Nachhaltiges Weihnachten:Ein Jahr als Christbaum, dann 150 Jahre Ruhestand

Lesezeit: 4 min

Nachhaltiges Weihnachten: Werner Wesslau bietet im Glockenbachviertel auch Weihnachtsbäume mit Rückgaberecht.

Werner Wesslau bietet im Glockenbachviertel auch Weihnachtsbäume mit Rückgaberecht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele Händler bieten statt gefällter Tannen und Fichten auch Weihnachtsbäume zum Ausleihen an, die nach dem Fest wieder eingepflanzt werden. Die Nachfrage steigt, doch das gute ökologische Gewissen hat seinen Preis.

Von Niccolò Schmitter

"Ach ja, die Leihbäume." Werner Wesslau führt durch das kleine grüne Eiland, das er mitten im Glockenbachviertel geschaffen hat. Jahr für Jahr verwandelt er den Biergarten vor dem Sax in der Hans-Sachs-Straße in einen kleinen Nadelbaumwald und verkauft hier, eingerahmt von hochragenden Häuserreihen, seine Christbäume. Jetzt holt Wesslau zwischen mächtigen Nordmanntannen einen kleinen Baum hervor, gerade mal 70 Zentimeter groß - und doch der geheime Star des Geschäfts: ein Leihbaum.

Weihnachtsbäume verleihe er schon seit rund zehn Jahren, erzählt Wesslau. Dabei sei die Nachfrage konstant gestiegen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Bis jetzt. "Jetzt ist es der totale Trend", stellt der Münchner fest. Das Konzept dahinter ist leicht erklärt: Die Bäume werden samt Wurzelwerk aus der Erde entnommen, statt kahlem Stumpf ziert ein dicker und wuchtiger Ballen deren Ende.

Nachhaltiges Weihnachten: Die Leihbäume haben einen Ballen, der allein rund 30 Kilogramm wiegt.

Die Leihbäume haben einen Ballen, der allein rund 30 Kilogramm wiegt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Einmal nach Hause gebracht, sollten die Leihbäume zunächst für zwei Tage an die neue Umgebung akklimatisiert werden, etwa im Treppenhaus. Denn der Umzug vom winterlichen Frost rein ins voll beheizte Wohnzimmer ist für die Bäume erstmal ein Schock. Danach kommen sie in einen Topf mit ausreichend Platz, in den ersten ein bis zwei Wochen brauchen sie zudem viel Wasser. Nach dem Fest können sie am zehnten oder elften Januar wieder zurückgebracht werden. "Dann kommen die Bäume auf den Gnadenacker", wie Wesslau sagt.

Der Verkäufer bringt sie zu einem Freund, der einen kleinen Wald am Tegernsee besitzt. Dort werden sie wieder eingepflanzt - und genießen ihre Rente. Ihr Dienst am Weihnachtsfest wird mit einem Ruhestand von rund 150 Jahren belohnt. Nach Wesslaus Erfahrung funktioniert das nahezu reibungslos: "Über 80 Prozent aller Bäume überleben das."

Streng genommen stellen diese nicht mal eine Leihgabe dar, denn die Kunden dürfen ihre Bäume auch gerne behalten. Manche pflanzen sie beispielsweise in den eigenen Garten ein und nutzen sie für das nächste Weihnachtsfest gleich nochmal. Bei guter Pflege kann man das problemlos jahrelang machen, allein die Wohnzimmerdecke setzt dem Vorhaben irgendwann eine Grenze. Denn der Baum wächst natürlich stets weiter.

Stichwort natürlich: Bei der Entscheidung für einen Leihbaum sei bei seinen Kunden der Wunsch nach Nachhaltigkeit der primäre Verkaufsgrund, sagt Wesslau. Es gebe den Leuten einfach ein gutes Gefühl. Denn hier wird kein Baum angepflanzt, nur um später abgesägt zu werden und nach wenigen Wochen wieder auf dem Kompost zu landen.

Dies betrifft laut einer Schätzung des Bundesverbands der Weihnachtsbaumerzeuger in Deutschland jährlich 23 bis 25 Millionen Bäume. Dazu verschlingt der Anbau solcher Mengen eine große Zahl landwirtschaftlicher Flächen - zumal die Bundesrepublik auch noch Bäume für das Ausland produziert. 2019 wurden laut Statistischem Bundesamt rund eine Million davon exportiert. Bei Werner Wesslau kommen die Tannen und Fichten immerhin alle aus der Region, aus einer Baumschule bei Rosenheim.

Wie so oft hat die Nachhaltigkeit allerdings auch hier ihren Preis. Einerseits schlägt die Wahl finanziell zu Buche. Rund das Doppelte müsste man für einen Leihbaum im Vergleich zu einem gleich großen konventionellen Baum zahlen. Vor allem aber darf der Mehraufwand an Arbeit nicht unterschätzt werden. Das fällt schon beim Transport auf, wiegt doch allein der Ballen rund 30 Kilogramm. Und auch für die Produzenten läuft das Konzept auf einen höheren Arbeitsaufwand hinaus. Das beginnt beim Ausbuddeln des Wurzelwerks, was naturgemäß deutlich länger dauert als das bloße Absägen, und endet beim artgerechten Einpflanzen.

Die Vermietung von Weihnachtsbäumen bleibt eine Nische

Auf den nachhaltigen Markt sind mittlerweile auch einige wenige Online-Händler gedrungen, die im Verleih von Weihnachtsbäumen Potenzial zur Expansion sehen. Darunter befindet sich zum Beispiel weihnachtsbaumfreunde.de, ein Händler aus Mainz, der sein Online-Geschäft allein auf den Verleih begrenzt hat und mittlerweile an fast alle deutschen Großstädte liefert.

Auch Geschäftsführer Michael Roth hat in den letzten Jahren den Trend zum Leihbaum wahrgenommen: "Man merkt, dass die Leute mehr und mehr mit der Tradition brechen und jetzt einen schweren Baum mit Wurzel nehmen." Die Befriedigung der ökologischen Seele sei auf diesem Wege leicht erreicht, denn immerhin müsse man so nicht auf etwas verzichten. Die Kunden entscheiden sich einfach nur für ein anderes Produkt, das etwas mehr Arbeit bedeutet.

Wobei die bei den Weihnachtsbaumfreunden dank eines anderen Konzepts geringer ausfällt. Denn die Mainzer verschicken ihre Ware gleich im passenden Topf, viel mehr außer Gießen und Schleppen wird den Kunden nicht abverlangt. Am Stichtag kann der Leihbaum einfach wieder vor der Haustüre abgestellt werden, der Online-Händler macht den Rest: Abholung und auch Pflege, denn dessen Bäume werden für das nächste Weihnachtsfest im Rhein-Main-Gebiet fit gehalten. Statt Ruhestand gibt es also rund elf Monate Urlaub. Doch so sehr das Leihgeschäft auch boomt - rund 80 Prozent des Geschäfts machen die Händler noch mit abgeholzten Bäume, wie Roth erzählt.

Die Vermietung von Weihnachtsbäumen bleibt also eine Nische. "Aber eine Nische, die Spaß macht", wie Wesslau sagt. "Die Arbeit, die wir mit den zurückgegebenen Bäumen haben, ist trotz des höheren Preises finanziell nicht wirklich eingespeist." Er und sein Team pflegen das Konzept genau wie ihre Kunden vielmehr für die ökologische Seele. Wenn es sich aber aus seiner Nische heraus entwickeln sollte, dann würde das für sie zwar erstmal mehr Arbeit bedeuten. Werner Wesslau hätte da aber nichts dagegen - allein für das gute Gefühl.

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