Bundestagswahl:Bierdeckelweise Fragen an die Politik

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Briefwahlunterlagen

"Be A Voice, Not An Echo" ist das Motto des Vereins. Bei der Bundestagswahl hat jede Wählerin und jeder Wähler zwei Stimmen.

(Foto: dpa)

Der Verein "Demo" will junge Münchner zum Wählen mobilisieren und organisiert ein Treffen mit Kandidierenden von sechs Parteien. Herzen und braune Häufchen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Von Bernd Kastner

Los geht es mit einer "Kackfrage". Sorry, aber so ruft es jemand aus dem Publikum Richtung Bühne. Dort stehen sechs Menschen, die gerne in den Bundestag gewählt werden wollen. Sie sollen Fragen beantworten, indem sie sich zwei bemalten Papptellern annähern, die links und rechts der Bühne hochgehalten werden. Auf dem einen Teller Herzchen-Smileys, auf dem anderen ein brauner Haufen. Die erste Frage lautet, ob man nur durch Verbote die Klimakrise bewältigen könne. Alle gehen Richtung Haufen, also: nein.

Kann ja lustig werden, dieser Abend, aber gar so heiter geht es gar nicht weiter im Hexenhäusl am Kolumbusplatz. Locker ja, aber auch ernsthaft. Das ist das Konzept der Veranstalter beim Bierdeckel-Abend im Kulturcafé Gans Woanders. "Demo" heißt der parteiübergreifend arbeitende Verein. Er will Hürden abbauen, Politik und Jugend zusammenbringen, wobei Jugend dehnbar ist. Gegründet hat "Demo" Mareike Nieberding, im Hauptjob Redakteurin im SZ-Magazin. 2016 war das, als Reaktion auf Brexit, Trump-Wahl und wachsenden Nationalismus, getrieben von Sorge um die Demokratie.

Der Bierdeckel ist das wichtigste Requisit am Samstagabend. Nicht, um das Verfassen einer Steuererklärung zu üben, sondern um auf die Pappdinger Fragen zu schreiben. Die Demo-Aktiven sammeln die Deckel ein und sortieren sie. Kandidierende von sechs Parteien sind da, Freie Wähler, SPD, Grüne, FDP, CSU, Linke, alle recht jung. Moderator Alexander von Janowski bekommt pro Runde einen Deckelstapel gereicht, liest die Fragen vor, hakt hin und wieder nach. Jeweils zehn Minuten, dann der Schlussjingle.

Das Gesagte bleibt weitgehend auf Parteilinie, aber in Tonalität und Temperament unterscheiden sich die Leute auf der Bühne. Fast interessanter sind die Fragen: Was wollen die Jungen und Jüngeren wissen? Gefühlt dominieren soziale Gerechtigkeit und Klima, auffallend oft wird die Position zu Abtreibung und Cannabis abgefragt, Corona interessiert kaum. Die meisten Fragen sind bierdeckelkonform kurz und prägnant. Eine Diskussion entsteht nicht, so will es das Konzept. Und los.

FW-Frau Loraine Bender-Schwering bemüht sich um zielgruppengerechte Einsprengsel, ein bedingungsloses Grundeinkommen fände sie "ziemlich cool". Und was ist für dich - alle duzen sich - das größte gesellschaftliche Problem? "Egoismus." Bender-Schwering wirkt, als habe sie darüber schon hundertmal nachgedacht: jeder in seiner eigenen Blase, nicht gut.

Sebastian Roloff war mit "Staying alive" als Einlaufmusik auf die Bühne geholt worden, und ja, seine SPD ist wieder lebendig. Inlandsflüge verbieten? Nein, dafür die Bahn billiger machen. Warum die SPD bei Cannabis so rumeiert? "Frage ich mich auch." Beim Stichwort "Wohnen" sprudelt der Genosse: Atempause für die Mieter, Mietenbremse, Mietenddeckel. Dann Mietspiegel und "Berechnungsgrundlage", und dass man da was ändern müsse. Sperrige Worte für eine Bierdeckelantwort.

Der grüne Ami Lanzinger aus Erding hebt sich ab. Er spricht die jüngste Sprache, ist ziemlich tätowiert und non-binär; vor vier Jahren kandidierte er als Frau, vergangenes Jahr outete er sich, sein Pronomen ist "er". Geschlechtsidentität ist gar kein Thema an diesem Abend, es gibt keine Frage dazu. Zufall? Oder alles selbstverständlich? Alle preisen Elektromobilität, steht auf einem Bierdeckel: Wann denn endlich E-Longboards legalisiert würden. Lanzinger: "Es gibt E-Longboards?" Ein anderer Deckel beginnt mit "ganz ehrlich": Ob er auch mal bei Amazon bestelle. "Ja, heute im Zug", irgendwas für seinen Hund. Auf welchen Flug er verzichten würde? "Ich hab gar nicht so viel Geld, um mir einen Flug zu leisten."

Die meisten Fragen, ist vom Demo-Team zu hören, das die Bierdeckel einsammelt und sortiert, richten sich an den CSU-Mann. Ob Markus Stumpf Lust habe auf die erste Fraktionssitzung mit Hans-Georg Maaßen, den Ex-Verfassungsschützer und CDU-Rechtsaußen. Antwort: Sie beide seien Demokraten, also kein Problem. Dann eine Spitze gegen CSUler, die mit der Pandemie viel Geld gemacht haben: Wie können Maskendealgewinne vergesellschaftetet werden? Das sei Sache der Justiz, Geldstrafen kämen dem Staat zugute. Bist du Feminist? Äh. Kein Ja, kein klares Nein. Murren im Publikum. Stumpf wirkt nicht glücklich mit dem Bierdeckelformat.

Für wie viel Geld würdest du links wählen? Phil Hackemann zögert kurz, sagt dann, was man von einem FDP-Mann erwartet. "Für kein Geld der Welt." Innerdeutsche Flüge? Nicht verteufeln. Klima schützen ohne Verzicht? Keine Einschränkungen zu versprechen, wäre populistisch, sagt Hackemann. Aber auf den "zivilisatorischen Fortschritt", also Autos und Flugzeuge verzichten - nein!

Alle Kandidierenden bekommen freundlichen Applaus, nur einer kriegt ihn öfter und lauter: Kerem Schamberger, Kommunist und Kandidat der Linken. Er versteht mit den Bierdeckeln zu jonglieren, knackige Antworten kommen gut an. Wollt ihr regieren? Ja. Enteignen, für eine Autobahn oder Wohnraum? Für Wohnraum. Was zuerst, Nato-Austritt oder Vermögenssteuer? Erst die Steuer, dann die Nato, "mittelfristig". Warum die Linke so russlandnah sei. Schamberger weicht aus, münzt die Frage auf sich um: Er selbst sei ja gar nicht russlandnah, er finde Putin "genauso Scheiße" wie Biden. Damit schließt sich irgendwie der Kreis zur "Kackfrage" vom Anfang.

Der erste Bierdeckel-Abend in München endet mit einer Umfrage im Publikum: Wer ist schon entschieden? 62 Prozent wissen, wen sie wählen. Für die übrigen, und nicht nur für die, lohnt die Lektüre der Parteiprogramme. Hunderte Seiten lesen? "Demo" hat die Papiere ausgewertet und in Stichworten nebeneinandergestellt, von Klima über Migration bis "Sonst so", Titel: "Wer will was?" Die Antworten lassen sich runterladen auf demo-bewegt.de, oder dort bestellen, gedruckt, Din A5 groß. Es soll Mutmachen fürs Mitreden, passend zum Vereinsmotto: "Be A Voice, Not An Echo."

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