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Münchner Bundestagskandidaten im Porträt:Politik gegen die eigene Partei

Bild in neuer Seite öffnenFlorian Post (SPD), 2021

Florian Post will wieder für die SPD in den Bundestag.

(Foto: Robert Haas)

Florian Post sitzt seit 2013 für die SPD im Bundestag, profiliert sich aber gerne als Kontrapunkt. Seit ihm ein sicherer Listenplatz verwehrt wurde, kennt er dabei kaum noch Hemmungen.

Von Heiner Effern

Nach all dem Ärger hat Florian Post seine Partei einfach für sich neu erfunden. SPD heißt für ihn jetzt Selbständig Politisch Denken, die offizielle Bedeutung des Kürzels verbindet er zu sehr mit den von ihm so verabscheuten "Funktionären". Die wollten ihn loswerden, haben ihm mit einer Intrige seinen verdienten sicheren Platz auf der Liste für den Wiedereinzug in den Bundestag genommen, so sieht er das. Natürlich hat er sich das nicht gefallen lassen, nun sitzt der 40 Jahre alte Abgeordnete im Türkenhof in seinem Wahlkreis als Einzelkämpfer vor seinem Feierabendbier und erklärt, wie er das Mandat im Münchner Norden direkt und alleine gewinnen will.

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Schnell merkt man, dass Post nicht nur die Aussicht auf eine politische Zukunft im Wahlkampf motiviert, sondern auch die Chance, ein paar führenden Sozialdemokraten kräftig heimzuleuchten. Bei einem Sieg von ihm "würde sich die CSU nicht so ärgern wie das SPD-Establishment", davon ist er überzeugt. Seine Plakate, seine Kampagne und auch sein politisches Denken sind fast nur noch auf ihn selbst zugeschnitten, die SPD kommt vor, nicht aber so, dass irgend jemand meinen könnte, man müsste ihr die Zweitstimme geben.

Post sieht sich als "Klartexter", der unbequeme Wahrheiten ausspricht, er fühlt sich als Volkes Stimme, die seine Partei seiner Meinung nach längst nicht mehr hört. "Nicht die Summe der Politik für Minderheiten ergibt eine Mehrheit, sondern eine Politik für die Mehrheit schafft die Akzeptanz, dass man den Blick für Minderheiten weiten kann", sagt Post gerne. Die Diskussion um Gendersternchen in der Sprache ist für ihn zum Beispiel "Gendergaga", als "ob das die Sorgen der Menschen wären".

Am Eingang ins Wirtshaus grüßen ein paar Bekannte und fragen, ob er sich kurz dazusetzen möchte. Das macht er später, er nimmt sich die Zeit, mit Leuten zu reden, das erkennen selbst seine Gegner an. Post zog als Angestellter der Münchner Stadtwerke 2013 im Münchner Norden erstmals über die SPD-Liste in den Bundestag ein. Seine politische Heimat, die Ortsvereine, pflegt er erfolgreich, die Delegierten kürten ihn für diese Wahl mit deutlicher Mehrheit zu ihrem Kandidaten. Und in Berlin, sagt Post über sich selbst, habe er in den acht Jahren "meine Pflöcke eingeschlagen". Mit diesen hat er zielsicher den Nerv seiner eigenen Partei getroffen, weshalb er in manchen Medien fast respektvoll "Partei-Rebell" genannt wird. Für Post ein Kompliment.

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Selbständig Politisch Denken bedeutet für ihn: raus mit der eigenen Meinung, ohne Rücksicht auf Verluste. Egal, ob er die selbst erleidet oder seine Partei. Oder beide. Zwischentöne liegen ihm nicht. Ein paar Beispiele: Die Weltfirma Adidas benahm sich nicht nur aus Sicht von Post in der Coronakrise daneben. Viele kritisierten das, Post verbrannte ein T-Shirt der Marke und verschickte das Filmchen in den sozialen Medien. Als seine Fraktion und die Union den damaligen umstrittenen Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, lieber zum Staatssekretär befördern als entlassen wollten, fragte sich Post öffentlich, was "die denn bei ihrer Krisensitzung gesoffen" hätten.

Im Wahlkampf macht Post mit der Bild-Zeitung eng an der Seite sehr laut gegen die lärmenden und röhrenden Autoposer-Szene am Odeonsplatz und in der Ludwigstraße mobil. "Es handelt sich dabei oftmals um junge Männer mit Migrationshintergrund. Aber das darf man ja nicht sagen - ich will es aber nicht verschweigen", lässt sich Post zitieren. "Es hat sich eine Parallelgesellschaft entwickelt. Zu späterer Stunde fühlt man sich derzeit an vielen Plätzen in München nicht mehr sicher." Viele Sozialdemokraten in München dürften dabei eine AfD-Horror-Gänsehaut bekommen und vor Wut und Scham in ihre Tischplatten gebissen haben. Öffentlich halten sie sich zurück, um dem Problem mit Post und dessen Ego nicht noch mehr Raum zu geben.

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Post hat aber die erstaunliche Eigenschaft, solche Debatten um ihn zumindest nach außen hin an sich abtropfen lassen zu können. Er weiß seine beiden prominenten Parteifreunde, Alt-OB Christian Ude und Ex-Parteichef Sigmar Gabriel an der Seite, das tut ihm spürbar gut. Während des Gesprächs trudelt passend eine Textnachricht von Gabriel herein, er fragt nach, wie der Wahlkampf so läuft. Zum Ärger mit den Genossen habe ihm Gabriel als Trost seine eigene Erfahrung mit den Sozialdemokraten mitgegeben: "Die sind halt so." Post bezieht das ausdrücklich auf die "Funktionäre", mit der Basis komme er gut zurecht, betont er.

Gerade in der schwierigsten Phase seiner politischen Karriere hat ihn aber ein glückliches Ereignis das Leben neu betrachten lassen. Im vergangenen Jahr hat er geheiratet, im Juni nun hat er Zwillinge bekommen. Wenn er die Töchter in der Hand halte, dann "ist das alles vergessen", sagt er. "Ich nehme das lockerer." Doch wer glaubt oder hofft - je nach Perspektive - dass Post damit auch leiser wird, der wird sich wohl täuschen. Das Wahlkampf-Solo, das ihm von seiner Partei "aufgezwungen" worden sei, wird er in der ihm eigenen Art durchziehen, bis zum 26. September. Dabei wird er sich und schon gar nicht seine Partei schonen.

Im Bundestag habe sie ihm, der bei 95 Prozent der Abstimmungen auf Parteilinie gelegen habe, als Strafe für die restlichen fünf Prozent seinen Sitz im Wirtschaftsausschuss genommen, sagt Post. In München jeden Rückhalt und jede Unterstützung bei der zweiten Wiederwahl. Nun könne sie ihm nicht mehr drohen, sagt Post. "Ich habe nichts mehr, was sie mir wegnehmen können." Er fühle sich dadurch auch "ein Stück weit befreit". Das dürfte für manche SPD-Kollegen wiederum wie eine Drohung klingen.

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© SZ vom 11.08.2021/wean