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60. Bücherschau:Blättern, lesen, Unbekanntes entdecken

Trotz des Trubels und der vielen Besucher finden sich bei der Bücherschau auch ruhige Plätze zum Lesen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Gasteig stellen Verlage rund 20 000 Bestseller und Neuerscheinungen aus - vom Yogahotel-Bildband bis zum Fantasyschmöker. Kaufen kann man die Werke allerdings nicht.

Die beiden älteren Herren kleben mit ihren Nasen fast an der Landkarte und fragen sich gegenseitig ab: "Siehst du das Siebengebirge?", will der eine vom anderen wissen, der umgehend auf einen hellbraunen Streifen auf der Karte deutet. Und schon erzählen sich die beiden von ihren Erlebnissen. Deutschland hängt hier an der Backsteinwand im Gasteig, daneben Europa und die Welt, plastifiziert und anschaulich. Karten wie diese sind ein kleines Schmankerl im großen Angebot der 60. Münchner Bücherschau. Denn Karten sind schließlich auch Druckerzeugnisse, so wie die gut 20 000 Neuerscheinungen und Bestseller der 300 Verlage aus dem deutschsprachigen Raum, die hier ausgestellt sind.

Die meisten Besucher kommen hierher, um in Bildbänden zu blättern, Romane anzulesen, vor allem aber für sie bislang Unbekanntes zu entdecken. Im vergangenen Jahr waren es gut 160 000 Besucher, davon 8000 Kinder. Manche kommen gezielt zu der 18-tägigen Bücherschau, weil sie damit groß geworden sind. Andere nutzen die Pause während eines Konzerts in der Philharmonie oder lassen sich danach mit Melodien im Kopf auf eine Lesereise ein.

Gerade auf Reisen ist eine 22-jährige Studentin aus Brüssel. Sie staunt über das Cocktail-Buch zu einer ihrer Lieblingsserien: Downton Abbey. "Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt", sagt sie und lacht. Sie ist zu Besuch bei Freunden in München und begeistert von dem kostenlosen Angebot im Gasteig. Auch der reich bebilderte Band über die schönsten Yogahotels hat es ihr angetan. Die könne sie sich zwar nicht leisten, meint sie. Aber davon träumen.

Träumen und lesen, Autoren und Bekannte treffen, sich mit einem Buch zurückziehen oder sich selbst ausprobieren: Es gibt viele gute Gründe hierher zu kommen an einem so grauen Samstagnachmittag wie diesem. 15 Stunden haptisches Schmökervergnügen, von acht Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht, das lässt keine Buchhandlung und auch nicht die Stadtbibliothek im Gasteig zu. Die hat zwar am Samstag ebenfalls geöffnet, verriegelt aber ihre Türen um 16 Uhr. Um diese Zeit geht die Lesung mit der Jugendbuchautorin Marah Woolf im Kleinen Konzertsaal auch schon ihrem Ende zu. Die deutsche Bestsellerautorin las aus ihrem Fantasyroman "Tausend Mal schon", der in finstere Welten von Seelenjägern führt.

Erwerben können Leser und Zuhörer die ausgestellten Schmöker im Gasteig eigentlich nicht, denn die Bücherschau ist keine Verkaufsmesse. Dabei würde man sich das immer dann wünschen, wenn einem ein Buch ganz besonders ans Herz gewachsen ist. Statt kaufen aber steht wünschen hier im Vordergrund, was wohl für die angenehm unkommerzielle Atmosphäre sorgt. Zu den Lesungen jedoch sind Händler geladen, die das jeweilige Buch verkaufen, damit es zum Signieren vorgelegt werden kann.

Großen Zulauf hatten bereits am Freitagnachmittag die Zwillinge Heiko und Roman Lochmann, bekannt als die Lochis. Für solche Jugendattraktionen im Carl-Orff-Saal gehen mehrere Hundert Eintrittskarten über den Tisch. Und auch für die "100 besten" Kinder- und Jugendbücher, vorgestellt von Roswitha Budeus-Budde, Hilde Elisabeth Menzel und Ulrike Schultheis, standen Eltern und Pädagogen geduldig an, bis sie am Samstag kurz vor 18 Uhr eingelassen wurden. Aber es sind auch kleine Veranstaltungen wie die dreistündige Schreibwerkstatt für Kinder, die den Charme der Bücherschau ausmachen. 13 potenzielle Nachwuchsautoren nahmen daran teil. Die Literaturwissenschaftler Ludwig Bader und Bettina Neu vom Verein Kultur und Spielraum waren begeistert von ihnen. "Uns hat echt überrascht, wie gut die jungen Leute waren", sagt Bader. Viele kamen schon mit fertigen Texten, die sie in der Runde vorlasen und dafür Feedback bekamen.

Der Gasteig ist für die Bücherschau, die im Rahmen Literaturfests stattfindet, ein geradezu idealer Ort. Wer sich mit einem Buch zurückziehen mag, findet immer eine Ecke, in der es nicht laut und trubelig ist. Wer sehen und gesehen werden will, der bleibt an den Ständen der Verlage stehen und blättert dort.

Noch bis Sonntag, 1. Dezember, Programminformationen unter www.muenchner-buecherschau.de

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