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Tatort, Derrick, Pilcher:"Wir arbeiten mit unserer Seele"

Schauspielerin Carin C. Tietze

In den Sommerferien sei die Familie oft fünf Wochen in Griechenland oder auf Sardinien gewesen, "und da haben wir mit der Super-8-Kamera einen Film gedreht - mit Handlung!", sagt Carin C. Tietze. Den Wunsch, später Schauspielerin zu werden, hat sie damals schon entwickelt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mehr als Hundert Figuren hat Schauspielerin Carin C. Tietze schon verkörpert. Ein Gespräch über Glück, Standbeine und was ihr amerikanischer Pass mit Franz Josef Strauß zu tun hat.

Von Gerhard Fischer

Carin C. Tietze ist die Tierärztin, Heio von Stetten der Pfarrer und Dominic Raacke der Snob, der sich in nur 90 Minuten Spielfilmlänge vom Saulus zum Paulus wandelt. Es ist die deutsche Komödie "Das Leben ist ein Bauernhof" aus dem Jahr 2012. Aber es könnte auch 1992 oder 2004 oder 2018 sein, denn Tietze und Stetten und Raacke tauchen seit Jahrzehnten in deutschen Komödien auf. Und in Krimis, in Pilcher-Filmen und in Lindström-Filmen. Bloß in diesem Jahr war das bei Tietze anders. Und das hatte nicht nur mit Corona zu tun.

Carin C. Tietze, 56, kommt in einem schicken blau-weißen Mantel zum Literaturhaus. Es ist der erste sonnige Tag im Oktober, Tietze ist damit einverstanden, dass man sich draußen hinsetzt, obwohl es nicht wirklich warm ist. Sie wirkt sofort unkompliziert. Sie ist auch sehr zugänglich und offen, nachdem sie die erste Reserviertheit, die man bei solchen Treffen häufig spürt, schnell überwunden hat.

"Ich hatte 2020 drei Drehtage", sagt sie gleich. "Es war mein bisher beschissenstes Jahr." Wegen Corona? "Bis August lag es daran, aber dann wurde wieder gedreht, und da kann ich die schlechte Auftragslage nicht Corona in die Schuhe schieben." Sie redet nicht drum herum, das ist aller Ehren wert. "Man braucht als Schauspieler halt grundsätzlich viel Glück, um eine Rolle zu bekommen", sagt sie noch. "Da müssen fünf Leute ja sagen." Auch wenn man seit mehr als 30 Jahren im Geschäft ist.

Tietze ist entweder einfach ehrlich, oder sie ist deshalb so souverän, weil sie seit Jahrzehnten gefragt ist, als Schauspielerin. Außerdem hat sie ja noch zwei andere Standbeine, sie liest Hörbücher ein und arbeitet als Synchronsprecherin.

Da war doch was, mit Juliette Binoche und Tilda Swindon. Die hat sie doch gesprochen, oder? "Ach, das ist lange her", sagt sie und lässt die Finger der rechten Hand, die sie leicht nach vorne richtet, nach unten fahren - das macht man, wenn man Dinge abtut. "Momentan spreche ich für die Mangaserie One Piece eine Hexe", sagt sie stattdessen und lacht. "Seitdem bin ich für meinen Sohn ein Held." Der Sohn ist 19, die Tochter ist 24, und Tietze sagt, sie habe den Kindern früher gar nicht groß erzählt, was sie arbeite. Eine Nachbarin habe dann mal zu ihnen gesagt, ihre Mutter sei "berühmt". Beeindruckt war der Sohn aber erst, als sie die Manga-Hexe sprach.

Carin C. Tietze - das C. steht für Christina - hat die meiste Zeit ihres Lebens am Starnberger See verbracht, sie ist dort sehr verwurzelt, seit längerem wohnt sie in Assenhausen in der Gemeinde Berg. Aber geboren wurde sie in den USA, und das hat, man glaubt es kaum, als sie das sagt, mit Franz Josef Strauß zu tun.

"Meine Oma war die erste Zahnärztin Münchens nach dem Ersten Weltkrieg", erzählt sie. 1918 sei deren Sohn, Carin C. Tietzes Vater, auf die Welt gekommen, und der Vater ging mit Strauß auf das gleiche Gymnasium. "Sie haben gemeinsam Ausflüge gemacht", sagt Tietze, "zum Beispiel sind sie nach Andechs geradelt."

Als dann "die braune Scheiße kam", wie Tietze die Machtübernahme der Nazis nennt, wurde von der Oma und dem Vater der Ariernachweis verlangt. Tietze kennt die Geschichte nicht ganz genau, aber sie meint, die Oma habe den Erzeuger des Vaters geheim gehalten, und dass es nicht so einfach gewesen wäre, den Ariernachweis zu erbringen. Und hier kommt Strauß ins Spiel. "Er riet meinem Vater, das Land zu verlassen, er sagte: Hau ab!" Carin C. Tietzes Vater ging in die USA und wurde dort Chemieprofessor

Nach dem Krieg traf er ihre Mutter bei einem Skirennen in Bayern, nahm sie mit und heiratete sie. Carin C. Tietze wurde in Denver, Colorado geboren und hat heute noch den amerikanischen Pass. Als sie fünf war, trennten sich die Eltern, die Mutter nahm die Kinder mit nach Bayern und heiratete später den Lehrer Fritz Tietze.

Carin C. Tietze lacht. "Ich rede viel, ich weiß", sagt sie. Tietze wird gerade noch lockerer, gestikuliert nun auch und lacht lauter als am Anfang, und sie lacht auch mit den Schultern, die auf und ab gehen. Manchmal sieht man das bei ihr auch im Fernsehen. Wollte sie schon als Kind Schauspielerin werden?

"Ja!", ruft sie. Die Mutter und der Stiefvater hätten ihr das ein bisschen mitgegeben. Zwar waren sie keine Schauspieler, aber sie waren in der Theatergruppe an ihren Schulen; und vor allem wurde in den Ferien viel gespielt. "Lehrer haben ja lange frei", erzählt Tietze, "da waren wir dann fünf Wochen in Griechenland oder Sardinien und haben mit der Super-8-Kamera einen Film gedreht - mit Handlung!"

Nach dem Abitur spielte sie in München kurz Theater, ging aber bald nach New York, auf die Schauspielschule von Sanford Meisner. Sie war ein paar Wochen dort, als sie mit einer Mitschülerin im Club Nell - benannt nach Nell Campbell, die in der "Rocky Horror Picture Show" die Columbia spielt - den Gründer der New Yorker Kunstakademie kennen lernte. "Er hatte immer montags einen Jour Fix, einen Kammermusikabend, in seinem wunderschönen alten New Yorker Stadthaus, und er sagte zu uns: kommt doch mal!"

Carin C. Tietze und ihre Freundin gingen hin. "Und dann sitzen da Andy Warhol, Grace Jones und Bianca Jagger!"

Tietze ist 56 Jahre alt und wirkt nicht so, als wäre Namedropping noch wichtig für sie. Aber damals war sie 21, und sie war wohl sehr beeindruckt. "Da kommst du aus einem Kaff in Bayern - und die ersten, die du in New York kennenlernst, sind diese Leute!" Sie sei in diese Szene aber nicht wirklich eingestiegen, sagt sie. War ihr nicht wichtig. Ein paar mal Small Talk mit Warhol, Jagger und Jones, das war's. "Und Warhol ist dann auch bald gestorben, da fiel das Ganze auseinander", sagt sie.

Das ist heute eine nette Erinnerung, mehr nicht. Was ihr Leben stärker beeinflusste, war natürlich die Arbeit an der Schauspielschule. Sanford Meisner, der selbst noch unterrichtete, ließ die Schüler nicht nur Ballett tanzen und Fechten, er vermittelte ihnen, dass das Zuhören das Wichtigste sei. "Deinem Gegenüber, dem anderen Schauspieler, zuhören, die Emotionalität raushören, damit man selbst emotional reagieren kann - darum ging's", sagt Tietze. "Und man muss schon mit einer fundierten Grundemotion in eine Szene reingehen." Inzwischen spiele sie ihren eigenen Stiefel, sagt sie, aber was das Zuhören angehe, sei sie noch Meisners Schule.

Sie verließ New York, als die Schule nach zwei Jahren beendet war. "Ich hatte Sehnsucht nach Bayern", sagt sie. Zudem sei die Chance, in New York als Schauspielerin zu arbeiten, nicht gerade gut gewesen. "Ich habe einmal ein Casting gesehen, da waren 400 Bewerber - sie standen Schlange um einen ganzen Häuserblock herum", erzählt sie. "Das war ein Casting für eine Szene in einem Woody-Allen-Film, für eine einzige Szene!"

Dagegen waren in Deutschland in dieser Zeit, Mitte der 1980er Jahre, die Türen sperrangelweit auf für Schauspieler. Tietze lacht, es ist ein Ich-freue-mich-Lachen. "Die Privatsender wurden gegründet", sagt sie. RTL, Sat1, Pro Sieben. Sie brauchten Stoff. Und sie brauchten Schauspieler. "Das war genial, eine Megazeit, zusammen mit Natalia Wörner, Katja Riemann oder Birge Schade." Tietze war beschäftigt, und sie schaffte nach eigener Einschätzung den Durchbruch mit Sönke Wortmanns Film "Allein unter Frauen". Sie spielte die Vio, die mit zwei Freundinnen den Macho Tom (Thomas Heinze) in ihre Frauen-WG aufnimmt. "Den Film habe ich mit meinen Kindern kürzlich geschaut, auf Video, war zum Totlachen", sagt Tietze. "Ich war 25 - etwa so alt wie meine Tochter heute. Und die Klamotten damals!" Gemocht hatte sie auch "Echte Kerle" mit Christoph M. Ohrt oder zuletzt "Nesthocker" mit Francis Fulton-Smith, der in diesem Film von Tietzes Filmsohn terrorisiert wird.

Dazwischen sah man sie immer wieder im Fernsehen: "Traumschiff", "Tatort", "Derrick", "Soko Stuttgart" - und dann "Hubert und Staller", wo sie als naive Sabrina Rattlinger fünf Jahre lang einen Tante-Emma-Laden führte, in Hubert verliebt war, aber von Staller umschwärmt wurde. Beliebte Serie. Warum ist sie ausgestiegen? Zum ersten Mal in diesem Gespräch redet sie nicht viel. Zwar sagt sie zunächst, sie habe "sich sehr gefreut, da mitgespielt zu haben - es war immer mein Wunsch, eine Kultserie am Starnberger See zu drehen und mit dem Radl zur Arbeit zu fahren." Aber zu ihrem Ausstieg meint sie nur: "Ich wollte weiterwandern, ich suchte eine neue Herausforderung."

Hilft es - außer in diesem Jahr -, dass sie als Allrounderin gilt? Dass sie Krimis macht, Komödien und Serien und Sahnehäubchen-Liebesfilme in Cornwall und Schweden? "Ja, das ist für eine Schauspielerin doch ein Idealzustand", sagt sie. "Schlimm wäre es, wenn man in eine Schublade gesteckt werden würde."

Letztes Jahr hat sie mal wieder Theater gespielt. "Sommerabend" im Bayerischen Hof. Das wolle sie "unbedingt" fortsetzen. Sie habe lange nicht Theater gespielt, weil es, erstens, mit der Familie nicht gepasst habe, als die Kinder klein gewesen seien. Und weil sie, zweitens, am Theater häufig auf Regisseure getroffen sei, die ihre Egoprobleme an den Schauspielern ausgelassen hätten - was sie, Tietze, nicht ertragen habe. "Wir arbeiten doch mit unserer Seele", sagt sie, und sie ist zum ersten Mal in diesem Gespräch pathetisch. "Jede Kritik ist auch Kritik an uns."

Am 20. November läuft nun "Hochzeitsstrudel und Zwetschgenglück" in der ARD. Carin C. Tietze spielt die Mutter von Fanny Krausz, es geht um ein Familiengeheimnis und um Identitätsfindung. Heio von Stetten spielt auch mit.

© SZ vom 24.10.2020/syn
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