Kritik:Zweifelhafte Zweifel

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Kritik: Auf Mitgliedswerbung: Die fiktive Bewegung "Der Schlüssel" in Christiane Mudras gleichnamiger Inszenierung.

Auf Mitgliedswerbung: Die fiktive Bewegung "Der Schlüssel" in Christiane Mudras gleichnamiger Inszenierung.

(Foto: Verena Kathrein)

Christiane Mudra zeigt im Kulturzentrum Luise einen dichten und wichtigen Abend zu Verschwörungstheorien.

Von Yvonne Poppek, München

Irgendwann ist Ansgar verzweifelt. "Wir sind doch die Guten!", ruft er. Hätte man nicht schon ein bisschen über Ansgar gelernt, würde man ihm das sofort glauben, so wie er dasteht in seinen gelben Hippie-Klamotten. Meist hüpft er auch ein bisschen herum, zieht sonnige Kreise mit den Armen und spricht das "Chakra" so schön schwäbisch, dass man sich freiwillig auf die Suche nach seinem Energiezentrum machen würde. Allein: Ansgar, der Esoteriker und Waldorflehrer, hängt einer Verschwörungstheorie an. Und da ist es mit "den Guten" dann nicht mehr so unproblematisch.

Sebastian Gerasch ist dieser Ansgar in Christiane Mudras "Der Schlüssel", das derzeit im Kulturzentrum Luise in der Ruppertstraße zu sehen ist. Mudra zeichnet für Konzept, Recherche, Text und Regie verantwortlich. Und wie in ihren vorhergehenden Arbeiten - etwa dem Stadtraum-Spiel über Rechtsextremismus "Kein Kläger" oder dem Abend über Gewalt gegen Frauen "The Holy Bitch" - widmet sich Mudra einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema. Das Ganze stellt sie unter den Begriff "Investigativtheater": Sie recherchiert, stützt sich auf Originalquellen und nutzt dann die Mittel des Theaters oder auch digitaler Medien, um ihre Ergebnisse zu teilen.

Das Publikum darf zu ganz unterschiedlichen Fragen abstimmen

Diesmal also geht es um Verschwörungstheorien, um deren Wirkweisen, oft antisemitischen Wurzeln und Motive. Die beiden Anhänger der fiktiven Verschwörungsbewegung "Der Schlüssel" Ansgar und Jo (Murali Perumal) sowie der sehr breitbeinig agierende Kopf der Gruppe Dr. Ki (Stefan Lehnen) führen durch den Abend, der als eine Art Mitgliederwerbeversammlung inszeniert ist. Allzu passiv sollen die Zuschauer hier nicht sein, Fakten sollen nicht nur konsumiert, sondern auch verarbeitet werden. Das Publikum darf also immer wieder abstimmen. Darüber, wem es traut, was es für Bedürfnisse hat, ob die Erde rund ist. Es ist quasi ein kleiner Selbsttest, wie zugänglich man selbst für zweifelhafte Zweifel ist.

Das ist eine gute Idee. Denn das, was Mudra zusammengetragen hat, ist wohl noch umfangreicher als das Material des kürzlich ausgestrahlten ARD-Politmagazins "Kontraste". Und gleichgültig, in wie vielen unterschiedlichen Formaten - als Film, als die Worte einer Künstlichen Intelligenz, als Schlüsselanhänger-Parolen - sie dieses auf der Bühne präsentiert: Die Dichte ist enorm hoch, Daten folgen auf Statistiken und Forschungsergebnisse. Ohne die Abstimmung und Sonnenkind Ansgar könnte das schon trockene Theorie werden, Zahlen werden eben auch auf der Bühne nicht zu Lyrik. Dennoch: Der Abend ist wichtig, das sieht man immer wieder, wenn man auf die Abstimmungsergebnisse blickt. Denn auch da zweifelt man oft an dem zu selbstverständlichen Glauben: "Wir sind doch die Guten!".

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