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Bundestagswahl 2021:Früher SPD-Dreikampf im Münchner Norden

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Plötzlich sind es zwei Kandidaten und eine Kandidatin für die SPD - lange vor der Bundestagswahl 2021: Philippa Sigl-Glöckner (links) und Bernhard Goodwin (rechts) fordern Florian Post heraus.

(Foto: Peljak, dpa, Jørgensen)

In der SPD wollen zwei Bewerber den Abgeordneten Florian Post herausfordern - ein Mann und eine Frau. Dass es nun drei Kandidaten gibt, überrascht die Münchner Genossen.

Nach der Kommunalwahl ist vor der Bundestagswahl, und die wirft im Münchner Norden zumindest bei der SPD schon ihre Schatten heraus. Denn der amtierende, über die Liste ins Parlament gekommene Bundestagsabgeordnete Florian Post muss sich nach aktuellem Stand gleich gegen zwei Herausforderer wehren: Bernhard Goodwin, der 2017 noch im Münchner Westen angetreten war, und Philippa Sigl-Glöckner, die als Büroleiterin im Bundesfinanzministerium arbeitet, durch die Gründung eines wirtschaftspolitischen Think-Tanks in Fachkreisen bekannt wurde und 2019 vom Magazin Forbes zu den 30 einflussreichsten Persönlichkeiten unter 30 Jahren im Bereich Finanzen gewählt wurde.

Beide Herausforderer haben ihre Bewerbungen bereits schriftlich eingereicht. Entscheiden werden die Delegierten der Partei coronabedingt allerdings wohl erst im Herbst - da die Abstimmung geheim ist, müssen alle persönlich anwesend sein. Die Bundestagswahl findet spätestens im Oktober 2021 statt. Für die Sozialdemokraten hat der Bundeswahlkreis München-Nord, der sich von der Maxvorstadt über Schwabing und Moosach bis nach Freimann, Feldmoching und zum Hasenbergl erstreckt, eine besondere Bedeutung: Dort wirkten schon Hans-Jochen Vogel und Peter Glotz. Posts Vorgänger Axel Berg errang drei Mal für die SPD das Direktmandat, bevor er 2009 dem CSU-Konkurrenten Johannes Singhammer unterlag, nicht mehr in den Bundestag kam und vor der nächsten Wahl 2013 in einer Kampfabstimmung die Kandidatur an den Newcomer Florian Post abgeben musste.

Für die Öffentlichkeit kam dieses Ergebnis damals überraschend. SPD-intern aber hatte es schon länger Murren gegeben, auf einigen von Bergs unkonventionellen Wahlplakaten war die SPD gar nicht aufgeführt gewesen. Einer der Hauptgründe für den Sturz des populären Politikers Berg war seine mangelnde Verwurzelung in der Parteibasis - Post hingegen ist in den SPD-Ortsvereinen präsent. Diesen Bonus könnte er auch diesmal wieder ausspielen. Der durchaus streitbare Abgeordnete, der sich intensiv für Sigmar Gabriel und gegen Andrea Nahles engagiert hatte, kann auf ein einstimmiges Votum seines SPD-Bundeswahlkreises pochen, der ihn bereits zur erneuten Kandidatur aufgefordert hat. In Parteikreisen gilt er als Favorit, allerdings gibt es durchaus auch Stimmen, die es gerne mit Sigl-Glöckner probieren würden.

Die gebürtige Münchnerin kann für ihre nunmehr 30 Lebensjahre auf eine durchaus schillernde Laufbahn zurückblicken. Sie hat in Oxford und London studiert, arbeitete anschließend in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, in London und Washington. In der liberianischen Kapitale Monrovia beriet sie die dortige Regierung bei ihren Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds. Sie will sich im Bundestag erklärtermaßen für eine solidarische Haushaltspolitik einsetzen - die Finanzen dem Primat der Sozialpolitik unterordnen. Dafür bestehe eigentlich ein gesellschaftlicher Konsens, so Sigl-Glöckner, nur sehe die Realität anders aus. "Wir müssen den Rahmen ändern, in dem wir alle denken." Die SPD müsse sich klar zu ihren sozialen und gesellschaftlichen Prioritäten bekennen.

Sigl-Glöckner, die in diversen wirtschafts- und finanzpolitischen Zirkeln ihrer Partei mitwirkt, kann auf eine prominente Ahnenreihe zurückblicken: Ferdinand von Miller, der Schöpfer der Bavaria, ist ebenso darunter wie Oskar von Miller, der Gründer des Deutschen Museums. Und der Architekt Johann Christoph Ottow, der an den Wohnvierteln Hasenbergl und Westkreuz mitgeplant hat.

87,8 km²

umfasst der Bundestagswahlkreis München-Nord - etwas mehr als ein Viertel des 310 Quadratkilometer großen Stadtgebiets, das in insgesamt vier Wahlkreise unterteilt ist. Zum Norden gehören Schwabing, die Maxvorstadt, Moosach, Feldmoching, das Hasenbergl und Freimann. Das Gebiet zählte zum Zeitpunkt der Bundestagswahl 2017 368 100 Einwohner, etwa so viele wie die Stadt Bochum in Nordrhein-Westfalen. Wahlberechtigt waren davon 226 436, die sich mit 32,2 Prozent der Erststimmen für Bernhard Loos (CSU) entschieden.

Post gilt inzwischen als erfahrener Bundespolitiker und kann auf sein Engagement für die Eindämmung von Rüstungsexporten, seine frühe Kritik am einstigen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, seine Mitarbeit am Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz wie auch seine Initiative für einen kommunalen Rettungsschirm in der Corona-Krise verweisen. Manchmal neigt er zu drastischen Aktionen: Als der Sportartikelhersteller Adidas ankündigte, während der Pandemie keine Miete für seine Geschäfte mehr zahlen zu wollen, verbrannte der einstige Stadtwerke-Mitarbeiter demonstrativ in einem Instagram-Video ein Shirt dieses Herstellers.

Alle drei Kandidaten betonen, dass Gegenkandidaturen ja Teil des politischen Wettbewerbs seien

Post hätte für die Münchner SPD den Vorteil, wohl auch über die Liste in den Bundestag zu kommen - angesichts der bundesweiten Schwäche der Sozialdemokraten gilt das Erringen eines Direktmandats parteiintern als eher aussichtsloses Unterfangen. Amtierende Abgeordnete aber haben bei der Listenaufstellung Vorrang und kommen so auf die besseren Plätze. Und eine Frau aus München ist für die auf Geschlechtergerechtigkeit angelegte Liste schon so gut wie gesetzt: Parteichefin Claudia Tausend kandidiert wohl wieder im Münchner Osten.

Dass mit Goodwin noch ein Dritter im Norden antritt, kam für die Genossen überraschend. Denn der 41-jährige Kommunikationswissenschaftler hatte es 2017 noch im Westen probiert und schließlich bei der Kommunalwahl im März erfolglos für den Bürgermeisterposten in Karlsfeld kandidiert (und angesichts der mangelnden Perspektive für ein politisches Bündnis schließlich auch seine Mandate in Gemeinderat und Kreistag abgelehnt). Dass er nun in Posts Revier gewechselt ist, begründet er mit der Kandidatur der Krankenschwester Seija Knorr-Köning im Westen, deren Chancen er nicht verschlechtern will. "Die SPD tut gut daran, mit mindestens zwei Frauen ins Rennen zu gehen."

Allerdings tritt mit Sigl-Glöckner im Norden ja ebenfalls eine Frau an - im vierten Bundestagswahlkreis, dem Münchner Süden, hat sich bisher niemand offiziell aus der Deckung gewagt. Goodwins Fokus liegt auf sozialer Gerechtigkeit, guter Arbeit und wissenschaftlichem Fortschritt. Alle drei Kandidaten betonen, dass Gegenkandidaturen ja Teil des politischen Wettbewerbs seien und sich nicht gegen jemanden richten. "Das ist kein Erbhof", sagt Post. "Man muss sich alle vier Jahre neu stellen."

Derzeit hat das Direktmandat im Münchner Norden der Unternehmer und CSU-Politiker Bernhard Loos inne, der bei der Wahl im September 2017 32,2 Prozent der Erststimmen erhielt. Post kam damals auf 26,0, die Grüne Doris Wagner auf 13,1 Prozent. Die CSU hatte auch in den anderen drei Münchner Wahlkreisen die Nase vorn: mit Wolfgang Stefinger (Osten), Michael Kuffer (Süden) und Stephan Pilsinger (Westen/Mitte).

© SZ vom 06.06.2020/lfr
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