Autorin und Produzentin Katja EichingerMit Nick Cave aus der Finsternis

Lesezeit: 3 Min.

Katja Eichinger hat zuletzt das Buch „Das große Blau: Côte d’Azur“ veröffentlicht. Derzeit arbeitet sie an einem Kriminalroman.
Katja Eichinger hat zuletzt das Buch „Das große Blau: Côte d’Azur“ veröffentlicht. Derzeit arbeitet sie an einem Kriminalroman. Christian Werner

Als sie todtraurig war, hat er ihr geholfen. Und auch sein jüngstes Album „Wild God“ schenkt ihr Hoffnung: Die Autorin Katja Eichinger ist riesiger Nick-Cave-Fan, sie sagt: „Seine Musik kann einen retten.“ Persönliche Begegnungen gab es auch.

Von Bernhard Blöchl

SZ bei Google bevorzugen

Die Erlösung geschah in Cannes. Dort, wo regelmäßig die Filmfestspiele für großes Kino sorgen, fand Katja Eichinger kürzlich große Befreiung. Die Münchner Autorin, Produzentin und Filmfreundin ist schon oft die roten Stufen des Palais des Festivals et des Congrès hinauf- und hinabgestiegen. Seit 30 Jahren, wie sie sagt. Aber dieses Mal war anders. „Ich war noch nie so glücklich und bewegt wie nach diesem Besuch“, erzählt sie am Telefon.

Was war hier geschehen? Welche transzendentale Kraft hat das Leben der 54-Jährigen so nachhaltig durchgerüttelt? Wo sonst Filme über die Leinwand flimmern, stand auf der Bühne nur ein Klavier – und „ein sehr dünner Mann“, wie Eichinger erzählt. Es war Nick Cave, der hier Ende Juli ein Solo-Konzert gab. Eines mit starker Wirkung offenbar.

Katja Eichinger ist riesiger Nick-Cave-Fan. Sie kann ausführlich und mit Verve über Musik und Texte des Songwriters sprechen. Cave hat in seinem Leben mehrere Schicksalsschläge hinnehmen müssen, vor allem die Verluste von zwei Söhnen. Wie er sich musikalisch „durch Nebelbänke der Trauer“ gekämpft habe, sei bewundernswert, findet Eichinger: „intelligent, mit Humor und großem Herzen.“

Ihr Lieblingsalbum ist „Wild God“, die jüngste Platte mit den Bad Seeds aus dem Sommer 2024. „Ein großes euphorisches Album“, wie sie sagt. Ihr persönliches Stück Hoffnung. „Du spürst die Traurigkeit. Wir sind ja auch der Apokalypse näher denn je. Aber Cave schafft so eine Transzendenz. Du fühlst dich am Ende anders.“ Das gilt für das Hören der Platte (sie lief bei ihr „in Dauerschleife“) wie auch für den Konzertbesuch.

Eichinger hat Cave nicht nur solo in Cannes erlebt, sondern auch mit seiner Band in Berlin und München. „Die Wild-God-Tournee war der Wahnsinn“, schwärmt sie. „Er hat eine irre Energie bei jedem Konzert aufgebracht. Seine Musik kann einen retten.“ Gerade in Zeiten der Trump-Wahl sei das so gewesen. „Was da alles los war, das war ja alles nicht so schön“.

Wenn dich der wilde Gott berührt: Nick Cave im Oktober 2024 in der Olympiahalle München.
Wenn dich der wilde Gott berührt: Nick Cave im Oktober 2024 in der Olympiahalle München. Catherina Hess

Eichinger glaubt stark an die Kraft der Kultur. Schon vor dem Telefonat hat sie per Mail kluge Gedanken zum Thema formuliert: „Musik verändert unser Zeitempfinden und lässt uns im besten Fall wegtauchen von diesem Aufregungssturm, der uns derzeit ohne Unterlass ins Gesicht bläst.“ Zunächst wollte sie amerikanische Musik empfehlen, „weil uns die USA derzeit so viele Sorgen bereiten und uns dieses Land, dem wir so viel verdanken, mittlerweile so fern scheint“. Als Hoffnungsbringer nannte sie denn auch den Komponisten Philip Glass und den Jazz-Pianisten Christian Sands.

Mit größtem Vergnügen aber möchte sie Nick Cave ans Herz aller legen. Der Australier, Jahrgang 1957, hat ihr schon vor Jahren ein gutes Gefühl in der Tristesse geschenkt.

Es muss im Februar oder März 2011 gewesen sein, als Eichinger Cave persönlich begegnete. Ihr Mann, Filmgigant Bernd Eichinger, war wenige Wochen zuvor gestorben. Sie selbst war „völlig fertig mit den Nerven“, wie sie sagt. „Ich war im Beverly Hills Hotel in Los Angeles und sollte meinen Anwalt treffen. Es war Vormittag, ich saß am Pool an der Bar und habe eine Limonade getrunken. Auf einmal spürte ich Blicke auf mir.“ Nick Caves Blicke.

Sie habe zwar nicht mit ihm gesprochen, schon wenig später sei er abgeholt worden. „Aber irgendwie hat mir der Blickkontakt Hoffnung gegeben, und ich dachte: Man kann auch aus der Traurigkeit was machen.“

Sieben Jahre später stand sie Cave dann erneut gegenüber, bei der Aufführung der restaurierten Fassung von Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ auf der Berlinale. Donata Wenders habe ihr den Stargast vorgestellt, von dem zwei Songs im Film zu hören sind. „Er war sehr freundlich, ein sehr sympathischer Mensch“, erinnert sich Eichinger. Wieder so ein erhebender Moment.

Neues Album von Nick Cave
:Hüpf in meinen Mantel, Frosch

Nick Cave hat sich, der Himmel weiß wie, über den Tod gleich zwei seiner Söhne gerettet. Dann wandte er sich sogar den Menschen zu. Und heute? Nun: „Wir scheinen ganz zufrieden zu sein.“

SZ PlusVon Josef Wirnshofer

Auch der Himmel über Cannes kann inspirierend sein. Im April 2024 hat Katja Eichinger ein Buch veröffentlicht, in dem sie sich essayistisch ihrem Sehnsuchtsort Côte d’Azur nähert: „Das große Blau“ heißt das Buch, dem bald ein neues folgen soll.

In Cannes hat die Wahl-Münchnerin eine kleine Wohnung, in die sie gerne vor dem Regen in Deutschland flieht. Und arbeitet. Ein Kriminalroman soll es werden, Arbeitstitel: „Geld“. Das Manuskript sei fertig, erzählt sie, sie sitze bereits an den Korrekturen. Im Herbst soll es einen Verlag finden, so der Plan. Man darf gespannt sein. Auch darauf, ob der Thriller durchzogen ist von den Stimmungen und Gefühlswelten von Nick Cave. Von seiner Transzendenz.

Einen kleinen Plattenspieler habe sie in ihrer Wohnung in Cannes auch: „eine ganz billige Stereoanlage, so einen Koffer“, wie sie sagt. Darauf drehe sich häufig eine Scheibe, die „sehr guttut“. Nicht nur der wilde Gott weiß, wie sie heißt.

Der Text ist Auftakt zur SZ-Serie „Ein Stück Hoffnung“. Künstler aus München und Bayern empfehlen Werke, die sie optimistisch stimmen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Andrea Sawatzki
:„Immer, wenn ich an meine Mutter denke, fange ich fast an zu heulen“

Sie ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands, ihre Kindheit war geprägt von Leid, Angst, Wut und Hass. In ihrem neuen Roman „Biarritz“ arbeitet Andrea Sawatzki das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter auf. Ein Gespräch über Schuld und Vergebung, Liebe und die Heilkraft des Schreibens.

SZ PlusInterview von Bernhard Blöchl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: