Bundestagswahl 2021:Nur 146 Stimmen entscheiden das Rennen im Münchner Westen

Lesezeit: 5 min

Bundestagswahl 2021: Im MOC in München werden die Briefwahlunterlagen ausgezählt.

Im MOC in München werden die Briefwahlunterlagen ausgezählt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Stephan Pilsinger bezwingt dort Dieter Janecek um 0,1 Prozentpunkte. Im Süden der Stadt schafft die Kandidatin der Grünen einen historischen Sieg. Ein Überblick über die Ergebnisse in München.

Von Sebastian Krass, Heiner Effern, Anna Hoben und Philipp Crone

Ost: Wolfgang Stefinger (CSU)

Es gab nur einen Abgeordneten, der an diesem Abend früh Gewissheit hatte, dass er seinen Wahlkreis gewinnt. "Als 60 bis 65 Prozent der Stimmen ausgezählt waren, war ich mir ziemlich sicher, dann haben wir angefangen zu feiern", erzählt Wolfgang Stefinger am Telefon. Er sitzt in der Nachtkantine im Werksviertel. Dorthin hat er seine Unterstützerinnen und Unterstützer eingeladen, 120 seien es zur Spitzenzeit gewesen. Warum dieser Ort? "Weil er für ein aufstrebendes Viertel steht und damit zu München passt. Und weil ich früher selbst im Kunstpark Ost feiern war", erklärt Stefinger.

Der 36 Jahre alte Betriebswirt sitzt seit 2013 als direkt gewählter Abgeordneter aus dem Münchner Osten für die CSU im Bundestag. "Sein Wahlkreis ist der beste in München, aus CSU-Sicht", sagt Bezirkschef Georg Eisenreich. Mit 31,7 Prozent der Erststimmen (Stand 22.30 Uhr) verwies Stefinger die Grüne Vaniessa Rashid auf Platz zwei (22 Prozent), die damit aller Voraussicht nach den Einzug in den Bundestag verpasst. Die Münchner SPD-Vorsitzende und Wohnungspolitikerin Claudia Tausend kam mit 19,8 Prozent auf Rang drei, kommt aber über die Landesliste erneut nach Berlin.

Womit will Stefinger sich in seiner dritten Legislaturperiode im Bundestag beschäftigen? Die Fraktion müsse natürlich noch bestimmen, wer welche Themenfelder besetzt, sagt er, "aber ich würde gern weiter im Bereich der Entwicklungspolitik arbeiten". Auch Bildung und Forschung weiter zu besetzen, könne er sich vorstellen.

Nord: Bernhard Loos (CSU)

Bernhard Loos hat ganz fest daran geglaubt, sich selbst und seinen Helfern bis zuletzt noch Mut zugesprochen, viele Gespräche geführt an Haustüren und Infoständen - und nun hat er es tatsächlich geschafft. Trotz des schlechten Ergebnisses der Union hat er den Münchner Norden für die CSU geholt, der traditionell in seiner Partei als der schwierigste in München gilt.

"Ich bin happy, sowas muss gefeiert werden", sagt Loos am Telefon, als sein Sieg feststeht. Mit Freunden und Helfern hat er den Abend im Augustiner-Keller verbracht. "Wir haben sehr gefiebert, jede Minute auf den Bildschirm geschaut." Nur ein Auszählungsergebnis fehlt zu diesem Zeitpunkt noch, Loos liegt da mit 25,7 Prozent uneinholbar vorne, seine härteste Konkurrentin Doris Wagner von den Grünen steht bei 24,2 Prozent.

Loos glaubt, dass letztlich die vielen persönlichen Gespräche den Ausschlag gegeben haben. "Ich bin selbst alles abgelaufen." Die Zweitplatzierte Doris Wagner zittert lange auf der zentralen Wahlparty der Grünen in der Muffathalle mit. Immer wieder wechselt die Führung, noch bevor das Ergebnis feststeht, verabschiedet sie sich zu einem Treffen mit ihren Wahlhelfern im Stimmkreis.

Von seinen Unterstützern verabschiedet sich kurz danach auch der bisherige Bundestagsabgeordnete Florian Post von der SPD. "Ich geh' grad im Regen nach Hause", sagt er am Handy. Anfangs scheint er an diesem extrem knappen Wahlabend auch Chancen zu haben, den Wahlkreis zu gewinnen. Doch irgendwann verliert er den Anschluss. Seine Niederlage erkennt er dann auch schnell an und gratuliert Loos zum Sieg. "So ist Demokratie", sagt er. Für Post bedeutet das - zumindest vorerst - das Ende seiner politischen Karriere, da ihn die SPD auf der Landesliste nicht aussichtsreich positionieren wollte. Mit seinem Abschneiden ist er nicht unzufrieden, er hat seinen Wahlkampf nach dem Streit über die Listenaufstellung nur auf seine Person zugeschnitten. "Ich kann meinen Frieden damit machen", sagt er. Am Tag seiner Niederlage will er auch nicht gegen seine Partei nachtreten. "Ich habe keine zornigen Gedanken deswegen."

Süd: Jamila Schäfer (Grüne)

Um 22.15 Uhr sind im Münchner Süden 215 von 216 Gebieten ausgezählt. Mit 27,4 Prozent der Erststimmen liegt Jamila Schäfer (Grüne) vor Michael Kuffer (CSU), er kommt zu diesem Zeitpunkt auf 26,8 Prozent. Es war den ganzen Abend über ein sehr enges Rennen zwischen den beiden gewesen. Sie aktualisiere laufend die Webseite mit den Münchner Ergebnissen, sagt Schäfer um halb zehn am Telefon - es sehe nun "ganz grün aus. Viele wünschen sich einen Wechsel, und jetzt schauen wir mal, ob es reicht". Es sollte am Ende reichen.

Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen ist an diesem Abend in Berlin, nicht bei der Wahlparty der Münchner Grünen in der Muffathalle. Die 28-jährige Schäfer will erst einmal das bundesweite Ergebnis der Grünen kommentieren, es sei das "allerbeste Ergebnis", das ihre Partei jemals geholt habe. Trotz mancher Rückschläge im Wahlkampf habe es sich gelohnt, "um jede Stimme zu kämpfen". Dass sie ihren Wahlkreis gewinnt, der so lange fest in CSU-Hand war, das sei "ein krasser Auftrag und eine große Ehre für mich"

Eine direkt gewählte grüne Bundestagsabgeordnete im traditionell schwarzen Münchner Süden, das erste grüne Direktmandat in Bayern - es ist eine kleine Sensation. Viele Wählerinnen und Wähler hätten sich offenbar von der CSU abgewandt, sagt Schäfer, "wegen der Antworten, die sie gegeben oder nicht gegeben hat". Viele Menschen wünschten sich "eine progressivere Politik", ob es um das Klima gehe oder um Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Michael Kuffer drückt sich schon deutlich früher an diesem Sonntagabend klar aus: "Ich gehe davon aus, dass es gelaufen ist", sagt er bereits um 21.40 Uhr. Der Abstand zwischen ihm und Schäfer liege bei etwa 1000 Stimmen, sagt er zu diesem Zeitpunkt - er gehe davon aus, dass sich das auch nicht mehr ändere. "Ich habe Jamila Schäfer schon angerufen und ihr gratuliert", sagt er.

Man müsse sich nun in Ruhe anschauen, woran es gelegen habe, sagt der CSU-Kandidat. Ein Grund aber dürfte sein, dass der Direktkandidat der SPD, Sebastian Roloff, "überdurchschnittlich schwach" abgeschnitten habe - davon habe dann die grüne Kandidatin profitiert. "Wenn man so leidenschaftlich Politik macht wie ich, ist das natürlich traurig", sagt der 49-jährige Kuffer. "Aber das Leben geht weiter, es hängt nicht von einer verlorenen Wahl ab."

West: Stephan Pilsinger (CSU)

Das Finale an diesem Wahlabend könnte nicht spannender sein. Dieter Janecek von den Grünen hat lange Zeit knapp geführt in seinem Wahlkreis, in dem es zwischenzeitlich schon einmal so aussah, als sei er da nicht zu schlagen. Aber als es um kurz nach halb zehn am Sonntagabend blitzt und donnert, sitzt er im Backstage an der Friedenheimer Brücke und sagt: "Das ist dann schon bitter."

Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt, aber Stephan Pilsinger von der CSU liegt um 0,4 Prozentpunkte vorne. Janecek steht auf und geht durch die Reihen der Unterstützer und Wahlhelfer. Er sagt: "Ich hole mir jetzt ein Bier."

Zu Beginn lag im Wahlkreis München West/Mitte auch Seija Knorr-König von der SPD mit im Rennen, ehe die Auszählung zu einem Zweikampf zwischen Pilsinger und Janecek wurde. Der Kandidat der Grünen erlebte dabei wohl den turbulentesten Abend.

Zunächst kam er mit mittelmäßiger Stimmung bei der Wahlparty der Münchner Grünen in der Muffathalle an. Der allgemeine Trend der Grünen im Bund machte ihm wenig Hoffnung. Doch nach dem Farbenspiel, von dem sich die Discokugel im Backstage eine Scheibe abschneiden könnte, lag er lange Zeit immer wieder vorne.

Ganz anders als die Kandidatin der SPD. Knorr-Köning (SPD) liegt beim Rennen um das Direktmandat am Ende abgeschlagen auf dem dritten Platz. Über die Landesliste ist sie nicht abgesichert. "Ich freue mich wahnsinnig, Teil eines so tollen SPD-Ergebnisses zu sein", sagt sie. "Das erlebt zu haben, diese positive Stimmung, ist unglaublich schön." Natürlich sei sie aber auch "ein Stück weit enttäuscht, weil wir einen so engagierten Wahlkampf gemacht haben". Und noch etwas mische sich an diesem Abend in die Gefühle: ein bisschen Erleichterung. Denn sie wird ihren Sohn, er ist 13 Monate alt, nun wohl intensiver aufwachsen sehen. "Ich freue mich, dass ich dabei sein kann, wenn er seine ersten Schritte macht."

Am Ende gewinnt CSU-Kandidat Pilsinger dann ganz knapp - mit 146 Stimmen Vorsprung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB