstand daraus um Weihnachten die Social-Media-Aktion #ichbinschön. Virtuell geben bekannte und unbekannte Gesichter ihrem jüngeren ICH und damit der Jugend von heute in Bezug auf Aussehen und Wertvorstellungen Tipps. Der inspirierende Austausch mit meinen Mitstreiterinnen hat auch bei mir wieder kreative Energie und Kraft freigesetzt.

So, bald ist wieder Anfang März und ich kann immer besser mit dem Ungewissen umgehen... ok nicht immer... aber immer öfter. Die Ruhe wirkt plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich - und schwuppdiwupp fühlt sich der Stillstand gar nicht mehr so still an.

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© SZ vom 02.03.2021
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