Bundestagskandidaten im Porträt:Mit Stethoskop und Sisu

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Bundestagswahl 2021

Gern im Grünen: Seija Knorr-Köning kämpft allerdings für eine andere Farbe um das Direktmandat in München-West/Mitte.

(Foto: Friedrich Bungert)

Seija Knorr-Köning gehört zu den Jüngsten, die sich in München um einen Sitz im Bundestag bewerben. Die 27-jährige SPD-Politikerin und Krankenschwester sagt: "Die Stadt ruht auf den Schultern derjenigen, die wenig verdienen" - und spricht dabei aus Erfahrung.

Von Joachim Mölter

Seija Knorr-Köning freut sich wie ein Kind, wenn sie in einen der moderneren U-Bahnhöfen einfährt, einen mit Bildschirmen an den Wänden. "Das Gehäuse für den Beamerkasten hat mein Papa konstruiert", sagt sie stolz. Ihr Vater hat auch sie geformt, erzählt die Bundestagskandidatin der SPD im Wahlbezirk West/Mitte: Er hat ihr politisches Bewusstsein geschärft. Gelernter Schlosser, Gewerkschafter, lange SPD-Sympathisant - "und repräsentativ für viele Wähler, die wir verloren haben", wie sie sagt. Wähler, die ihrerseits den Glauben verloren haben, dass die SPD noch vernünftige Sozialpolitik macht. Die will Knorr-Köning zurückgewinnen. "Ich bin gefeit am Wahlstand", sagt sie: "Ich hab' das Thema mit meinem Vater schon hoch und runter diskutiert."

In der SPD musste Seija Knorr-Köning nicht viel reden, als es um die Kandidatur im Bundeswahlkreis 221 ging. Ihr Vorgänger Bernhard Goodwin ließ ihr den Vortritt, im Februar wurde sie mit 58 von 63 Delegiertenstimmen gekürt. Mit 27 Jahren gehört sie nun zu den Jüngsten, die sich in München um einen Platz im Bundestag bewerben. Im Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg sitzt sie schon seit Mai 2020, ihrem Alter entsprechend als Jugendbeauftragte. Sie hat mitgewirkt, den Beginn der Südlichen Auffahrtsallee in eine Sommerstraße zu verwandeln, auf der sich abends und an Wochenenden ein junges Publikum tummelte. Kein Wunder, dass sie als Treffpunkt die Gerner Brücke vorschlägt. Die passt auch zu dem, was ältere Parteigenossen über sie berichten: geradlinig, ein Fernziel im Blick. Und damit meinen sie nicht nur das anderthalb Kilometer von der Brücke entfernte Schloss.

Seija Knorr-Köning erklärt, sie sei halt ein Landkind, aufgewachsen in Illertissen, gerade noch in Bayern. "Ich finde es schön, dass man hier schnell wieder im Grünen steht", sagt sie. Auffahrtsallee, Nymphenburger Schlosspark, Hirschgarten - alles in ihrer Nähe. "Das ist meine Hood", bezeichnet sie jugendgerecht ihre Nachbarschaft, ihr Viertel. Dort fühlt sie sich mitten in ihrem Element: Im Umkreis von 500 Metern befinden sich fünf Krankenhäuser, nur nicht das, in dem sie arbeitet - im Rechts der Isar. In Ulm ist sie einst zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ausgebildet worden, in dieser Hinsicht hat ihre Mutter sie geprägt: Die war Radiologie-Assistentin und hat sich später als Hausfrau nicht nur um vier Kinder, sondern vor allem um die Oma gekümmert. Knorr-Köning fasst ihren Beruf als "Krankenschwester" zusammen, als solche wirbt sie auf Plakaten und Broschüren auch um Stimmen.

Nicht alle Parteigenossen hielten es für eine gute Idee, dass sie sich für die Fotos ein Stethoskop umgehängt hat; einige fanden das hochstaplerisch. Aber aus dem Kollegenkreis der Pflegekräfte war die Resonanz positiv, sagt sie: "Die finden es super, dass eine sich traut, für unsere Arbeits- und Lebensrealität einzustehen."

Klar, dass sie sich speziell in dieser Hinsicht einbringen will. "Ich möchte unbedingt in den Gesundheitsausschuss", sagt sie bei Cappuccino und Croissant in einer kleinen Bäckerei. Sie ist für eine einheitliche Krankenversicherung, in die alle einzahlen, und die Novellierung des Pflegeberufegesetzes mag sie auch nicht von oben und außen gestalten lassen: "Ich möchte, dass Leute daran beteiligt sind und ihre Forderungen aufstellen, die das auch betrifft." Dass die Helfer im Gesundheitswesen zu Beginn der Corona-Pandemie Beifall bekommen haben für ihre Arbeit, hat sie damals geärgert. "Inzwischen kann ich akzeptieren, dass es eine lieb gemeinte Geste ist", sagt sie, wiederholt aber, was sie schon oft gesagt hat: "Vom Klatschen allein wird man nicht satt. Und von den Prämien, die es gegeben hat, kann man nicht mal ein Lastenfahrrad anzahlen."

Ein anderer Ausschuss, der sie zur Mitarbeit reizen würde: "Frauen, Familien und Gedöns", wie sie etwas spöttisch das Gremium nennt, das sich offiziell mit "Familie, Senioren, Frauen und Jugend" beschäftigt. "Man könnte auch sagen: Alles, außer Männer im erwerbsfähigen Alter", findet sie.

Beim Spaziergang durch ihr Viertel weist Seija Knorr-Köning auf die Nibelungenstraße hin, die es durchschneidet. "Da gibt es das größte Mietgefälle in München", sagt sie: "Auf der einen Seite Mietshäuser der städtischen Gewofag, auf der anderen eine Villensiedlung." Auch ihr Familienleben bewegt sich derzeit auf einem Grat. Ihr Mann Christian hat sein Beamtenverhältnis ruhen lassen, seit er für die SPD im Stadtrat sitzt, und schreibt seine Doktorarbeit. Sie selbst hat nach der Geburt ihres Sohnes bald wieder halbtags gearbeitet; seit Juli und noch bis Ende Oktober ist sie ganz in Elternzeit. "Ich weiß, dass ich relativ schnell in ein Abhängigkeitsverhältnis vom Staat kommen könnte." Wenn sie über Sozialpolitik spricht, wenn sie sagt, "die Stadt ruht auf den Schultern derjenigen, die wenig verdienen", dann tut sie das aus eigener Erfahrung.

Ihre Chancen für den Bundestag hält sie für größer als allgemein eingeschätzt: "Ich habe gemerkt, dass die Stimmung mir gegenüber besser ist als es die Umfragen suggerieren." 2017 hat die Bayern-SPD 18 Abgeordnete über die Landesliste nach Berlin geschickt; als Neuling steht Knorr-Köning nun auf Platz 32. Für den Bundestag muss sie das Direktmandat erobern, sie greift offensiv an: In ihren Flyern umwirbt sie die links orientierten Wähler damit, dass Grüne- und Linke-Kandidaten ihren Platz im Bundestag über die Landesliste sicher haben. Wenn noch jemand den Münchner Westen in Berlin vertreten soll, kann das nur sie sein und nur mit der Erststimme.

Seija Knorr-Köning macht schon seit Monaten Wahlkampf, nicht statisch an Infoständen und in Lokalen, sondern mobil. Morgens verteilt sie ihre Flyer an S-Bahnhöfen, abends zieht sie um die Häuser und klingelt an den Türen, sie spaziert durch die Viertel, radelt entlang der Bahngleise, immer mit einer Gefolgschaft im Schlepp. "Bei den Jusos habe ich gelernt, im Team zu arbeiten", sagt sie. Sie sieht sich in einer "extrem komfortablen Ausgangsposition: Ich bin jetzt 27 und in vier Jahren immer noch sehr jung. Ich muss nicht jetzt sofort in den Bundestag. Ich arbeit gern, und mache auch gern noch weiter".

Wer sich wundert, woher ihr Vorname kommt: aus dem Finnischen. Auf der Hochzeitsreise lernten ihre Eltern ein Paar aus Skandinavien kennen, mit dem sie sich so gut verstanden, dass sie ihre erste Tochter nach der Frau benannten. Der Kontakt hält bis heute, und vielleicht hat Seija Knorr-Köning auf diesem Weg auch etwas von der Sisu mitbekommen, der legendären Mentalität, die man den Finnen nachsagt. Das Wort ist kaum zu übersetzen, mit Mumm, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen in schier aussichtslosen Situationen kommt man ihm aber recht nahe.

Seija Knorr-Köning im Video-Selbstporträt:

Die SZ hat die Münchner Direktkandidatinnen und Direktkandidaten für die Bundestagswahl gebeten, sich für ein Porträt selbst zu filmen. Alle Videos und weitere Kandidaten-Porträts finden sie hier.

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