Süddeutsche Zeitung

Bundestagskandidaten im Porträt:Ein geduldiger Zuhörer, der kämpfen kann

Überraschend eroberte Sebastian Roloff den Spitzenplatz auf der Oberbayern-Liste der SPD. Der Jurist setzt bei seiner Kandidatur im Münchner Süden vor allem auf die Themen Arbeit, Soziales und Wirtschaft.

Von Wolfgang Görl

Eigentlich könnte es sich der rauschebärtige Mann mit der Basecap gemütlich machen, der rotgepolsterte Stuhl neben Sebastian Roloff ist noch frei. Aber das will er nicht. Er bleibt lieber stehen, um sein Anliegen loszuwerden. Er sei Intensivpfleger, sagt er, angestellt bei einer Zeitarbeitsfirma, weil er da mehr verdiene als die Angestellten im Krankenhaus. Alles prima, nur eines nicht: Die Corona-Prämie habe er nicht bekommen. Keinen Cent, obwohl er seit vielen Monaten Schwerarbeit auf Intensivstationen leiste. Aber das Extra-Geld, mit dem die extremen Belastungen der Pflegekräfte in der Pandemie gewürdigt werden sollen, rücke die Klinik nicht heraus. Er sei ja nicht bei ihr angestellt, laute die Begründung. Daher die Bitte an Roloff: "Sie können sich für meine Corona-Prämie einsetzen."

Roloff, das offene Hemd lässig über dem schwarzen T-Shirt tragend, die Corona-Maske in Regenbogenfarben und ein paar Schweißperlen auf der hohen Stirn, hört zu, signalisiert zwischendurch Verständnis und stellt, wenn der Redeschwall seines Gegenübers kurz mal stockt, eine Frage, etwa ob es nicht an der Zeit sei, den Rechtsweg einzulegen. Nein, sagt der Mann, damit riskierte er seinen Job, und überhaupt habe er schon alles Mögliche versucht, leider vergebens. Überhaupt sieht es so aus, als erwarte er gar nicht, dass Roloff ihm helfe. Einfach mal Dampf ablassen, das tut gut. Und wann wäre die Gelegenheit günstiger als im Wahlkampf, zumal der Kandidat auch noch so etwas wie einen Sorgenstuhl anbietet? Aber sich gleich setzen? Das doch nicht. Vielleicht entweicht der Dampf besser im Stehen.

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag im August, auf dem Wochenmarkt in der Heiglhofstraße in Großhadern ist nicht allzuviel los. Meist sind es ältere Leute, die das Angebot an Obst, Gemüse oder Käse inspizieren. SPD-Kandidat Roloff hat sein Stühle-Ensemble auf dem Gehsteig platziert, flankiert von SPD-Bezirksrätin Irmgard Hofmann, die hier Heimspiel hat und allem Anschein nach jeden kennt. Bei flüchtigem Hinsehen könnte man die beiden für Marktbummler halten, die sich kurz mal ausruhen.

Die Wahl-Flyer und die SPD-Kugelschreiber, die zur Selbstbedienung auf dem Gehsteig-Pflaster liegen, stechen nicht gerade ins Auge. Etwas mehr Aufmerksamkeit hätte gewiss die SPD-Beachflag erregt, aber diese mitzunehmen, ist leider missglückt. Ob mit oder ohne Flagge: Geplant ist, die Marktbesucher zu einem Zwischenstopp auf den rotgepolsterten Stuhl zu bewegen, wo sie Roloff, den sozialdemokratischen Bundestagskandidaten für den Münchner Süden, sprechen können. Und siehe da: Es gibt Leute, die das Gespräch suchen. Nur auf den Stuhl traut sich kaum jemand.

Wäre Sebastian Roloff ein Egomane, dem das Ergebnis seiner Partei vollkommen wurscht wäre, bräuchte er gar keinen Wahlkampf zu machen. Er steht auf Platz fünf der SPD-Landesliste, da ist der Einzug ins Berliner Parlament so gut wie sicher. Das Direktmandat im Münchner Süden zu erlangen, ist schon schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Hier hat zumeist der CSU-Kandidat die Nase vorn, zuletzt war es Michael Kuffer, der als Titelverteidiger auch wieder antritt. Und dass für die Grünen die stellvertretende Bundesvorsitzende Jamila Schäfer kandidiert, macht es für Roloff nicht leichter. Wie gut, dass er über die Landesliste abgesichert ist.

Dass er einen komfortablen Platz auf der SPD-Liste bekommen würde, war vor den Nominierungsparteitagen nicht unbedingt zu erwarten. Als die Oberbayern-SPD im März ihre Liste aufstellte, schien der Spitzenplatz, der auch eine aussichtsreiche Position auf der Landesliste sichern würde, für den Bundestagsabgeordneten Florian Post reserviert zu sein. Aber denkste: Auch Roloff hob seinen Finger, für manche überraschend, von anderen erwartet, und nachdem man die Stimmen ausgezählt hatte, war klar, dass die Delegierten die althergebrachten Spielregeln durchbrochen hatten: Nicht der Platzhirsch Post, sondern Roloff war der Sieger. Der Verlierer lamentierte daraufhin wutschäumend, man habe ihm "von hinten das Messer in den Rücken gehauen". Roloff reagiert gelassen auf Posts Dolchstoß-Legende: "Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich kandidieren würde." Schon deshalb könne von einer Intrige keine Rede sein.

Was auch immer hinter den Kulissen passiert ist: Ein Wunder ist es nicht, dass Roloff bei vielen Delegierten Rückhalt hatte. Sozialdemokratischer Stallgeruch haftet ihm in jedem Fall an, und zwar jene Art von Odeur, die man als Gewerkschafter erwirbt, auch wenn Roloff kein Stahlkocher oder Maschinenbauer ist. Nach seinem Jurastudium in Regensburg bekam der junge Mann, der sich besonders mit Arbeits- und Sozialrecht beschäftigte, das Angebot, als Jurist bei der IG Metall in München zu arbeiten. Roloff sagte zu, obwohl er lieber als Anwalt in Regensburg geblieben wäre, und zog nach München, ins mehr oder weniger proletarische Giesing, wo er nahe dem Sechzger-Stadion eine Wohnung fand, obwohl "ich für die Bayern fiebre".

Er avancierte zum Leiter der Rechtsstelle der Münchner IG Metall, mittlerweile aber hat er einen anderen Job: Roloff ist Personalleiter bei MAN Truck & Bus. Hat er da nicht die Seiten gewechselt? Roloff sieht das nicht so. Es sei doch gut für die Mitarbeiter, wenn sie einen Personalchef hätten, der eine "soziale Herangehensweise" pflege. Bei MAN sei das möglich, aber klar, das ginge nicht überall. "Ich musste mich nie groß verbiegen."

Seine Mutter habe ihm Werte wie Gerechtigkeit und Mitgefühl vermittelt

Roloff ist 1983 in Berlin auf die Welt gekommen, was insofern nachwirkt, als in seiner Sprache das Berlinerische deutlich mitschwingt. Eigentlich erstaunlich, denn schon im Grundschulalter zog er nach Rettenbach in den Bayerischen Wald. Er ist bei der Mutter aufgewachsen, die als Krankenschwester arbeitete. Idyllisch die Landschaft, die Kindheitsparadiese im Wald, nur der Bus brauchte eine Stunde bis zur Schule. Werte wie Gerechtigkeit, Mitgefühl, Hilfe für die Schwachen hat er, sagt Roloff, von der Mama gelernt. Daraus ist dann politisches Engagement geworden. Die Bundestagswahl 1998, der ewige Kanzler Kohl gegen den SPD-Herausforderer Schröder, habe ihn fasziniert. Damals wusste er schon, wo sein Herz schlägt: links. Roloff trat in die SPD ein, gründete in Cham eine Juso-Gruppe und kandierte noch als Gymnasiast für den Chamer Kreistag - allerdings erfolglos.

Arbeit, Soziales, Wirtschaft - das sind die politischen Felder, die er verstärkt beackern möchte. "Wir sind dabei, die digitale und wirtschaftliche Transformation zu verschlafen", sagt er. Möglichst viele Arbeitsplätze sollten tariflich gebunden sein, auch der Mindestlohn müsse erhöht werden, auf etwa 15 Euro. Gleiche Arbeit verlange gleichen Lohn, zudem will er sich für ein lebenslanges Recht auf Fortbildung einsetzen.

Die "Hauptherausforderung unserer Generation" aber ist die drohende Klimakatastrophe. So schnell wie möglich müsse das Land klimaneutral werden, allerdings in einer Weise, dass sich "schlecht verdienende Familien noch den Strom leisten können". Natürlich hat er auch das in München besonders virulente Dauerthema Wohnungsmangel im Blick. Roloff fordert unter anderem mehr Geld für die Städtebauförderung, die Stärkung von Genossenschaften und ein soziales Bodenrecht.

Zurück auf den Großhaderner Wochenmarkt: Nach gut einer Stunde wagt sich doch noch ein Mann auf den verwaisten Stuhl der SPD. Roloff, so der bisherige Eindruck, ist ein geduldiger Zuhörer. Er geht auf die Leute ein, lässt sie ausreden, gibt Contra, wo er es für geboten hält, aber in einer ruhigen, sachlichen Weise. Der Mann auf dem Stuhl aber strapaziert Roloffs Geduld gewaltig. Er ist Impfskeptiker, nein, Impfgegner, und zwar einer von der rigorosen Sorte. Schnell ist klar: Die beiden werden nicht zusammenkommen. Roloffs Argumente prallen ab, keine Chance. Das merkt er auch - und macht trotzdem weiter. Manchmal muss man das Vergebliche tun, vor allem im Wahlkampf.

Sebastian Roloff im Video-Selbstporträt:

Die SZ hat die Münchner Direktkandidatinnen und Direktkandidaten für die Bundestagswahl gebeten, sich für ein Porträt selbst zu filmen. Alle Videos und weitere Kandidaten-Porträts finden Sie hier.

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Quelle:
SZ vom 26.08.2021/fema
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