Münchner Momente:Zeit für Brückentage

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Münchner Momente: Die Hackerbrücke ist ein Klassiker für Sonnenuntergangsgenießer.

Die Hackerbrücke ist ein Klassiker für Sonnenuntergangsgenießer.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Im zweiten Pandemie-Winter haben Münchens Überführungen eine regelrechte Metamorphose durchgemacht. Kein Wunder: Im Vergleich zu einer Parkbank haben sie entscheidende Vorteile.

Von Philipp Crone

Brücken sind in München die eigentlichen Corona-Gewinner. Neben Flaschenbier, Jogginghosen und Lieferdiensten natürlich. Aber die diversen Versionen, die sich über den Stadtfluss spannen, sie haben gerade in diesem zweiten Pandemie-Winter auf einmal eine regelrechte Metamorphose durchgemacht. Waren sie noch vor zwei Jahren ausschließlich Weg, nie Ziel, Gestalt gewordene Beschleunigung und Ermahnung, gefälligst zügig noch hierhin und dorthin zu eilen. Natürlich gibt es die seit jeher von Sonnenuntergangstrinkern bevölkerte Hackerbrücke, aber ansonsten lud bislang kaum eines der Bauwerke zum Verweilen ein, eher zum Vorbeieilen. Wer wollte schon im Verkehrslärm stehen?

Nun ist es Winter, die Sonne selten und meist schief im Schein, da profitiert so eine Normalo-Brücke - wie etwa die namens Reichenbach - davon, dass in dieser zugebauten Stadt immerhin noch keine Gebäude über die Isar ragen und die Wintersonne demnach so lange auf die derzeit zahlreichen Geländerlehner scheint, bis sie hinter einer leer gentrifizierten Dachgeschosswohnung verschwindet. Statt Tausender Liebesschlösser sind nun eben gleich die Liebenden selbst zugegen - oder zumindest erste Tinder-Dates - und schauen mit zusammengekniffenen Augen in Zukunft und Sonnenuntergang. An manchen Tagen ist es auf den Isarbrücken zwischen Zoo- und Tivolibrücke derart voll, dass die hiesigen Gastronomen längst Reservierungskärtchen nebst Tischen aufstellen müssten.

Vielleicht sind manche ja einfach müde von der Spazierpflicht, die man seit Pandemie-Beginn spürt. Und einen weiteren Vorteil hat so eine Brücke natürlich gegenüber einem schnöden Spaziergang und einer Parkbank: Das Tresengefühl, diese leicht vorgelehnte Lässigkeit, Blick irgendwohin, Hand fest am Getränk. Statt im Gehen das Wegbier runterzudrücken, kann man auf einer Brücke selbiges gar abstellen. Und wer dann noch unbedingt Bewegung will, muss nur der Isar beim Fließen zusehen.

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