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Bauen in München:100 Jahre alte Bäume sollen Neubau weichen

Im Oktober 2019 demonstrierten die Nachbarn zum ersten Mal gegen die geplanten Baumfällungen. An ihrem Protest halten sie weiterhin fest.

(Foto: Catherina Hess)

In Haidhausen regt sich Widerstand gegen die Erweiterungspläne eines Hausbesitzers in seinem Hinterhof. Die Stadt prüft den Antrag gerade, der Fällungen vorsieht, sagt aber auch: "Baurecht bricht Baumrecht".

Von Johannes Korsche und Patrik Stäbler, Haidhausen

Die Robinie, die Kastanie, der Ahorn und die drei Linden - sie standen schon im Hinterhof an der Breisacher Straße, als im Krieg die Bomben fielen und das Haus vor ihnen teilweise zerstörten. Sie waren da, als sich Haidhausen vom Glasscherben- zum In-Viertel entwickelte, wodurch sich etliche Immobilieneigentümer eine goldene Nase verdienten. Genau da schließt sich der Kreis ins Hier und Heute. Denn geht es nach dem Eigentümer des Wohnhauses Breisacher Straße 5, dann sollen drei der mehr als 100 Jahre alten Bäume gefällt werden, um Platz zu machen für einen dreistöckigen Neubau. Gegen diese Pläne gibt es massiven Widerstand - von Mietern, Nachbarn und dem Bezirksausschuss (BA) Au-Haidhausen.

Schon vor gut einem Jahr schlugen die Wogen erstmals hoch. Seinerzeit wurde bekannt, dass der Hauseigentümer im Hinterhof einen Neubau plant - als Erweiterung für den Kindergarten im Vorderhaus. Bereits damals hegten die Nachbarn den Verdacht, dass das Gebäude mittelfristig in Wohnungen umgewandelt werden solle, sagt Ursula Paulick, die an der Breisacher Straße 7 lebt. Der BA, der das Vorhaben ablehnte, ging in seiner Stellungnahme explizit auf diese Befürchtung ein. Der SZ teilte der Antragsteller damals mit: "Wir haben noch nie Umwandlungen irgendwelcher Art gemacht und werden Umwandlungen auch in Zukunft nicht machen."

Laut Lokalbaukommission (LBK) zog der Eigentümer seinen Bauantrag später zurück; er selbst gibt an, dass das Vorhaben nicht genehmigt worden sei - vor allem "aus Angst der Nachbarn vor Lärmbelästigung". Diese konnten indes nicht lange aufatmen, denn inzwischen liegt der nächste Bauantrag vor - auf Errichtung eines Rückgebäudes mit fünf Wohnungen und einer Gewerbeeinheit. Außerdem sollen ein Aufzug und ein Müllraum am Vorderhaus entstehen. Die Pläne würden aktuell von der LBK geprüft, teilt ein Sprecher des Planungsreferats mit. Ihm zufolge ist die Fällung von drei Bäumen vorgesehen. Ob dies genehmigt wird, ist offen. Jedoch verweist der Sprecher darauf, dass in der Regel, sofern das Vorhaben genehmigungsfähig sei, gelte: "Baurecht bricht Baumrecht." Nur geringe Chancen auf den Erhalt der uralten Bäume sieht auch Tobias Ruff. "Das zeigt die Erfahrung in anderen Innenhöfen", sagt der ÖDP-Stadtrat. Er hat einen Stadtratsantrag eingereicht, wonach das Rathaus in Verhandlungen mit dem Eigentümer "über die Ablöse bestehenden Baurechts" treten soll. Sprich: Die Stadt würde ihm Geld bezahlen, damit er auf sein Vorhaben und die Fällung der Bäume verzichtet.

Derweil lehnt der BA auch die neuen Pläne ab. "Eine derart massive Nachverdichtung im Innenhof ist nicht wünschenswert, allein schon wegen des schützenswerten Baumbestands", heißt es in seiner Stellungnahme. Überdies soll der LBK der "Schriftverkehr mit Betroffenen" weitergeleitet werden, "um dort das Gesamtbild des Antragstellers abzurunden". Nach SZ-Informationen hat der Eigentümer, nachdem er das Haus von der Stadt gekauft hatte, etliche Wohnungen energetisch sanieren lassen. Die Folge seien teils drastische Mieterhöhungen gewesen, wodurch Bewohner "rausgeekelt" worden seien, so formuliert es Ursula Paulick. Eine von ihnen ist Marga Kajanne, die 2018 auszog - wegen des Vermieters, sagt sie. Dieser habe die Sanierungen durchgedrückt. Dazu teilt der Eigentümer mit: "Das Anwesen Breisacher Straße 5 wurde im Rahmen der bestehenden Gesetze modernisiert." Und weiter mit Blick auf mehrere Gerichtsverfahren: "Alle vom Eigentümer beabsichtigten Modernisierungsmaßnahmen wurden letztendlich in letzter Instanz nach Ablauf von mehreren Jahren gerichtlich rechtskräftig bestätigt und dann auch umgesetzt."

Der Hauseigentümer sei eben jemand, der "einen Geschäftssinn hat", hat Nachbarin Jule Weiss beobachtet. Nach SZ-Informationen sind inzwischen mehrere Wohnungen an Studenten-WGs vermietet, was zumeist lukrativer ist. Der Eigentümer betont, dass sich jüngere Menschen als Mieter anböten - wegen des Lärms durch den Kindergarten, und weil es keinen Aufzug gibt. Noch. Dass sich dies ändern soll, betrachten viele Mieter mit großer Sorge. Sie fürchten, dass der Einbau eines Aufzugs zu weiteren Mieterhöhungen führen wird.

Derweil kämpfen die Nachbarn gegen den Verlust ihres "Biotops", wie es ein Bewohner der Breisacher Straße 3 in der BA-Sitzung beschrieben hat. Würden die uralten Bäume gefällt, wäre dies ein Rückschlag für den Klimaschutz und eine "Katastrophe" für die vielen dort lebenden Vogelarten. "Ich weiß nicht, wie ich das meinen Kindern erklären soll", sagt auch Jule Weiss aus der Breisacher Straße 7. Ihre Tochter und ihr Sohn demonstrierten bei "Fridays for Future", überall sei davon die Rede, wie wichtig Bäume fürs Klima seien - und in ihrem Hof müssten sie zuschauen, wie die Bäume abgeholzt werden? "Meine Mutter", sagt Ursula Paulick, "ist mit fünf Jahren in das Haus eingezogen. Als ich ihr erzählt habe, was aus dem Hof werden könnte, ist sie in Tränen ausgebrochen".

© SZ vom 25.11.2020/van
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