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Trendsport in München:"Wer laufen kann, kann bei uns auch bouldern"

Beim Bouldern geht es zwar nicht allzu hoch hinaus - maximal fünf Meter - für akrobatische Verrenkungen reicht das aber aus.

(Foto: Claus Schunk)

Verstellbare Wände, zwölf Routenschrauber und viel Licht: Am Wochenende eröffnet eine dritte Boulderwelt - zumindest für zwei Tage.

Von Vivien Timmler

Es ist alles bereit. Die letzten Routen sind eingeschraubt, die Sitzecken hergerichtet, die Kaffeebohnen eingefüllt. Was bleibt, ist nur wenige Tage vor der Eröffnung der "Boulderwelt Süd" die Vorfreude - und die Unsicherheit. Unsicherheit, weil die nun schon dritte Münchner Halle der Boulder-Pioniere Markus Grünebach und Dave Cato am kommenden Samstag zwar wohl eröffnen wird, gleichzeitig aber bis zuletzt unklar war, für wie lange. Zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten am Mittwoch beschlossen, Freizeiteinrichtungen ab dem 2. November zu schließen. Das soll auch für den Freizeit- und Amateursportbetrieb gelten, Individualsport soll jedoch ausgenommen sein.

Bis zuletzt hatten Grünebach und Cato gehofft, vielleicht ja doch unter Letzteres zu fallen. Am späten Mittwochabend war dann jedoch klar: Auch die Boulderwelten müssen ab kommendem Montag schließen. Eine Verschiebung der Eröffnung kommt für die Gründer trotzdem nicht infrage, sie wollen die Halle auch für nur zwei Tage öffnen. Schließlich wäre es ein bitteres Déjà-vu: Vor etwas mehr als einem Jahr mussten die beiden bereits die Eröffnung der modernisierten "Boulderwelt Ost" absagen, und das gleich zwei Mal. Dieses Mal, so heißt es, soll zumindest zum Start nichts dazwischenkommen.

Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass in München mitten in der zweiten Corona-Welle überhaupt eine dritte Boulderwelt eröffnet. Für die meisten Betreiber solcher Hallen in Deutschland waren die vergangenen Monate extrem hart. Zwar konnten sie mit eingeschränktem Betrieb wieder öffnen. Die Rücklagen, die einmal für einen Ausbau, eine Renovierung oder eine Expansion gedacht waren, sind nach den Schließungen im Frühjahr aber fast überall aufgebraucht.

Ganz so hart traf es die Boulderwelt-Gründer nicht. Zwar sackte auch bei ihnen im April der Umsatz nahezu auf null und liegt auch jetzt noch ein gutes Drittel unter dem Normalbetrieb vor der Corona-Krise. Da sie sich jahrelang aber kaum Gewinne ausgeschüttet hätten, sei ein ordentliches Polster da. "Wir gehen auch nicht pleite, wenn die Krise noch ein Jahr dauert", sagt Grünebach. In diesen Zeiten eine neue Halle zu eröffnen, mit der Investitionen im siebenstelligen Bereich einhergehen, wirkt auf den ersten Blick auch für den größten Boulderhallenbetreiber Deutschlands gewagt. Tatsächlich aber war die Brunnthaler Halle bereits lange vor Corona komplett finanziert und fertig geplant. "Dass wir das durchziehen, stand für uns immer außer Frage", sagt Grünebach.

Hinzu kommt: Wenn es einen Ort gibt, an dem selbst während einer Pandemie eine neue Boulderhalle funktionieren kann, dann ist das wohl Deutschlands Kletterhauptstadt. Während das Bouldern im Norden des Landes gerade erst so richtig anfängt zu boomen, hat in München vor allem unter jungen Leuten fast jeder schon Mal von dem Sport gehört. "Hier ist Bouldern kein Trendsport mehr, hier ist es längst im Breitensport angekommen", sagt Grünebach.

Das liegt einerseits an der Nähe zu den Bergen, die schon immer dafür sorgte, dass sich in der bayerischen Landeshauptstadt besonders viele alpinaffine Menschen tummelten. Gleichzeitig sind aber auch die Boulderwelt-Gründer als Pioniere mit dafür verantwortlich, dass der Sport in München so schnell in die Breite vordringen konnte. Mit leichten Routen für Anfänger, quasi nicht vorhandenen Einstiegshürden - im Gegensatz zum Klettern braucht man weder Gurt, noch Seil, noch Partner, geklettert wird auf Absprunghöhe bis fünf Meter - und der heutzutage unerlässlichen Prise Lifestyle sorgten sie mit dafür, dass das Bouldern sich rasant verbreitete. Mittlerweile dient es vielen nicht mehr als Ergänzung, sondern als Ersatz fürs Fitnessstudio.

Mit dem Vorstoß der Sportart in die Mitte der Gesellschaft stellten sich jedoch auch neue Fragen. Eine davon ist die Platzfrage: Schon vor Corona platzten die drei reinen Boulderhallen, die es bislang in München gab, aus allen Nähten, vor allem zwischen 18 und 20 Uhr. Nun, mit Einlassbeschränkungen und Mindestabstand, hat sich dieses Problem noch einmal verschärft. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an eine Boulderhalle. "Früher mussten wir uns beim Schrauben in den ambitionierten Kletterer hineinversetzen, heute in den Breitensportler, und zwar auf jedem Niveau", sagt Grünebach.

"Wir", das beinhaltet bei der Boulderwelt mittlerweile mehr als 500 Angestellte an bald sechs Standorten. Dementsprechend hat auch der Bau der neuen Halle nichts mehr mit der ersten Boulderwelt zu tun, die 2010 am Ostbahnhof eröffnete und inzwischen abgerissen ist. "Damals haben wir zu zweit jeden Tag 18 Stunden in der Halle gearbeitet", sagt Grünebach, "wir haben uns alles selbst beigebracht." Mittlerweile ist das anders: Die Boulderwände kommen von einem Hersteller aus Slowenien, für die Inneneinrichtung ist eine eigens dafür angestellte Crew verantwortlich und für die Routen beschäftigt die Firma in München zwölf festangestellte "Routenschrauber". Dementsprechend haben sich auch die Investitionen verändert. "Die erste Halle war ein Klacks im Vergleich zu heute", sagt Grünebach. "Unter einer Million geht in der Größenordnung gar nichts mehr."

Was ist nun das Besondere an dieser Halle, die im Münchner Süden hochgezogen wurde? Optisch erinnert sie an die neue Boulderwelt Ost, die im vergangenen Jahr im Kunstpark Ost eröffnete: große Fensterfronten und lichdurchflutete Räume auf der einen, gemütliche Sitzecken im modern-alpinen Stil auf der anderen Seite. Ein wesentlicher Unterschied ist die Aufteilung: Im Gegensatz zur Schwesterhalle verteilen sich die 2500 Quadratmeter Boulderfläche nicht auf drei Etagen, es findet alles auf einer Ebene statt. Im Frühjahr soll zudem - genau wie bereits im Osten und im Westen - ein Freikletterbereich auf dem Dach des Parkdecks hinzukommen.

Wer eine der bestehenden Boulderwelten kennt, dem wird rein optisch in der neuen Halle zwar vieles bekannt vorkommen, es gibt aber auch ein paar echte Neuerungen. Dazu gehört das "Kilter Board", bei dem man die Steigung der Wand elektronisch justieren und sich dann per LED-Beleuchtung anzeigen lassen kann, mit welchen Griffen gebouldert werden soll. Auch die ein oder andere Wandform gibt es so bislang in keiner Münchner Halle, etwa eine freischwebende Weltkugel oder eine wellenförmige Wand. Eine weitere Besonderheit ist, dass die neue Halle stärker für den Nachwuchs gedacht ist. "Ein Drittel der Halle ist für Familien und Kinder ausgelegt", sagt Grünebach. "Wer laufen kann, kann bei uns auch bouldern."

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Folgt nach den Boulderwelten Ost, Süd und West bald der einzig logische Schritt, eine Boulderwelt Nord? "Ich kann nur so viel sagen: Wir planen bereits neue Projekte für die Zeit nach der Pandemie", sagt Grünebach. Dass künftig im Jahrestakt neue Boulderwelten aus dem Boden sprießen, sei aber unrealistisch. "Wir wollen und werden weiter expandieren, aber in unserem Tempo. Wir wollen nicht das McFit der Kletterszene werden."

© SZ vom 29.10.2020/van/vewo
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