Süddeutsche Zeitung

Christine Strobl:"Mit Selbstinszenierung habe ich ein Problem"

Christine Strobl ist niemand für die große Show, sie bleibt aus Überzeugung im Hintergrund. Nun hat die frühere SPD-Bürgermeisterin ihre Karriere beendet - selbstbestimmt und ruhiger als gedacht.

Von Dominik Hutter

Am Schluss war auf einmal alles anders. Kaum noch Termine, dafür freie Abende und tagsüber viel Zeit im Büro. "Das hatte ich mir anders vorgestellt", sagt Christine Strobl über ihre letzten Tage als Bürgermeisterin. Corona hat für einen sanften Übergang in den Ruhestand gesorgt - dafür aber auch sämtliche Abschiedszeremonien, die eigentlich angebracht gewesen wären, verhindert. Oben im zweiten Stock des Rathauses am Marienplatz, an der Ecke zur Dienerstraße, hat sie 14 Jahre lang gearbeitet. Zuerst als Zweite Bürgermeisterin in einer rot-grünen Koalition mit Christian Ude als Oberbürgermeister. Dann, als die SPD unter Dieter Reiter mit der CSU ein Bündnis einging, verloren die Sozialdemokraten den Zugriff auf die Position zwei und Strobl wurde Dritte Bürgermeisterin.

Das wäre sie wohl jetzt auch noch, wenn sie sich nicht entschieden hätte, bei der Wahl 2020 nicht mehr anzutreten. "Es war Raubbau", sagt die SPD-Politikerin über den eigenen Einsatz der vergangenen Jahre. Dazu kommt der Eindruck, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um selbstbestimmt abzutreten. Ein solcher Job mache ja auch etwas mit einem. Bei Strobl kommen gesundheitliche Probleme dazu, sie hatte 2009 eine Krebsoperation und musste lange Zeit Medikamente nehmen. Nun freut sich die 59-Jährige, auch einmal intensiv einen 1000-Seiten-Wälzer lesen zu können. Sich der hochbetagten Mutter zu widmen. Einfach Zeit zu haben.

Bei Parteitagen werden die Genossen "ihre" Christine wohl vermissen. Am Applaus nach ihren Reden und den Kommentaren dazu war immer wieder zu merken: Die SPD-Basis liebt Strobl. Auch wenn die gebürtige Münchnerin durchaus knatschig sein kann, wenn ihr etwas nicht passt, und sie es als Nummer zwei der Rathaus-Sozialdemokratie immer schwer hatte, in der Öffentlichkeit durchzudringen. SPD-Bürgermeisterin unter einem SPD-Oberbürgermeister, da steht man immer ein wenig im Schatten des Bosses. Andererseits: Der spektakuläre Auftritt, das lautstarke Streben ins Rampenlicht, war ohnehin noch nie Strobls Sache. "Mit Selbstinszenierung habe ich ein Problem."

Und so hat die verwitwete Mutter zweier Kinder in ihrer Amtszeit zahllose Termine wahrgenommen, von denen die Öffentlichkeit gar nichts mitbekommen hat. Sie hat Essen für die Münchner Tafel verteilt, sich im Hintergrund um soziale Probleme bemüht. Und nicht in den sozialen Medien jeden Schritt ihres Privat- und Berufslebens ausgebreitet. Sie weiß, dass dies für eine Politikerin angesichts der weit verbreiteten Fixierung auf die Dauer-Show im Internet ein Fehler sein kann. Aber sie hasst den Schnellschuss. "Wenn ich bestimmte Dinge verändern will, muss ich erst genau wissen, worum es geht."

Weshalb sie sich immer wieder in ihr Büro zurückgezogen hat, um Stadtratsvorlagen zu studieren. Es reiche nicht, "nur nett in die Menge zu winken", sondern man müsse sich als Bürgermeisterin eben auch der Schreibtischarbeit widmen. Ganz unbemerkt. Unspektakulär. Langweilig für die an schnellen und lustigen Effekten interessierte Smartphone-Gemeinde.

Strobl bereitet es Sorge, wie sehr Politik inzwischen nach dem öffentlichen Auftritt giert, wie sie immer mehr zur Inszenierung mutiert. Politik sei vor allem auch Kärrnerarbeit. Echte politische Gestaltung sei wichtiger als ein paar Katzenfotos, die dann von vielen "geliket" werden.

Strobl ist nach dem SPD-Bundesparteitag 1982 der SPD beigetreten. Der fand damals in der Olympiahalle statt, und die studierte Politikwissenschaftlerin stellte sich eigentlich eine Rolle als Ordnerin (und damit auch Beobachterin) vor. Tatsächlich musste sie dann abseits in den Katakomben sitzen und darauf achten, dass nichts Ungutes passiert rund ums Zimmer des damaligen SPD-Superstars: Bundeskanzler Helmut Schmidt. Strobl wollte sich engagieren, weil sie, selbst aus einem bildungsfernen Elternhaus stammend, der SPD ihre Bildungspolitik positiv anrechnete. In Schule und Gymnasium sei ihr nicht entgangen, "dass es da Unterschiede gibt" zwischen den einzelnen Schichten.

Zwischen 1985 und 1987 war Strobl Münchner Juso-Vorsitzende. In den Stadtrat kam sie erstmals 1990, damals noch mit einem anderen Politik-Portfolio als in ihrer Bürgermeisterinnenzeit. Sie beschäftigte sich mit Umwelt- und Verkehrsthemen, war Sprecherin im Verwaltungs- und Personalausschuss. 2002 wurde sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Chef der Fraktion war Helmut Schmid, der nun zeitgleich mit Strobl ausgeschieden ist.

Der Politikbereich, für den sie später stand, die Sozial-, Bildungs-, Sport- und Jugendthemen - "typische Frauenthemen", wie sie selbst anmerkt - kam erst später dazu: Als Strobl 2005 als geradezu natürliche Nachfolgerin der Zweiten Bürgermeisterin Gertraud Burkert (SPD) deren Rathaus-Job übernahm. Damals bestand das rot-grüne Rathausbündnis bereits 15 Jahre lang, und Strobl schätzte die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Was nicht heißt, dass es nach 2014 mit der CSU schlecht gelaufen wäre. Eigentlich habe es im Umgang mit Sozialinitiativen und auch Flüchtlingen kaum Reibereien mit den Konservativen gegeben. Die CSU habe sich eben auch verändert im Laufe der Zeit, mit der Partei von 1990 hätte sie sich ein solches Bündnis nicht vorstellen können. Damals schossen die Christsozialen noch aus allen Rohren auf unliebsame Initiativen.

Frauenpolitik zählt Strobl zu ihren wichtigsten Aufgaben. "Das hat mich durch die Bank begleitet." Tatsächlich habe sich sehr vieles zum Guten verändert, in der städtischen Personalpolitik beispielsweise und auch im Umgang miteinander. Chauvinistische Sprüche seien nicht mehr gesellschaftsfähig, und Frauen hätten es inzwischen viel leichter, Rathauspolitik und Kinder unter einen Hut zu bringen. Allerdings sieht sie noch viele ausstehende Aufgaben: bei Gewalt gegen Frauen etwa, prekären Beschäftigungsverhältnissen und problematischen Dauer-Teilzeitkarrieren.

Zufrieden ist Strobl im Rückblick vor allem mit der Schulbauoffensve und dem Ausbau der Kinderbetreuung. Zudem habe man im Interesse der Münchner viele Grundstücke in städtischer Hand behalten können. Weniger glücklich ist sie, dass die Stadt auf den Kauf der Siedlung Ludwigsfeld verzichtet hat. Und dass es nichts geworden ist mit dem Museum für die Olympischen Spiele 1972.

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Quelle:
SZ vom 20.05.2020
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